BERLIN - Als der rechte Zeigefinger merkte, was die linke Gehirnhälfte angerichtet hatte, war es bereits zu spät. Drei Buchstaben, ein Fehler: BCS. Und der stand jetzt für alle sichtbar auf Sand geschrieben.

Es ist unfair, hier den Sender RBB mitverantwortlich zu machen für die Beziehungsprobleme, die Berlin und Hertha BSC miteinander haben. Aber da war diese eine Szene, die Tausenden Fernsehzuschauern so anschaulich zeigte, warum die Stadt und ihr einziger Fußballerstligist aneinander vorbeileben. Warum sie achtlos miteinander umgehen. Sich kaum füreinander interessieren. Und warum die meisten Berliner diesen Verein vielleicht gar nicht vermissen würden, sollte er mal wieder absteigen.

Das könnte er in der nächsten Woche. Nicht mehr direkt, nur noch auf dem Umweg Relegation. Es wäre der dritte Abstieg binnen sechs Jahren. Aber wenn Hertha an diesem Sonnabend in Hoffenheim gewinnt, unentschieden spielt oder auch mit nur einem Tor Differenz verliert, wird sich der Klub wahrscheinlich retten.

Es war also der letzte Sonntagabend im Januar, kurz nach zehn, die Sendung heißt Sportplatz, und der RBB-Moderator wollte einen Beitrag über den schon damals von der Zweitklassigkeit bedrohten Klub mal etwas anders einleiten. Mit Sand. Den hatten ihm Reporter aus Belek in der Türkei mitgebracht. Nach einer mäßig bis kaum erfolgreichen Hinrunde war Hertha BSC in der Winterpause an die türkische Riviera geflogen, um zu Form und Fitness für die Rückrunde zu finden. Ein bisschen sollte auch die Freude am Spiel zurückkehren. Der Trainer hieß Jos Luhukay, der vielen, auch vereinsinternen Zweiflern zum Trotz noch einmal den Suchauftrag bekommen hatte. Die Hoffnung war wohl stärker.

Das war die Ausgangslage für den Moderator, als er den Sand in eine weiße Schale kippte und die Kamera seinen rechten Finger heranzoomte, wie er ein großes B malte, dann ein C, dann ein S. Beim C stockte die Bewegung, das Gehirn hatte den falschen Impuls bemerkt, aber es gab kein Zurück mehr. Der Moderator sagte Hertha – und schrieb ein BCS dahinter. Hertha BCS! Im RBB! Passiert mal. Und trotzdem.

Die demütigen Jahre

Den Fernsehpannensammlern ist das nicht entgangen. Zwei Tage später machte sich Stefan Raab bei TV Total darüber lustig. Er grölte vor Hunderttausenden Fernsehzuschauern: „Ha-ho-he! Hertha BCS!“

Der stolze Reim der Ostkurve klang plötzlich so schief. Er wurde vom Sande verweht. Und so lachte Deutschland auch wieder über einen Fußballklub, der aus der Hauptstadt kommt, aber dort nur im Westteil zu Hause ist. Der piefig und provinziell geblieben ist. Manchmal ist er peinlich. Zuletzt war er seltsam verkniffen. Demütig wäre eine wohlwollende Umschreibung.

Die Skandaljahre der Siebziger sind vorbei, als Hertha nicht besser war als das bestechliche West-Berlin. Auch die fetten Jahre der jüngeren Vergangenheit, in denen der frühere Manager und Klubpatriarch Dieter Hoeneß Geld ausgab, das er noch gar nicht eingenommen hatte, sind Geschichte. Niemand bei Hertha fliegt noch mit einem Hubschrauber zu Auswärtsspielen. Aus einer Klubdiktatur ist immerhin eine Demokratie geworden. Der Verein hat, dank US-amerikanischer Investoren, seine Schulden abgebaut und Eigenkapital angehäuft.

Geblieben ist aus dieser Zeit der dicke Bär Herthinho, das Maskottchen, das an die brasilianische Phase erinnert, als Hertha Spieler wegen des Klangs ihrer Namen und nicht wegen ihres Könnens verpflichtete. Luizão, Mineiro, Kaká. Der einzige Brasilianer im heutigen Kader heißt Ronny Heberson Furtado de Araújo.

Seit achtzig Jahren keinen Titel gewonnen

Als diese Saison vor knapp einem Jahr mit einem öffentlichen Training begann, trugen alle Spieler gemeinsam ein Tor auf den Platz. Ronny saß auf der Bank und schnürte sich die Schuhe. Auch später saß er mehr, als er spielte. Die Kinder, die man während der Saison nur selten beim Training sieht, lieben ihn trotzdem. Er kann ja so harte Freistöße schießen. Vielleicht sollte man Ronny wieder ohne Aufpasser in den Urlaub fahren lassen, dann könnte er schon bald Herthinho ablösen.

Auf die brasilianische Phase folgten sportlich gute Jahre, viele Trainer, aber das Minus auf dem Konto wuchs. Erst als es den Verein in seiner Existenz bedrohte, trat Dieter Hoeneß zurück. Es übernahm Michael Preetz, der Rekordtorschütze des Vereins, der auf den Manager-Job gewartet hatte. Doch in der Absicht, nicht wieder so großmäulig zu sein, ist Hertha, Gründungsmitglied der Bundesliga, einer der ältesten Vereine Deutschlands, schmallippig geworden in den vergangenen sechs Jahren. Kommunikation scheint eine Anstrengung zu sein.

Der Ort, an dem Reporter auf Spieler oder den Chefcoach treffen, liegt im Schatten des Olympiastadions am Schenckendorffplatz. Es ist eine Straßenkreuzung auf dem Weg vom Trainingsplatz Richtung Kabine. Unter Pappeln, zwischen gelben Stiefmütterchen und drei Verkehrsschranken, ständig fahren Autos vorbei. Dort muss man stehen, nur dort darf man Fragen stellen.

Es ist kein Ort, an dem man ins Plaudern kommt oder Vertrauen fasst. Hertha will vielleicht was daran ändern, vielleicht ein Interviewhäuschen errichten, vielleicht aber auch nicht. Der Klub bleibt gern unverbindlich. Man setzt sich mit einem Vertreter zusammen, landet beim Du, dann setzt man sich wieder auseinander und ist wieder beim Sie. Und wenn sich der Klub angegriffen fühlt, dann sprechen nur die Anwälte.

Gewonnen hat der Verein nichts durch seine verbale Mauertaktik, seine unterkühlte Selbstdarstellung. Gewonnen hat er auch keinen Titel seit über achtzig Jahren. Und vor allem kaum Sympathien. Nicht mal im Osten Berlins. Ist Ronny nicht ein Name, der dort vertraut klingen würde? In anderen europäischen Hauptstädten ist Fußball eine quasi religiöse Frage. Die deutsche Hauptstadt kennt diese Glaubensfragen nicht. Sie war zu lange eine Insel, zu lange geteilt. Die Rivalität mit dem 1. FC Union ist nur eine inszenierte.