In der Berlin-Liga fliegen die Fetzen: Gesucht wird der Meister der abgebrochenen Corona-Saison.
Foto: dpa/Christian Charisius

BerlinDas kommende Wochenende wird die Berlin-Liga aufwühlen. Bevor am Sonnabend der Verbandstag des Berliner Fußballverbandes (BFV) per Videokonferenz stattfindet, lässt sich das vorhersagen, ohne besondere seherische Fähigkeiten zu besitzen. Denn es geht um nicht weniger als die Beantwortung der Frage, wer die abgebrochene Saison formal als Meister beenden wird und kommende Spielzeit in der fünftklassigen Oberliga antreten darf, insofern diese angesichts von Corona überhaupt halbwegs regulär stattfinden kann.

Nachdem der Spielbetrieb aufgrund der Pandemie Anfang März abgebrochen wurde und 16 der 18 Mannschaften 22 Spiele bestritten haben, steht der SFC Stern 1900 mit 52 Punkten an der Tabellenspitze. Allerdings nur mit drei Punkten Vorsprung und einem um zehn Treffer schlechteren Torverhältnis im Vergleich zu Sparta Lichtenberg, einem von zwei Teams, das ein Spiel weniger bestritten hat, weil die Begegnung gegen die Reinickendorfer Füchse abgesagt wurde. Aus Gründen, die für Spartas Präsident Werner Natalis bis heute unergründlich sind. „Alle anderen Spiele haben an dem Spieltag stattgefunden. Der Schiedsrichter hatte nicht mal eine Platzbesichtigung gemacht.“

Wenn nun über den Ausgang dieser Saison gewertet wird, spielt diese eine ausgefallene Partie eine entscheidende Rolle. Drei Szenarien stehen zur Diskussion mit unterschiedlichen Folgen, was den Verbandsligatitel angeht. Würde die Tabelle nach der Hinrunde gewertet, käme Sparta diese Ehre zuteil. „Für uns ist das neben einem Komplettabbruch der Saison ohne Wertung die einzige akzeptable Lösung“, sagt Natalis. „Weil jede Mannschaft einmal gegen jede andere Mannschaft gespielt hat.“

Bernd Fiedler, der als 1. Vorsitzender die Interessen des SFC Stern vertritt, argumentiert natürlich anders. „Ein echter Meister ist nicht zu ermitteln, dazu bräuchte es 34 Spiele. Aber 22 Spiele kommen dem näher als 17.“ Entsprechend favorisiert er eine Quotientenregelung, die eine Durchschnittspunktzahl nach gespielten Partien errechnet. Die Steglitzer liegen hier im Hundertstelbereich vorne. „Es wäre schlichtweg unsportlich, wenn die 13 Punkte, die wir in der Rückrunde geholt haben, keine Rolle spielen“, argumentiert er. Die Annullierung aller Ergebnisse fände er ebenfalls eine akzeptable Lösung.

Sparta interveniert beim Amtsgericht

Das Spiel zwischen Sparta und den Füchsen ohne Zuschauer nachzuholen, wäre wohl die einfachste Möglichkeit, um das Problem zu lösen. Auch eine Art Entscheidungsspiel um den Aufstieg wäre denkbar gewesen – Absteiger soll es ja ohnehin keine geben –, allerdings wurden alle diese Gedankenspiele aufgrund der Richtlinien zur Eindämmung der Pandemie verworfen. Zumal es zu Verzerrungen kommt, weil es bereits Veränderungen in den Kadern gibt. Vieles spricht dafür, dass dieser Fall sogar ein juristisches Nachspiel haben wird. Denn Sparta hat beim Amtsgericht eine einstweilige Verfügung gegen die Quotientenregelung eingereicht.

Bei der Entscheidung, wer Berliner Meister wird, geht es schließlich um mehr als nur einen symbolischen Titel. Der Aufstieg in die Oberliga bietet neue Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln. „Unser Hauptsponsor würde sich natürlich freuen, wenn sein Logo höherklassig präsentiert wird“, sagt Sparta-Präsident Natalis. Weil die sportliche Beförderung finanziell zudem eine große Herausforderung ist, weil das richtige Maß zwischen Wettbewerbsfähigkeit und finanziellem Risiko stimmen muss, freuen sich die Lichtenberger über die Gewissheit, „dass die Kosten für unsere Auswärtsfahrten bereits gedeckt wären“.

Mit jedem Tag, der vergeht, ohne Planungssicherheit zu haben, drohen jedenfalls Abwerbungsversuche der Konkurrenz. Gleich elf Berliner Mannschaften tummelten sich in dieser Saison in der Regionalliga beziehungsweise Oberliga. „Die Konkurrenz hat sich bereits bei uns bedient“, beklagt Fiedler.

Zwischen einer ersten Befragung der Vereine Ende April, in der sich eine Mehrheit für einen Abbruch aussprach, und der endgültigen Entscheidung jetzt, liegen knapp zwei Monate. Das ist nicht der einzige Grund, weshalb beide Vereinsvertreter der Meinung sind, dass der Berliner Fußballverband schon seit längerer Zeit keine glückliche Figur abgibt. „Es geht immer weniger um die Bedürfnisse der Vereine“, sagt Fiedler. Natalis ergänzt: „Mal ist hü, mal hott, es herrscht ziemliches Chaos.“ Dass ein stark aufspielender Berlin-Ligist am grünen Tisch gekürt wird, dürfte diesen Eindruck noch verstärken.