Berlin - Die Vorbereitung auf so ein Spiel beginnt im Kopf. Information. Verarbeitung. Anwendung. Wie gründlich Aaron Rodgers mit Informationen umgeht, verdeutlicht vielleicht eine Sequenz aus dem Videopodcast seiner früheren Freundin Danica Patrick. Die amerikanische Autorennfahrerin hat Rodgers in ihrem Haus interviewt, als sie noch ein Paar waren. Sie sitzen vor einem rustikalen Sideboard in gemütlichen sandfarbigen Kissen auf zwei Holzsesseln. Patrick fragt den Quarterback der Green Bay Packers nach seinen Lieblingsbüchern. „JFK“ ist eines davon, ein Buch über John F. Kennedy. Patrick will wissen, ob Rodgers das Buch dreimal gelesen habe. „Klar.“ Rodgers grinst. Er liebe es, zuerst Stellen zu unterstreichen, sie beim zweiten Lesen bunt zu markieren und sich beim dritten Lesen Notizen zu machen. „Es ist das dichteste Buch, das ich kenne“, sagt Rodgers, „es steckt so viel Information drin. Die will ich behalten.“

Rodgers und Brady sind die besten Quarterbacks der Liga

Man kann sich demnach vorstellen, wie gründlich Rodgers das Playbook der Green Bay Packers studiert hat, wie exakt er die Spielzüge des Gegners analysiert, wie genau er die Laufwege, die Körpersprache seiner Mitspieler und Gegner kennt. Rodgers weiß, wie es in der Amerikanischen Football-Liga (NFL) läuft: „Der Quarterback wird, ob das fair oder unfair ist, am Erfolg in den Play-offs gemessen. Man erinnert sich später auch an die Quarterbacks – Terry Bradshaw, Joe Montana, Tom Brady“, an diejenigen also, die mehrere Super Bowls gewonnen haben.

Daher weiß Rodgers natürlich, wie sehr es am Sonntag im Conference-Championship-Game gegen die Tampa Bay Buccaneers auf ihn ankommt. Es geht um den Einzug in den Super Bowl. Dieses Spiel im Lambeau Field von Green Bay (21.05 Uhr, Pro Sieben) lässt sich auf das Duell der Quarterbacks verdichten: Aaron Rodgers, 37, gegen Tom Brady, 43. „Das sind zwei der besten Quarterbacks der Liga. Vielleicht in der Geschichte der NFL“, sagt der deutsch-amerikanische Passempfänger der Packers Equanimeous St. Brown.

Der Quarterback ist der Alpha-Mann unter den Alpha-Männchen im Team. Vor allem von ihm hängt es ab, ob seine Farben gewinnen, ob er für jede Situation die richtige Lösung findet. „Für mich ist es egal, ob es gegen Tom Brady geht“, meint St. Brown. Für Aaron Rodgers sei es allerdings „ein bisschen wichtig“. Denn auf die einfachste Frage heruntergebrochen lautet das Duell: Wer ist der bessere Quarterback?

„Ich weiß, er hat nicht so viele Super Bowls gewonnen, aber als Quarterback, als Spieler glaube ich, ist Aaron Rodgers besser“, sagt St. Brown. Brady gewann sechsmal den Super Bowl, Rodgers erst einmal – vor zehn Jahren. Davante Adams, auf den Rodgers den Ball am liebsten wirft, bestätigt: „Meiner Meinung nach ist Rodgers der Größte aller Zeiten.“

Aaron Rodgers liefert die besten Zahlen seiner Karriere

Aber hängt ein Quarterback nicht auch von seiner Offense ab, Erfolg und Misserfolg nicht auch von der Defense? Kann man Quarterbacks überhaupt vergleichen? Als der Tight-End Martellus Bennett vom langjährigen Brady-Klub New England Patriots zu den Packers wechselte, wurde er gefragt, wie es sich anfühle, von Brady zu Rodgers zu wechseln. Bennett antwortete: „Das ist so, als würde man Jennifer Lopez verlassen und mit Halle Berry zusammenkommen.“

Anders als Brady, der im ersten Jahr bei den Buccaneers erst mal mit seinen neuen Kollegen zusammenfinden musste, hat Rodgers bislang die besten Zahlen seiner 16 Jahre langen NFL-Karriere abgeliefert: 4299 Yards, 48 Touchdowns und 562 Pässe, von denen lediglich fünf vom Gegner abgefangen wurden. Er gilt als Anwärter für die Auszeichnung als wertvollster Spieler der Hauptrunde. 

Dabei hatten die Packers, statt ihrem Spielmacher mit starken Passempfängern zu helfen, in der ersten Runde der Talentevergabe den jungen Quarterback Jordan Love geholt. Sie präsentierten ihm also einen Kerl, der sein Nachfolger werden will. Dem setzte Rodgers Top-Statistiken entgegen. Und zuletzt, im Play-off gegen die LA Rams ein stilles Lächeln unter dem gelben Käsehelm, das den Gegnern bedeutete: Jungs, ihr seid echt gut. Aber wir sind besser.  

Rodgers ist ein intelligenter Mensch. Als Junge bekam er zweimal die Woche Hochbegabten-Unterricht. Dort lernte er Schachspielen, viel über das Wetter, über griechische Mythologie. Seine freien Stunden verbrachte er mit dem Simulationsspiel Strat-O-Matic. Dabei ging es um Baseball. Darum, anhand von Bewertungen, Ergebnistabellen und Würfeln strategische und persönliche Entscheidungen zu treffen. Mathematik, Statistiken, Wahrscheinlichkeiten sind Rodgers Ding. 

Aaron Rodgers freut sich auf die Minusgrade

Sogar die kindlichen Erkenntnisse übers Wetter helfen dem Quarterback im kalten Green Bay nun. Für Sonntag sind Minus 1 Grad Celsius angesagt. Bradys Buccaneers reisen aus dem 23 Grad warmen Florida an. Rodgers, der Frostkönig, liebt das Spiel bei Schneefall. „Luftfeuchtigkeit spielt eine Rolle. Wie sich der Ball dabei anfühlt, wie der Ball aus der Hand geht. Es gibt einfach wirklich viele Faktoren, die du in kurzer Zeit bedenken musst“, sagt der Mann, der seine besten Leistungen meist dann gezeigt hat, wenn er unter dem größten Druck gestanden ist.