Berlin - Siegen oder fliegen: Das sind die beiden einzigen Möglichkeiten, die der VfL Wolfsburg vor seinem letzten Gruppenspiel in der Champions League noch hat. Sollte der Fußball-Bundesligist am Mittwochabend (21 Uhr, DAZN) gegen den französischen Meister OSC Lille gewinnen, hätte er die Runde der besten 16 und die Aussicht auf attraktive Gegner wie Real Madrid oder den FC Liverpool erreicht. Sollte er nur Unentschieden spielen oder verlieren, wäre die Zeit der internationalen Spiele in dieser Saison vorbei. Auch der Trostpreis Europa League bliebe dem VfL nicht mehr. Den dritten Platz in dieser Vorrunden-Gruppe G kann er unter keinen Umständen mehr erreichen.

„Es ist wahrscheinlich eines der wichtigsten Spiele in der jüngeren Vereinsgeschichte“, sagte Trainer Florian Kohfeldt. Und der 39-Jährige, der den VfL erst nach drei von sechs Vorrundenspielen übernahm, schickte noch hinterher: „Ich kann sagen, dass ich absolut brennen werde und das auch auf die Mannschaft übertragen möchte.“

Energie und Intensität verloren

Dieser Zusatz ist offenbar nötig geworden in Wolfsburg. Denn allein in den vergangenen drei Tagen seit der 0:3-Bundesliganiederlage beim FSV Mainz 05 beklagten sowohl Kohfeldt als auch Nationalspieler Maximilian Arnold, dass der VfL zuletzt viel von der „Energie“ und „Intensität“ verloren hätte, die ihn in der vergangenen Saison überhaupt erst in die Champions League gebracht haben. „Im letzten Jahr gab es Spiele, da sind wir auf den Platz und ich wusste, dass wir nicht verlieren werden. Das war jetzt nicht mehr der Fall“, sagte Arnold vor dem Lille-Spiel in einem Kicker-Interview.

Die physische Wucht, die Organisation auf dem Spielfeld und auch die individuelle Form von Aufsteigern wie Maxence Lacroix oder Ridle Baku: Viel von dem ist seit dem Weggang des ehemaligen Trainers Oliver Glasner im Sommer auf der Strecke geblieben. Arnold lastete das in diesem Interview nicht einmal mehr zwischen den Zeilen der Arbeit des schon im Oktober wieder freigestellten Glasner-Nachfolgers und Kohfeldt-Vorgängers Mark van Bommel an. Persönlich sei er mit van Bommel „sehr gut ausgekommen“, sagte der 27-Jährige. „Aber auch wenn man es nicht machen sollte, vergleicht man als Spieler. Und da haben wir zwar die ersten vier Saisonspiele gewonnen, trotzdem fehlte uns auch da schon die Intensität, die uns in der vergangenen Saison ausgezeichnet hatte.“

Zeitweise hätte der VfL „mit einer Sorglosigkeit gespielt, die es in der Saison davor nicht gegeben hat. Wir sind keine Mannschaft, die so etwas von allein reguliert, das müssen wir uns ankreiden“, sagte Arnold. „Speziell für das Spiel gegen den Ball hätten wir mehr einfordern müssen. Unter Glasner haben wir das immer und immer wieder trainiert. Er war besessen von seiner Idee – und das hat sich auch auf die Mannschaft übertragen. Ein Trainer muss uns nerven.“

Das tat van Bommel offenbar nicht. In seiner Sache lag der Niederländer allerdings von Anfang an richtig: Die Gruppe G mit Lille (8 Punkte), Red Bull Salzburg (7), FC Sevilla (6) und den Wolfsburgern (5) ist die ausgeglichenste und unberechenbarste der gesamten Champions League. Am Anfang schien vieles für den FC Sevilla und seine internationale Erfahrung zu sprechen. Zwischendurch lagen die Salzburger mit ihrem Hochgeschwindigkeitsstil vorn. Am Ende könnte der VfL noch an allen vorbeiziehen, obwohl er bislang nur ein Gruppenspiel gewann und der deutsche Nationalspieler Lukas Nmecha am Mittwoch gelbgesperrt fehlt.

Bayern München kann den FC Barcelona aus der Königsklasse schießen

Trotz aller sportlichen Probleme im Moment wäre dies die Krönung einer jahrelangen Entwicklung. 2017 und 2018 Relegation, 2019 und 2020 ein Europa-League-Platz, 2021 in der Champions League – und jetzt auch noch 2022 ein Platz unter den 16 besten Teams in Europa? Der FC Bayern München, der parallel zum VfL in der Münchner Allianz-Arena den FC Barcelona zum Geisterspiel empfängt, ist bereits als Gruppenerster für das Achtelfinale qualifiziert. Mit dem sechsten Sieg im sechsten Gruppenspiel und einem Erfolg von Benfica Lissabon gegen Kiew könnten die Bayern Barcelona aus der Königsklasse befördern. Im Konzert der Großen wäre damit ein Dauergast nicht dabei.

Für den VfL Wolfsburg hingegen wird die „Champions League immer etwas ganz Besonderes bleiben. Denn für uns ist dieser Wettbewerb alles andere als selbstverständlich“, sagte der Aufsichtsratschef Frank Witter dem Sportbuzzer. Es geht um den größten sportlichen Erfolg seit mehr als fünf Jahren, um mehr als zwölf Millionen Euro zusätzliche Einnahmen, um viel Prestige und auch um einen großen Werbewert für den Mutterkonzern Volkswagen. „Es ist doch schön, dass wir so ein Endspiel haben“, sagte Trainer Kohfeldt.