Uli Hoeneß (r.) bei der Fußball-Weltmeisterschat 1974 beim Spiel Deutschland gegen Schweden (4:2), links Co-Trainer Jupp Derwall.  
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MünchenUli Hoeneß benötigte keine 24 Stunden, um für Schlagzeilen in Dauerschleife zu sorgen und noch einmal viele seiner Facetten zu präsentieren, auf die nun zurückgeblickt wird. Stolz schwärmte er vom soeben errungenen 4:0 gegen Borussia Dortmund, „Weltklasse“ nannte Hoeneß diesen Sieg im Klassiker der Bundesliga. So habe er sich sein letztes Spiel als Präsident des FC Bayern vorgestellt, „meinen Abschied“, wie er sagte. Er denke natürlich auch an Freitag, an seinen Ausstand auf der Jahreshauptversammlung. „Es ist angenehmer, wenn man dort mit einem 4:0 einmarschiert als mit einem 0:2.“

Und natürlich dachte er am vergangenen Sonnabend auch daran, wie nun übergeordnet auf sein Lebenswerk geblickt wird, wie es bewertet wird – und wie er bewertet wird. Hoeneß ging es nun um die Deutungshoheit, er erinnerte an die Anfänge, dann sagte er zu den versammelten Reportern: „Jetzt schauen Sie mal da raus“, er deutete aus der Interviewzone in den Innenraum der Münchner Arena, „was da steht.“ Man habe keine Schulden, „alles abbezahlt“, er legte eine kurze Pause ein, „dafür stehe ich.“

Auf der Zielgeraden

Was folgte, wirkte wie ein rasender Abriss dessen, wofür Hoeneß, dieser Mann, der durchaus eine soziale Ader hat, aus Sicht des Publikums ebenso steht: für Widersprüche, Polarisierendes, Überraschungen, Angriffe, Selbstgewissheit und Drohgebärden.
Am Vormittag nach dem Spiel gegen Dortmund rief er bei „Doppelpass“, dem Fußball-Frühschoppen von Sport 1, an und ließ sich live in die Sendung schalten, um zu poltern. Aber vor allem, um Vereinspolitik zu betreiben vor der letzten Aufsichtsratssitzung unter seiner Leitung, die mit der Absichtserklärung enden sollte, den Sportdirektor Hasan Salihamidzic im kommenden Sommer zum Sportvorstand zu befördern.

Es sei „unverschämt“, dass nicht über Salihamidzic gesprochen werde und wenn doch, dann „total despektierlich“, rief Hoeneß im „Doppelpass“ ins Telefon. Zur spontanen Einladung des Moderators Thomas Helmer, ein ehemaliger Profi des FC Bayern, er könne gerne in die nächste Sendung kommen, sagte Hoeneß: „Da muss man dann schauen, welche Qualität eingeladen ist.“

Ein paar Stunden später, nun bei seinen Basketballern des FC Bayern, legte Hoeneß nach: „Der eine oder andere Journalist wird sich jetzt schon gefallen lassen müssen, dass ich die Abteilung Attacke wieder ausfahre.“ Und er sagte: „Immer, wenn ich Unsachliches höre und sehe, werde ich den Verein wie eine Glucke bewachen.“

Es wirkte, als wolle Hoeneß auf der Zielgeraden vor seinem Abtritt als Präsident noch einmal auf alles und jeden voller Angriffslust losstürmen wie einst als nicht übermäßig talentierter, aber extrem ehrgeiziger Spieler des FC Bayern und der Nationalmannschaft, der sich hochgearbeitet hatte und die 100 Meter in elf Sekunden lief.

Uli Hoeneß als Stürmer 1975.
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Manchen imponierte Hoeneß’ wuchtige Omnipräsenz nun, andere fanden sie peinlich, wie andere Ausbrüche zuvor. Wie auf der legendären Pressekonferenz im Oktober 2018, die mit dem Verweis auf die unantastbare Menschenwürde eingeleitet wurde, ehe Hoeneß nur Minuten später dem ehemaligen Bayern-Profi Juan Bernat nachrief, dieser habe einen „Scheißdreck“ gespielt. Oder wie zuletzt, als sich Hoeneß schützend vor Nationaltorwart Manuel Neuer warf und über dessen Konkurrenten Marc-André ter Stegen sagte, dieser habe überhaupt keinen Anspruch zu spielen.

Im TV-Studio am vergangenen Sonntag lachten einige der Gäste über Hoeneß. Es war allerdings weniger ein amüsiertes Lachen, sondern eher ein Auslachen. An diesem Freitag wird Hoeneß wieder im Mittelpunkt stehen, und man darf davon ausgehen, dass sein Ausstand auf der Jahreshauptversammlung so triumphal geraten wird, wie er sich das wünscht.Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge äußerte sich ganz in diesem Sinne. Hoeneß sei der Architekt und der Spiritus Rector des FC Bayern und habe „rauschenden Beifall“ verdient.

Anders war es im Vorjahr gewesen, als er erstmals von einem erheblichen Teil der Mitglieder ausgebuht wurde, nachdem er sich einer Diskussion über einen kritischen Redebeitrag verweigert hatte. Der FC Bayern sei keine „One-Man-Show“ und „nicht Ihr Eigentum“, hatte der Redner Johannes Bachmayr gesagt. Hoeneß hatte das schwer getroffen.

Abschied in der Olympiahalle

Derartiges muss er nun wohl kaum fürchten in der extra angemieteten Olympiahalle, die mehr als doppelt so vielen Menschen Platz bietet wie der sonst für die Konvente genutzte Audi Dome. Vorgesehen ist ein Abschied durchs ganz große Tor mit ebensolchen Emotionen. Und die dürfte Hoeneß gewohnt zuverlässig liefern, ebenso wie eine letzte, freie Rede als Präsident voller Wucht. Und dann, als künftig einfaches Mitglied im Aufsichtsrat bis November 2023? „Ich bin nicht so ehrgeizig, dem Verein jetzt weiter meinen Stempel aufzudrücken“, hat der 67-Jährige jüngst gesagt, „ich sehe mich in Zukunft als Elder Statesman, der seinen Rat anbietet, aber nicht aufdrängt.“

Ob das wirklich so kommt, ob sich Hoeneß wirklich zurücknehmen kann, ist eine der spannenden Fragen, die seinen Ausstand begleiten. Eine andere ist, wie es ohne den Patriarchen an der Spitze nach fast 50 Jahren im Verein, davon mehr als 40 als Manager und Präsident, weitergehen wird.

Und ob Hoeneß die Zeit nach ihm in der Hauptverantwortung in seinem Sinne wirklich weise geregelt hat, ob der Verein so gut für die Zukunft aufgestellt ist, wie er das hofft und denkt. Mit seinem Freund, dem ehemaligen Adidas-Vorstandschef Herbert Hainer, 65, als Präsident und Aufsichtsratschef. Mit dem früheren Bayern-Torwart Oliver Kahn, 50, der vom 1. Januar an eingearbeitet werden soll und von Rummenigge, 64, übernehmen soll, wenn dieser Ende 2021 als Vorstandschef abtritt. Und mit Hasan Salihamidzic, 42, der auch intern teils durchaus kritisch gesehen wird.

Der Spieler: Uli Hoeneß in der Saison 73/74 im Münchner Olympiastadion.
Foto: imago images/Fred Joch

Die Infrastruktur und die Wirtschaftszahlen sprechen dafür, dass Hoeneß’ Lebenswerk und Vermächtnis zukunftssicher aufgestellt sind. Als er 1979 mit 27 Jahren als Manager anfing, standen zwölf Millionen D-Mark Umsatz und sieben Millionen Schulden in der Bilanz. Nun liegen der Umsatz bei 750 Millionen Euro und der Gewinn nach Steuern bei 52,5 Millionen Euro, Letzterer beläuft sich auf 78 Prozent mehr als im Vorjahr. Das Eigenkapital beträgt fast eine halbe Milliarde Euro.

Andererseits ist es sportlich zuletzt eher bergab gegangen, auch wegen neureicher Investorenklubs in Europas attraktiveren Topligen. National ist der FC Bayern eigentlich unangefochtener Branchenführer, doch die sportliche Überlegenheit bröckelte zuletzt, trotz sieben Meistertiteln in Serie. Vor ein paar Jahren wurden sie stets mit zweistelligen Punktevorsprüngen Klassenbester.

Unter Trainer Niko Kovac, von dem sich der Verein vor zwölf Tagen trennte, reichte es in der Vorsaison immer noch zum Double aus Meisterschaft und Pokal, wenn auch knapp. In der Champions League aber war im Achtelfinale Endstation. Kovac war wie Salihamidzic als Kompromiss ins Amt gekommen, weil sich Hoeneß und Rummenigge nicht auf andere Kandidaten verständigen konnten.

Nun ist der von Rummenigge vor Kovac favorisierte Thomas Tuchel von Paris Saint-Germain als langfristiger Nachfolger des Übergangstrainers Hansi Flick wieder im Gespräch, ebenso wie Ajax Amsterdams Erik ten Hag, von 2013 bis 2015 Trainer der zweiten Mannschaft des FC Bayern.

Oliver Kahn hat sich auch schon zur Trainersuche geäußert und dabei in Teilen benannt, was der ebenfalls frühere Bayern-Kapitän Philipp Lahm bereits vor zehn Jahren kritisiert hatte und was viele an Hoeneß’ Wirken seit Pep Guardiolas Abschied 2016 bemängeln, nämlich die Entwicklung einer sportlichen Identität verschleppt zu haben. Es fehle eine klare Philosophie von den Profis bis zum Nachwuchs, eine übergeordnete Idee, hatte Lahm 2009 gesagt. Kahn sagte nun: „Man muss sich Gedanken machen, für welchen Fußball Bayern München steht, welcher Trainer dazu passt.“ Und es gehe darum, dass dieser eine Ära prägen könne.

Hoeneß Rückzug als Vorteil?

Es ist kein Zufall, dass gerade auch sehnsüchtig über eine Rückkehr Guardiolas spekuliert wird, der derzeit Manchester City im vierten Jahr trainiert. Hoeneß scheint zumindest teilweise zu spüren, dass sein Rückzug für den Verein auch von Vorteil sein könnte. Würde er sich noch einmal als Präsident bestätigen lassen, sagte er im Magazin Kicker, „würde ich die Entwicklung wieder drei Jahre aufhalten“. Hoeneß bezog das vor allem auf das leitende Personal.

Das Gerangel zwischen Hoeneß und Rummenigge hat die vergangenen Jahre geprägt, nachdem Hoeneß nach seiner Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 28,5 Millionen Euro Ende 2016 wieder ins Präsidentenamt zurückgekehrt war.

Vor der Haft war Hoeneß ein beliebter TV-Gast, in Polittalks gab er gerne das nationale und soziale Gewissen, gestützt durch seine Vita. Er war der fleißige Metzgersohn aus Ulm mit dem kaufmännischen Geschick schon als Spieler, der den sehr klammen FC Bayern zu einem Weltklub formte, 1982 einen Flugzeugabsturz überlebte, 2000 Christoph Daum als Bundestrainer wegen dessen Kokainkonsums verhinderte und oft im Stillen bei Problemen half.

Nach der Haft

Jene Glaubwürdigkeit, die Hoeneß’ Image über Jahrzehnte prägte, ließ sich nach der Haft nicht wiederherstellen. Wenn er nun poltert, polarisiert er nicht nur wie immer, er erntet auch vermehrt Kopfschütteln.

An diesem Freitagabend aber wird er gefeiert werden, auch für das, wofür sein Lebenswerk FC Bayern bewundert wird. Als erfolgreicher Familienklub, in dem Hoeneß oft seine soziale Kompetenz nachwies.
Dieser Teil seines Wesenskerns soll erhalten bleiben, das wünschen sich wie Hoeneß viele im Klub. Aber der Patriarch ahnt oder fürchtet, dass der FC Bayern ohne ihn an der Spitze „ein anderer Verein“ werden könnte.

Bevor Hoeneß seine Haftstrafe antreten musste, hatte er den Mitgliedern zugerufen: „Und dann, wenn ich zurück bin, werde ich mich nicht zur Ruhe setzen. Das war’s noch nicht.“  
Auch jetzt wird’s das noch nicht ganz gewesen sein, das hat Hoeneß in den vergangenen Tagen klargemacht. Es soll in seinem Sinne weitergehen, und er wird darüber wachen, auch ohne Spitzenamt.