Wer braucht schon einen Heimvorteil, wenn er in einer anderen Spielstätte zum wiederholten Mal einen Titelgewinn feiert. Der Audi Dome in München jedenfalls, die Olympiahalle von 1972, hat ihren Schrecken für Alba Berlin verloren. Nach 2020 und 2021 haben die Berliner auch am Sonntag die deutsche Meisterschaft in der bayrischen Landeshauptstadt gewonnen. Zwei Tage nach dem vergebenen ersten Matchball in eigener Halle setzten sich die Berliner deutlich mit 96:81 durch und konnten verdient zum dritten Mal in Folge die Trophäe dafür in Empfang nehmen.

Am Freitagabend hatte die noch im Scheinwerferlicht der Arena am Ostbahnhof gefunkelt. Doch anstatt durch die Hände der Berliner Spieler zu gehen und mit alkoholischen Getränkten befüllt zu werden, musste der silberne Meisterpokal von den Ligaverantwortlichen der Bundesliga wieder mit weißen Handschuhen eingepackt werden und ebenfalls die Reise nach München antreten.

Alba vergibt 42 Stunden zuvor den ersten Matchball

Nachdem Alba Berlin die Meisterfeier rund 42 Stunden zuvor in eigener Halle verpasst hatte, wurde die Trophäe also auf dem Feld der Spielstätte des FC Bayern am Sonntagnachmittag wieder den Zuschauern und Spielern präsentiert. „Jetzt ist die große Frage, wie man mental mit so was umgeht“, sagte Marco Baldi neben dem Pokal stehend vor der Partie am Mikrofon von Magentasport. „Ob man zurückfindet zu seinen Möglichkeiten, zu dem, was uns auszeichnet, und ob man es auch anwenden kann. Ich glaube, wir werden es anwenden, ob es reicht, wissen wir trotzdem nicht, aber ich bin sicher, dass es ein ganz anderes Spiel als in Berlin wird.“

Genau wie die Zuschauer in der brütend heißen Halle bekam der Geschäftsführer von Alba Berlin für dieses Vorhaben zwei personelle Veränderungen in der Startformation zu sehen: Johannes Thiemann und Oscar da Silva sollten mit ihrer Athletik offensive Gefahr und schnelle Füße in der Verteidigung gegen die kleine Formation der Bayern liefern. Ein Plan, der in den ersten anderthalb Minuten bestens aufging.

Thiemann erzielte per Korbleger die ersten Punkte, sammelte einen Rebound und lieferte die Vorlage für einen der beiden Dreier von Jaleen Smith – so viele erfolgreiche Distanzwürfe hatte Alba am Freitag über die gesamten 40 Minuten erzielt. Als Johannes Thiemann ein paar Sekunden später auch noch drei Freiwürfe verwandelte, lag Alba Berlin mit 11:0 in Führung und zeigte an beiden Enden des Feldes eine ganz andere Körpersprache als in Spiel drei.

Apropos Körpersprache: Als der Alba-Center kurz darauf per Korbleger das 13:2 und damit bereits sieben Punkte erzielte hatte, nahm Münchens Trainer Andrea Trinchieri nicht nur die erste Auszeit, sondern hielt sich verärgert die Hand vor die Augen. Da seine Spieler im Anschluss auf den Berliner Schnellstart mit einem 7:0-Lauf antworteten und beide Mannschaften ihren Rhythmus gefunden hatten, verlief der Rest des ersten Viertels ausgeglichen, Alba aber blieb bis zur ersten Pause stehts in Führung.

Das 26:17 nach den ersten zehn Minuten hatte nicht nur für einen beruhigenden Vorsprung, sondern auch dafür gesorgt, dass auf Berliner Seite alle nach dem 60:90 vom Freitag möglicherweise aufgekommenen Zweifel beiseitegewischt wurden. Weiter war es Johannes Thiemann, der den Münchnern große Probleme bereitete und mit seinen 13 Punkten erheblichen Anteil daran hatte, dass die Berliner den Vorsprung zwischenzeitlich auf 21 Zähler (48:27) vergrößern konnten.

Zu Albas Spiel gehört es nicht erst in dieser Saison, dass mit einem guten Gefühl in der Offensive, guten Trefferquoten und intensiver Verteidigung auch der Spielwitz steigt und die spektakulären Aktionen zunehmen. Viel spektakulärer als das, was Mitte des zweiten Viertels zu sehen war, spielt aber auch Alba Berlin nicht in jeder Partie. Fixpunkt in dieser Phase: Christ Koumadje. Egal ob seinen Abschlüssen ein Fehlwurf der Teamkollegen oder ein Anspiel ebendieser vorausging – der mit Abstand größte Spieler auf dem Feld schloss spektakulär per Dunking ab. Wenn man etwas am Alba-Spiel kritisieren wollte, dann war es die Tatsache, dass der Vorsprung zur Halbzeit nicht mehr als 16 Punkte (52:36) betrug.

Die Berliner behalten nach dem Seitenwechsel den Fokus

Noch lange also kein Grund, um in übertriebene Euphorie zu verfallen und Gedanken an die eingangs erwähnte Trophäe zu verschwenden, wie man im kurzsilbigen Halbzeit-Interview von Johannes Thiemann hören und sehen konnte. Bloß nicht den Fokus nach dem Seitenwechsel verlieren, sondern noch einmal konzentrierte 20 Minuten abliefern, hieß die Devise aus Berliner Sicht. Mit genau diesem Fokus war der Vorsprung nach dreieinhalb Minuten wieder auf 21 Punkte gestellt (61:40) und der Stimmungsstecker im Münchner Publikum gezogen.

Nein, diesen zweiten Matchball würde man an diesem Tag nicht vergeben. Nach jedem Fehlwurf gingen die Berliner weiter aggressiv zum Rebound, in der Verteidigung wurde weiter intensiv gearbeitet und den Münchnern kein einfacher Wurf gestattet. Zwischenzeitlich betrug der Vorsprung im dritten Viertel 24 Punkte, ließ die Berliner aber ein wenig den Fokus verlieren. Die Bayern verkürzten im Schlussabschnitt noch einmal auf 13 Zähler, mussten aber dennoch zuschauen, wie die Berliner in ihrer Halle die Meisterschaft feierten.