Alba Berlin: Alles auf Attacke

Berlin - Auch am nächsten Tag wirkt diese Szene nach: Die Partie gegen Málaga ist gleich zu Ende, da sackt Vule Avdalovic zusammen, liegt auf dem Parkett, krümmt sich vor Schmerzen, fasst sich ans linke Knie, kann nicht aufstehen. Kurz darauf wird Albas Spielmacher aus der Arena am Ostbahnhof gebracht und noch in der Nacht zum Freitag im Unfallkrankenhaus Marzahn untersucht.

Die Diagnose bestätigt die schlimmsten Befürchtungen der Berliner Basketballer. Avdalovic fällt voraussichtlich bis zum Saisonende aus. Er hat sich einen Riss des vorderen Kreuzbandes und des Innenbandes zugezogen. „Das ist wieder ein sehr schwerer Schlag für uns“, sagt Albas Trainer Sasa Obradovic.

Zwar verteilt der Coach die Verantwortung auf viele Schultern; die Position des Regisseurs ist vierfach besetzt. Neben Vule Avdalovic können Heiko Schaffartzik, DaShaun Wood und Nihat Djedovic das Berliner Spiel lenken. Doch Avdalovic nimmt eine besondere Stellung ein. Er ist zusammen mit Obradovic vom ukrainischen Meister BC Donezk zu Alba gewechselt. Er kennt den Trainer am besten. Er ist dessen verlängerter Arm. „Nicht nur auf dem Spielfeld“, sagt Sportdirektor Mithat Demirel.

Suche nach Ersatz

Avdalovic, 31, ist kein Spieler für die Statistiken, er ist einer für die Basisarbeit. „Er hat in der Verteidigung wichtige Sachen gemacht“, sagt Demirel. In der Offensive setzte er die Teamkollegen mit routiniertem Auge ein. Gleichwertiger Ersatz wird nicht zu finden sein. Davon geht Marco Baldi aus. „Es wird keinen Avdalovic II geben“, sagt Albas Geschäftsführer. „Genauso wie es keinen Peavy II gegeben hat.“

Nathan Peavy fiel bereits zu Saisonbeginn aus, ebenfalls mit einem Kreuzbandriss. Auch er hatte im Konzept von Trainer Obradovic eine zentrale Rolle gespielt. Auch er ließ sich nicht gleichwertig ersetzen. Alba besserte personell nach, verpflichtete Brian Randle und Derrick Byars, die Lücke aber, die der Spielertyp Peavy hinterließ, musste der Kader im Kollektiv schließen.

Dass dies bisher gelang, dass Alba in der Euroleague die Runde der besten 16 Mannschaften erreichte, macht den Berlinern nun Mut. Denn nach Avdalovics Ausfall ist erneut das gesamte Team gefordert. „Der Verlust ist da, alle anderen müssen ihn jetzt gemeinsam kompensieren“, sagt Baldi.

Geschäftsführer, Sportdirektor und Trainer sondieren derweil den Markt nach verfügbaren Spielmachern, die ins Anforderungsprofil passen. „Wir setzen uns in Ruhe zusammen und analysieren die Situation“, sagt Demirel und verspricht: „Wir werden eine Lösung finden.“ Eine, die für Alba finanzierbar ist. Sollte sie gefunden werden, will die Klubführung den Spieleretat aufstocken. Der Sprung in die zweite Runde der Euroleague, sagt Baldi, „ist etwas, das uns dabei wirtschaftlich hilft“. Der Geschäftsführer gibt als Ziel aus: „Wir dürfen den Attacke-Modus nicht verlassen.“ Das gilt für die Verantwortlichen im Klub. Das gilt vor allem aber auch für die Mannschaft.

Vereinsgeschichte als gutes Omen

Die Top 16 in der Euroleague beschert ihr bis Anfang März 14 zusätzliche Partien. In der Bundesliga geht es darum, die Basis für die nähere sportliche Zukunft und eine gute Ausgangsposition für den Kampf um die Meisterschaft zu schaffen. Doch nicht zum ersten Mal steht Alba vor einer solch großen Herausforderung.

In der Saison 2007/2008 musste der damalige Trainer Luka Pavicevic von Beginn an ohne Spielmacher Goran Jeretin auskommen. Das Team fand trotzdem seinen Rhythmus. Auch Johannes Herber. Der Guard kam gerade so richtig in Fahrt, da erlitt er einen Kreuzbandriss. Das Ende der Geschichte ist bekannt: Alba Berlin wurde Deutscher Meister.