All die Untiefen und Abgründe der menschlichen Seele lassen sich erkunden und vermessen. Haben jedenfalls Psychologen aus Ulm, Landau und Kopenhagen im vergangenen Jahr herausgefunden. Sie gehen davon aus, dass Egoisten, Narzissten, Psychopathen, Sadisten und andere eher bösartige Menschen einiges gemeinsam haben, nämlich: einen „dark factor“ in ihrer Persönlichkeitsstruktur. Gemeint ist damit ein extremer Hang, den eigenen Nutzen zu maximieren und dabei den Schaden der anderen bereitwillig in Kauf zu nehmen oder sogar absichtlich herbeizuführen. Und was hat das mit Fabian Lustenberger zu tun? Warum hat ein Fanklub von Hertha BSC einen Abschiedssong („Lusti, wir brennen für dich“) gedichtet, in dem es geheimnisvoll heißt: „Der Schweizer mit der dunklen Seele“?

Die Tatsache, dass Cheftrainer Pal Dardai und sein Chefassistent Rainer Widmayer Hertha im Sommer verlassen, hat zuletzt die Gewissheit überlagert, dass auch Lustenberger, 31, seit zwölf Dienstjahren in Berlin – keiner im Kader hat mehr – ebenfalls noch zwei finale Spiele vor sich hat, bevor er sich den Young Boys Bern anschließt; an diesem Sonnabend um halb vier in Augsburg, eine Woche später im Olympiastadion gegen Leverkusen. Bitte extra saugfähige Taschentücher mitbringen.

Besuch in der Kinderklinik

Lustenberger, der den inoffiziellen Status Vereinslegende genießt und bei Heimspielen als Einziger mit dem Ostkurvenruf „Fußballgott!“ begrüßt wird, hat bereits glaubhaft versprochen: „Ich bin und bleibe Herthaner.“ Und seit Januar immer wieder angekündigt: „Ich nehme noch alles mit.“ Bislang sind es 305 Pflichtspiele oder eben 22 983 Minuten, fünf (meist grandiose) Tore, acht Vorlagen, dazu eine Ehefrau (kommt aus Brandenburg), drei Kinder (leben seit zwei Jahren in der Schweiz), viele Freundschaften und erst am Donnerstag wieder jede Menge leuchtende Augen, als Lustenberger eine Kinderklinik besuchte.

Und dieser Typ soll eine dunkle Seele haben? „Was sie damit meinen, weiß ich wirklich nicht. Man könnte jeden Menschen in meinem Umfeld fragen, aber von einer dunklen Seele würde niemand sprechen, da bin ich mir ziemlich sicher“, sagte Lustenberger der Berliner Morgenpost.

Es gibt sie trotzdem, diese eine Zielgruppe, der Lustberger eher unfreundlich begegnet, weil diese Zielgruppe nun mal etwas hat oder will, was er auch hat oder haben will: den Ball. Da ist Lustenberger voll auf seinen eigenen Nutzen fokussiert, die Gegner sind sein Ziel, manchmal, aber nur manchmal nimmt er auch in Kauf, dass es kracht und wehtut.

Zu den unterschätzen Geschichten dieser Saison gehört das Kapitel, in dem steht, dass Lustenberger der beste Zweikämpfer seiner Mannschaft ist. Seine Erfolgsquote liegt bei 65,2 Prozent, was Bundesligaplatz elf bedeutet; in der vergangenen Saison waren es sogar 70,4 Prozent und Gesamtplatz drei. Auch das wird Hertha fehlen in der Zukunft. So wie Lustenbergers besondere Gabe, auf dem Platz das zu tun, was gerade anfällt, ob im Mittelfeld oder in der Abwehr. Immerhin passt also diese Fansongzeile: „Dein Spiel ist polyvalent, du hast nie das Training verpennt.“

Abschiedsgespräch am Mittwoch

In seinen zwölf Jahren für Hertha hat Lustenberger im Schnitt 22 Ligaspiele bestritten; es wären mehr gewesen, wenn er nicht so häufig verletzt gewesen wäre und weniger, wenn man all die Saisonprognosen ernst genommen hätte, in denen es regelmäßig hieß, der Lustenberger, der werde diesmal wirklich seinen Stammplatz verlieren. Was er verloren hat vor drei Jahren, war lediglich das Kapitänsamt, weil Dardai sich mehr körperliche und verbale Präsenz wünschte auf dem Platz, einen „ganz großen Anführer“.

Die Wahl des Trainers fiel auf Vedad Ibisevic, der wahrscheinlich einen höheren „dark factor“ vorweisen kann. Nach der Absetzung schwieg Lustenberger monatelang, dann sagte er: „Ich hatte schon ein paar Tage damit zu tun.“ Warum er nicht eher darüber sprechen wollte? „Ich glaube, das konnte ich mir rausnehmen.“ Ja, konnte er, durfte er auch. Genauso das Recht, erst am kommenden Mittwoch über seinen Abschied zu sprechen. Bleibt ja noch ein bisschen Zeit, um über die dunkle Seele nachzudenken.