Ist die Luft raus? Fifa-Präsident Gianni Infantino.
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ZürichGianni Infantino verkauft sich seit viereinhalb Jahren als Retter und Erneuerer des Fußball-Weltverbandes Fifa. Schon 2016, unmittelbar nach seiner Wahl, prägte er den Begriff von der „neuen Fifa“, den eine Hundertschaft von PR-Herolden in Zürich und Tausende Funktionäre in allen Teilen der Welt seither verbreiten. Im Juni 2019, als er auf dem Kongress in Paris im Amt bestätigt wurde, dichtete er: „Es spricht niemand mehr von Skandalen und Korruption.“ Die Fifa habe sich von einer „toxischen Organisation“ zu einer Institution gewandelt, die die Welt verändert.

Es war der Tag, an dem Fifa-Vizepräsident Ahmad Ahmad, Infantinos Verbündeter, in Paris festgenommen wurde. Nun hat die Aufsichtsbehörde über die Bundesanwaltschaft das Verfahren gegen Infantino und dessen Jugendfreund Rinaldo Arnold, Oberstaatsanwalt aus dem Kanton Wallis, sowie den langjährigen Bundesanwalt Michael Lauber eingeleitet. Die Immunität von Lauber und Arnold wurde aufgehoben.

Zu klären ist, ob das Trio seit 2015 daran gearbeitet hat, Infantino ins höchste Fifa-Amt zu bugsieren und zudem Amtsgeheimnisse an Infantino verraten wurden, auch nachdem er 2016 Fifa-Präsident geworden war. Zahlreiche sogenannte Ermittlungen zum großen Fifa-Komplex mussten in der Schweiz eingestellt werden, Verjährungen wie im Sommermärchen-Komplex kamen hinzu. Ein Desaster für die Schweizer Justiz.

Die Schweiz, das belegen die Vorgänge rund um die Fifa schon jetzt, bleibt ein sicherer Hafen für potenzielle Sportbetrüger und Großganoven aus dem Sportbusiness. Mehr als 60 internationale Organisationen und Verbände haben ihren Hauptsitz in der Schweiz, allen voran die drei umsatzstärksten und milliardenschweren Konzerne: die Europäische Fußball-Union (Uefa), die Fifa und das Internationale Olympische Komitee (IOC).

Die Schweiz ist klein. Infantino stammt wie sein Fifa-Vorgänger Joseph Blatter und Oberstaatsanwalt Arnold aus dem Wallis. Die Heimatorte von Infantino und Blatter liegen nur wenige Kilometer voneinander entfernt. 2009 wurde Infantino in Nyon am Genfer See Generaldirektor der Uefa. In dieser Funktion verhinderte er nachweislich Reformen bei der Fifa. Ermittlungen gegen ihn wegen der Vergabe von TV-Verträgen wurden eingestellt.

Als im Frühsommer 2015 die Festnahmen von Fifa-Führungskräften in Zürich weltweit Schlagzeilen machten und die US-Justiz erklärte, die Strafverfahren auf Grundlage eines Sondergesetzes zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität zu führen, fühlte Infantino als Uefa-Manager bei seinem Kumpel Arnold vor – und bald gab es das erste von mehreren Gesprächen mit Bundesanwalt Lauber. Manche dieser Gespräche wurden nicht protokolliert, mitunter waren die Teilnehmer von kollektiver Amnesie befallen und konnten sich nicht mehr an Details erinnern. Der Bundesanwalt Lauber hat mehrfach die Aufsichtsbehörde belogen, so ist es amtlich dokumentiert.

Die Fifa versucht, die Ermittlungen kleinzureden, und stellt es so dar, als habe Infantino sich nur informieren wollen auf seiner Mission, die Welt zu retten. Dabei war Infantino beim ersten Treffen noch Uefa-Generalsekretär und hatte nichts mit der Fifa zu tun. Wenige Wochen später wurden Strafverfahren gegen Blatter eingeleitet, auch gegen Uefa-Präsident Michel Platini, der als Favorit auf die Nachfolge von Blatter galt. Platini und Blatter wurden zeitnah suspendiert.

Inzwischen sind diese Ermittlungen im Sande verlaufen. Blatter muss sich anderen Problemen stellen. Und Platini verbreitet die Geschichte, er sei von Infantino und dessen Freunden in der Staatsanwaltschaft betrogen worden. Sollte die Schweizer Justiz diesmal funktionieren, sollte der außerordentliche Bundesstaatsanwalt Stefan Keller vorbildlich arbeiten, muss die Sport- und Kriminalgeschichte rund um die Fifa vielleicht neu geschrieben werden.

Gianni Infantino, egal was seine Propaganda-Bediensteten verbreiten, muss um die Fifa-Präsidentschaft fürchten. Er würde damit auch die IOC-Mitgliedschaft verlieren. Ein weiteres Problem dabei ist, dass die Ethikkommissionen von Fifa und IOC katastrophale Arbeit leisten. Sollte Infantino seine Ämter ruhen lassen, wie in anderen Fällen geschehen? Wie gewohnt berief man sich im IOC auf das laufende Verfahren, man schaue sich die Sache an. Peinlich genug, Infantino war erst in diesem Januar mit vier Jahren Verspätung ins IOC aufgenommen worden und hatte den Eid auf all die olympischen Werte geschworen, obgleich die Lauber-Affäre gewaltig schwelte. Damals hieß es, die IOC-Ethikkommission habe alles geprüft – wie absurd.

In der Fifa hat Infantino die Ethikkommissionen, die ermittelnde und die rechtssprechende Kammer, mit schwachen Leuten besetzt, die unter seiner Kuratel stehen, auch hat er sich an der Umschreibung des Ethik-Reglements betätigt. Da ist nichts zu erwarten. Allerdings hat Infantino in Zürich, am Hauptsitz der Fifa, nur wenige Freunde – dafür umso mehr Feinde, die komplette ehemalige Fifa-Führung um Blatter, den ehemaligen Generaldirektor Valcke und den ehemaligen Finanzchef Kattner, die Infantino allesamt hassen. Ein explosives Gemisch.

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