Michael Parensen hatte einen außergewöhnlich guten Ausblick auf das Geschehen. Der Linksverteidiger − der sich später noch als Linksstürmer entpuppen sollte − verbrachte die erste Hälfte direkt am Spielfeldrand auf der Ersatzbank. Nichts, was ihm die Sicht verstellte oder die Sinne trübte, also konnte er hinterher genau sagen, warum der 1. FC Union beim Tabellenvorletzten in Darmstadt hoffnungslos unterlegen war. „Wir waren in allen entscheidenden Situationen überhaupt nicht auf dem Platz. Wir haben alles vermissen lassen, was wir uns vorgenommen hatten. Wir sind nicht in der Lage, unser Tor zu verteidigen“, erklärte er frustriert das 1:3 (0:3), das die Eisernen nun sogar noch den direkten Abstieg fürchten lässt.

Warum die Kollegen nicht eingriffen, als sich Fabian Holland zu Beginn an Christopher Trimmel vorbei durch den Union-Strafraum zum 1:0 stolperte, oder Stephan Fürstner, Marc Torrejon und Marvin Friedrich lieber im leeren Raum standen, als nach einem Freistoß Felix Platte am 2:0 zu hindern, wusste allerdings auch Parensen nicht zu beantworten. Manndeckung und Stellungsspiel haben schließlich wenig mit Druck und Abstiegsangst zu tun, sondern nur mit Konzentration. Und die war in der ersten Hälfte nicht vorhanden gewesen, auch wenn Steven Skrzybski und Akaki Gogia das Ergebnis hätten schönen können. „Wir brauchen nicht darüber reden, dass wir gute Chancen haben und dass es anders läuft, wenn wir in Führung gehen. Das ist alles Humbug, totaler Quatsch“, erkannte Parensen.

Abrutschen auf Rang 17 nicht ausgeschlossen

Gefährlich ist, dass sich der Quatsch zur Katastrophe auswachsen kann. Denn am Sonntag gewann Heidenheim gegen Sandhausen, und Duisburg tat mit einem Sieg gegen Regensburg das, was sich Union vorgenommen hatte − nämlich den Klassenerhalt zu sichern. Die Köpenicker können froh sein, dass unter dem freigestellten Trainer Jens Keller in der Hinrunde munter drauflosgestürmt und getroffen wurde. Das positive Torverhältnis könnte sich als rettend erweisen.

Weil die Toranfälligkeit hinten von André Hofschneider nicht gemindert wurde (22 Gegentreffer gegenüber 23 unter Keller in je 16 Partien), ist gar ein Abrutschen auf Rang 17 nicht ausgeschlossen, wenn am Sonntag im letzten Heimspiel gegen Bochum nicht gepunktet wird. Nicht mal Hofschneiders These, dass kein Gegentor drohe, wenn der Ball im eigenen Besitz sei, hielt der tristen Darbietung in Darmstadt nicht stand. Hätte Kristian Pedersen den Ball nicht am Fuß gehabt, wären kein Fehlpass und keine Ecke gefolgt. Also auch nicht das 0:3.

„Wir haben zu lange geträumt“

Würde der einstige Union-Trainer Uwe Neuhaus am finalen Spieltag in Dresden mit Dynamo die Köpenicker Zweitligadynastie beenden, die vor neun Jahren unter seiner Führung begann, wäre das die tragische Ironie einer Saison, deren Verlauf sich Union aufgrund Trainerwechsel und mangelnden Realitätssinns selbst zuzuschreiben hat. „Wir haben zu lange den Traum geträumt, noch oben mit reinzurutschen und vergessen, nach hinten zu gucken. Wir haben den Abstiegskampf zu spät angenommen, weil wir immer noch der Meinung waren, dass wir mit einem Sieg wieder oben mit dabei sind“, sagte Toni Leistner.

Wirklich angenommen haben das Ringen um den Klassenerhalt jedoch längst nicht alle. Parensen schon, auch weil er mit verletztem Knie eineinhalb Monaten zum Zuschauen und dem Blick auf das große Ganze verdammt war, während diejenigen auf dem Platz sich mit den vergebenen Torchancen über eine vermeintlich unverdiente Niederlage hinwegtrösteten. Der eingewechselte Parensen traf spät, weil er seine Muskeln unerbittlich in jeden noch so sinnlos erscheinenden Sprint trieb. So ermöglichte er seinem Trainer ein versöhnliches Fazit. „Das Positive war, dass wir den Kopf nicht unterm Arm, sondern auf dem Hals getragen haben“, sagte Hofschneider. Das möchten wir als Bild mal so stehen lassen.