Hamburg - André Hofschneider ist keiner dieser Trainer, auf die militärisch anmutende Spitznamen wie General oder sogar Diktator passen würden, eher pflegt er Umgangsformen wie Basisdemokratie und Mitspracherecht. Vor dem Spiel seines 1. FC Union Berlin beim FC St. Pauli stellte er seinem Toptorschützen Bobby Wood frei, ob sich dieser zu einem Einsatz imstande sah nach der kräftezehrenden Länderspielreise mit den USA, von der er direkt nach Hamburg eingeflogen war, so dass er nicht mehr mit den Berliner Kollegen trainiert hatte. Wood sah sich nicht imstande. Weil er über muskuläre Probleme und allgemeinen Erschöpfung klagte, blieb er 90 Minuten auf der Bank, nicht mal zu einem Kurzeinsatz in der Schlussphase reichte es.

„Wir wollten kein Risiko eingehen“, sagte Hofschneider, dabei hätte er die Vollstrecker-Qualitäten des Torschützenlisten-Dritten der Zweiten Bundesliga gut gebrauchen können in einer intensiven, aber keinesfalls hochklassigen Partie, in der die Berliner insgesamt die bessere Mannschaft gewesen waren. Hinterher klagten sie darüber, dass mehr möglich gewesen wäre als das torlose Unentschieden, das am Ende den Spielberichtsbogen schmückte.

Auch Adrian Nikci durfte seine Meinung einbringen bei der Vorbereitung auf die Reise ans Millerntor. „Ich habe ihn gefragt, welche Position er nicht spielen kann“, berichtete Hofschneider sichtlich erheitert. Nachdem der 26 Jahre alte Schweizer, geboren in Sarajevo, zu einer längeren Aufzählung angesetzt und unter anderem darum gebeten habe, nicht im Tor oder der Innenverteidigung aufgeboten zu werden, beschied Hofschneider, dass Nikci dann halt auf der rechten Abwehrseite spiele. Dort ersetzte er den gelbgesperrten Kapitän Benjamin Kessel und machte eine starke Partie, fehlerlos in der Defensive und mit viel Zug nach vorne. „Er hat seine Sache sehr, sehr gut gemacht“, sagte Hofschneider. Lob gab es auch von Emanuel Pogatetz, Nikcis Nebenmann in der Abwehr: „Er hat eine sehr gute Leistung geboten. Vielleicht hätte er noch ein Tor schießen können“, sagte Pogatetz und lachte über seinen Seitenhieb.

Es war in mehrfacher Hinsicht erstaunlich, dass Nikci der gefeierte Mann aufseiten der Köpenicker war. Erstens hatten die Berliner ihn im vergangenen Sommer ja nicht als Mann für die Abwehr geholt, sondern als Verstärkung für die Offensive. Der Posten auf der Außenseite war ihm fremd gewesen bis zum Spiel bei St. Pauli. Und zweitens leidet Nikci unter einem dramatischen Mangel an Wettkampfpraxis. Seine Karriere ist geprägt von Rückschlägen. In seiner Zeit bei Hannover 96 fehlte er länger wegen einer Hirnhautentzündung und anderen Verletzungen, wurde zeitweise zur zweiten Mannschaft abgeschoben, dann ausgeliehen nach Thun und zu Young Boys Bern. Für den 1. FC Nürnberg kam er in der vergangenen Saison nur fünf Mal zum Einsatz, fünf Mal als Einwechselspieler. Norbert Düwel holte Nikci im Sommer dennoch zu Union. Die beiden kannten sich aus gemeinsamen Tagen in Hannover.

Gestoppte Negativserie

Auch bei seinem neuen Arbeitgeber lief es bislang allerdings nicht wie gewünscht. Von Oktober bis Februar fehlte Nikci mit Leistenbeschwerden, war bislang nur zu zwei Kurzeinsätzen von insgesamt fünf Minuten gekommen. Am Millerntor spielte er zum ersten Mal überhaupt von Beginn an für die Berliner, und dann gleich über 90 Minuten. Dabei leistete er einen wichtigen Beitrag dazu, dass die Mannschaft ihre Negativserie auf fremden Plätzen nach zuvor drei Auswärtsniederlagen erst einmal gebremst hat.

Nikci trat nach dem Abpfiff dennoch eher nachdenklich auf. „Na klar kann ich mich noch verbessern. Aber wenn ich darüber nachdenke, dass ich lange nicht gespielt habe, war das okay“, sagte er. Die Partie im gewohnt stimmungsvollen Millerntor-Stadion hatte er sichtlich genossen nach seiner langen Abwesenheit. „Dafür trainiert man jeden Tag“, sagte Nikci und brachte sein Fazit auf eine kurze Formel: „Auswärts bei St. Pauli, volle Hütte − das hat Spaß gemacht.“ Wie viel Spaß er bei Union noch haben wird, ist allerdings unklar. Sein Vertrag gilt nur für eine Saison und endet im Sommer. Bislang hatte er kaum Gelegenheiten, sich für eine Verlängerung des Engagements zu empfehlen. Doch vielleicht holt er das ja jetzt nach. Sechs Spieltage hat er noch Zeit.