Alba Berlin: Aggressiver Basketball

Berlin - Das Vormittagstraining von Alba Berlin ist beendet. Endlich mal raus aus der Halle – bei dem schönen Wetter! Nicht wahr? Sasa Obradovic entgegnet etwas brüsk, dass er sein ganzes Leben verschwendet hätte, wenn er über diese Frage sinnieren würde. Zum fußnah gelegenen Café will er konsequenterweise mit dem Auto fahren. Über das Wetter lässt sich mit dem Serben also nicht so einfach plaudern, über Alba und den Basketball dafür umso besser.

Alba versucht seit Jahren, an alte Erfolgszeiten anzuknüpfen. Ihr Vorgänger Gordon Herbert musste nach nur einem Jahr gehen, weil er eben an dieser Aufgabe scheiterte. Kann man innerhalb von nur einer Saison ein erfolgreiches Team aufbauen?

Die Chance, Erfolg zu haben, ist natürlich größer, wenn man mehr Zeit hat. In Bamberg haben sie eine großartige Kontinuität etabliert und den entsprechenden Erfolg dazu. Es ist aber auch möglich, kurzfristig ein erfolgreiches Team aufzubauen. Ich bin überzeugt, dass die Spieler, die wir uns ausgesucht haben, gut zusammenspielen können.

Sie haben von Ihrem alten Verein BK Donezk den Spielmacher Vule Avdalovic mitgebracht. Haben Sie erst danach die anderen Puzzleteile ihres Teams zusammengefügt?

Es ist schwer, von einer Position aus das Ganze aufzubauen. Man muss immer alles auf einmal im Blick haben: das Budget des Klubs, wer ist überhaupt bereit zu kommen, die Mischung aus Alt und Jung, aus Amerikaner und Nichtamerikaner, und vieles mehr. Ich mag aggressives Basketball und Spieler, die sowohl eine starke Physis haben als auch wendig sind.

Aber zu Ihren Spielmachern hegen Trainer doch ein besonderes Verhältnis. Zu Ihrer aktiven Zeit bei Alba waren sie der Übersetzer von Svetislav Pesics Ideen.

Für mich ist jeder Spielmacher im Team. Ein Point-Guard, heißt es, soll die Offensive organisieren. Aber was bedeutet das? Gemäß meiner Philosophie muss jeder wissen, wie das Spiel organisiert wird. Vielleicht sind meine Ideen am Anfang schwierig zu verstehen, weil ich sehr viele Informationen gebe. Das kann zu Missverständnissen führen. Mit der Zeit, mit den Wiederholungen funktioniert das aber.

Was ist Ihr Eindruck. Lernt das Team schnell oder gibt es noch viele Missverständnisse?

Momentan lernen sie. Das ist erst einmal die Hauptsache. Im Moment kommt uns allerdings die Müdigkeit in die Quere.

Was meinen Sie damit?

Bei der Testspielniederlage gegen den Mitteldeutschen BC konnten die Spieler gar nicht mehr reagieren, weil die Müdigkeit sie blockiert hat. Aber in der Saison werden wir mit Schaffartzik und Djedovic, die bislang fehlten, eine bessere Rotation haben. Ich möchte keinen Spieler überspielen.

Genau dieser Vorsatz könnte ein Problem werden. Ab dieser Saison müssen alle BBL-Vereine sechs Deutsche in ihren Kader berufen, aber nur drei haben bei Alba das Format, um auf nationalem Spitzenniveau mitzuhalten.

Um ehrlich zu sein, ich bin mit der derzeitigen Situation nicht glücklich. Ich kann nicht verstehen, warum einige junge, talentierte deutsche Spieler, die wir holen wollten, nicht für Alba spielen möchten.

Vermutlich schreckt das Schicksal von Philip Zwiener und Lucca Staiger ab, die sich bei Alba nicht durchsetzen konnten.

Lucca Staiger hat in der Saison zehn Kilo zu viel gehabt. Er hätte professioneller arbeiten müssen. Vielleicht hat da jemand auch nicht genug auf ihn aufgepasst. Bei mir kann das nicht passieren. Die Spieler kommen jede Woche auf die Waage.

Vielleicht fehlte Ihren Vorgängern auch der Mut, auf diese Spieler zu setzen?

Ich möchte hier niemanden beschuldigen. Du kannst nur die Chance bekommen, die du dir auch verdienst. Aber tatsächlich konnte sich in den letzten Jahren bei Alba kein Nobody ins Team spielen. Wenn man meine Trainerkarriere betrachtet, kann man sehen, dass ich immer wieder junge Spieler wie Tibor Pleiß oder Philipp Schwethelm in Köln aufs höchste Niveau gebracht habe. Mit Slava Kravtsov hat es einer meiner Jungs aus der Ukraine nun zu den Detroit Pistons in die NBA geschafft. Auch deshalb verstehe ich nicht, warum nun keiner zu uns wollte.

Was haben die Umworbenen denn gesagt? Immerhin spielt Alba in der Euroleague.

Einer wollte seine Schule beenden, ein anderer seine Stadt nicht verlassen, beim dritten, Mike Zirbes, wurden wir von dessen Agenten an der Nase herumgeführt. Erst hieß es, Zirbes sei zu haben, dann erklärte er uns, er habe schon in Bamberg unterschrieben. Wenn wir wiederum Daniel Theis bekommen hätten, wäre Albert Miralles nicht hier. Er ist ein Center und Power Forward mit Perspektive. Schwethelm war der Einzige, der zu uns wollte, aber das wollte Bayern München nicht, bei denen er noch unter Vertrag steht.

Ist Alba im Vergleich zu Bayern und Bamberg im Nachteil, was den Nachwuchs angeht?

In der Tat spielt das größere Budget hier eine Rolle. Die beiden Klubs haben Spieler unter Vertrag, die kaum zum Einsatz kommen. Aber Alba hat auch mit anderen Problemen zu kämpfen. Denken Sie an den 15-jährigen Malik Eichler. Ein Talent, das uns Real Madrid abgeworben hat. Bei solchen Anfragen sind wir machtlos.

Am Samstag feiert Alba die Saisoneröffnung mit einem Testspiel gegen Bayern München. Ist das Team denn bereit?

Bis zum ersten Pflichtspiel haben wir noch fast zwei Wochen. Da befinden wir uns natürlich nicht auf dem höchsten Level unseres Könnens. Ich sage den Jungs momentan stets: Es ist egal, ob ihr trefft oder daneben werft. Wichtig ist, dass ihr unsere Grundideen beherzigt.

Sie legen besonderen Wert auf die Defensive.

Ja, mit einer guten Verteidigung kann man über schnelle Gegenzüge am einfachsten zu Punkten kommen. Gelingt das nicht, soll mein Team in der Offensive eine Idee haben. Wichtig ist mir, dass wir von überall aus gleich viel punkten, so sind wir viel schwieriger auszurechnen.

Dashaun Wood soll also nicht mehr wie in der vergangenen Spielzeit die Kohlen aus dem Feuer holen.

Ich habe ihm gesagt, mir ist es egal, wie viele Punkte er erzielt. Letztes Jahr war das anders. Er musste treffen. Nun muss er seinem Team vertrauen und umgekehrt. Im Testspiel gegen Oldenburg hat er nur zwei Punkte erzielt, aber er hatte neun Assists. Er war der beste Spieler auf dem Feld.

Sie sagten einmal, Sie seien kein einfacher Coach. Was meinen Sie damit?

Manchmal kann ich überreagieren. Ich will immer das Maximum für mein Team. Ich will nicht nur sehen, dass sich alle bemühen, sondern dass alle in jedem Training das Beste geben. Wenn das nicht der Fall ist, macht mich das nervös.

Macht Sie der Erfolgsdruck hier nicht auch etwas nervös?

Nein. Wir haben hier aber nicht dasselbe Budget wie Bamberg oder München. Und wir können nicht solche Spieler wie Demond Mallet bezahlen, der jetzt für die Artland Dragons spielt. Das ist anders als früher. Das müssen alle verstehen.

Die Saison könnte strapaziös werden, wenn Alba die zweite Runde in der Euroleague erreicht.

Wenn wir die zweite Runde erreichen, wäre das ein großartiger Erfolg, weil wir ein Eurocup und nicht ein Euroleague-Budget haben. Aber die Bundesliga ist unser Hauptgeschäft, wenn wir in der Euroleague nicht weiterkommen, ist das kein Desaster. Das Ganze wird in jedem Fall Zeit brauchen.

Das Gespräch führte Johannes Kopp.