Berlin - Was ist cool? Die Antwort gibt es in einer Turnhalle an der Knaackstraße, Prenzlauer Berg, einem Plattenbau aus den Siebzigerjahren, der sich hinter anderen Plattenbauten versteckt. Fünf Jugendliche gehen eine Treppe hinauf zu den Umkleideräumen. Den Schirm ihrer Baseballmütze haben sie zur Seite gedreht. Die Sporttaschen wippen am langen Träger knapp über den Kniekehlen. Das ist cool.

Basketball ist cool. Unten in der Halle läuft gerade ein Schülerturnier. Die Mädchen sind dran. 14-Jährige rennen über das Parkett, mal zum einen, mal zu anderen Korb, immer dem roten Ball hinterher. Das Spiel dauert noch drei Minuten. Die in den blauen Trikots führen deutlich. Gewinnen ist cool.

Sind Vitamine cool? Kohlenhydrate? Ballaststoffe? Natürlich, sagt Rainer Mehltreter. Er steht im Foyer der Halle hinter einem Tisch an einem Mixer. Gerade hat er mit ein paar Kindern einen Cocktail zusammengestellt aus Banane, Orangensaft, Buttermilch und Honig. Dreier heißt die Kreation, wie der Distanzwurf im Basketball. „Dreier sind der Renner“, sagt Mehltreter. Auf dem Rücken seines blauen Sweatshirts steht: „Keiner kocht feiner als Rainer“. Auf der Brust prangt das Logo von Alba Berlin und, in Goldgelb, „Chefkoch“.

Basketballstadt Berlin

Alba Berlin, der größte deutsche Basketballverein, der achtmalige Meister, der Europaligist mit der geräumigsten Arena und der eigenen Jugendhalle an der Knaackstraße in Prenzlauer Berg, leistet sich einen Küchenchef. Das ist Luxus, doch nicht aus Großmannssucht, sondern aus Sehnsucht: Berlin soll eine Basketballstadt werden, das war am Anfang mal die Idee. Sieben Jahre später ist sie zu etwas gewachsen, das weit über das Eigeninteresse eines Vereins mit angeschlossener Profi-GmbH hinausgeht. Es ist ein Programm geworden, zu dem nun eben auch ein Koch gehört. Rund 40 Grund- und 20 Oberschulen sind eingebunden. 80 Trainer hat Alba dort im Einsatz. Sie kümmern sich um mehr als 1 000 Kinder und Jugendliche. Das Programm heißt: „Alba macht Schule“.

Etwas für den großen Kochtopf

Und die Idee wächst weiter. Die lokalen Marktführer im Eishockey, Handball, Volleyball und Fußball machen mit: Der EHC Eisbären, die Füchse, die BR Volleys und Hertha BSC werden in Kürze gemeinsam ihre Pläne vorstellen. Dazu der 1. FC Union, der schon seit dieser Saison in seinem Köpenicker Kiez mit Trainern an Schulen aktiv ist. Die Profiklubs machen sich da stark, wo Land und Kommune schwächeln. Berlin macht Schule, das Schlagwort lautet: Soziale Verantwortung.

Das ist ein großes Wort. An Rainer Mehltreters Stand beim Schülerturnier im Prenzlauer Berg wird es handlich, greifbar. Gerade scheiden sich die Geister an einer Banane und an der Frage, ob die Schale in ein Mixgetränk gehört oder nicht. „Klar, gehört sie“, sagt ein 15-Jähriger, „beim Reis steckt ja auch das Beste in der Schale.“ Mehltreter bleibt ernst. Nicht zum ersten Mal bringt der 50-Jährige einen kulinarisch Verirrten auf den richtigen Weg zurück.

Mehltreter hat in Kreuzberg begonnen, mit Kindern zu kochen. 2005 ist das gewesen, in einem dieser Projekte, die soziale Randlagen Berlins ein bisschen stärker zur Mitte der Gesellschaft rücken sollen. „Das gehört heutzutage zum Quartiersmanagement“, sagt Mehltreter. Er ist gelernter Pädagoge und studierter Ernährungsberater, am Herd aber ein Autodidakt: „Mein Job besteht ja nicht darin, die Sterneküche zu transportieren.“

Sein Job ist eher etwas für den großen Kochtopf. Fünfmal im Jahr arbeitet er bei Basketballcamps, dazu noch bei Turnieren. Bis zu 60 Kinder verköstigen sich dann unter seiner Anleitung selbst. „Essen und Trinken ist ein Anlass, sich zu unterhalten“, sagt Mehltreter. „Über gemeinsames Kochen lässt sich diese Unterhaltung steuern.“ Kochen als Medium, das ist die Parallele zum Basketball, weil auch der verbindet.

Dennoch bedurfte es eines Zufalls, damit zusammenkam, was zusammengehört. Eine ehrenamtliche Helferin der Kreuzberger Kinderküche arbeitete in einem Bioladen, wo wiederum ein gewisser Henning Harnisch regelmäßig einkaufte. Der 44-Jährige ist Albas Vizepräsident und derjenige mit der Sehnsucht nach einer Basketballstadt Berlin. Ein ehemaliger Profi, ein Nationalspieler, einer, der weiß, dass guter Sport und gute Ernährung voneinander nicht zu trennen sind. Der Gedanke, dass Kinder, die Basketball spielen, auch kochen, gefiel ihm auf Anhieb.

„Alba macht Schule“

Harnischs Büro im Jahn-Sportpark sieht aus, als wäre hier gerade sehr viel in Bewegung. Kartons stehen auf dem Boden, eine Metallkiste. Die beiden Schreibtische an der Fensterfront sind auseinandergerückt, damit ein dritter Arbeitsplatz dazwischen passt. Harnisch beendet sein Telefonat, dann erzählt er von „Alba macht Schule“. Davon, dass Talentsichtung nicht mehr als ein Nebeneffekt sein könne. Dass die Identifikation mit einem Klub viel wichtiger sei für den Basketball in der Stadt, für den Sport insgesamt. „Das haben die anderen Profiklubs jetzt erkannt“, sagt Harnisch.

Den Klubs ist nicht entgangen, dass vor allem sie es sind, die etwas tun müssen. Das legen die Mitgliederzahlen der Berliner Sportvereine nahe. 2012 waren dort 92.300 Kinder im Alter von 7 bis 14 Jahren angemeldet, in den Jahrgangsstufen 15 bis 18 gab es dann einen Einbruch auf knapp 35.000. Was auch immer sie jetzt tun, für den Sport sind die ausgetretenen Jugendlichen verloren.

Deshalb entsendet Alba Trainer in seine Partnerschulen, wo sie in der ersten und zweiten Klasse die Lehrer unterstützen. Von der dritten Klasse an leiten sie Basketball-AGs. Die Trainer arbeiten zur Hälfte im Unterricht, zur Hälfte in der Freizeit der Kinder, eine neue Art von Proficoach. Er soll den Weg aus der Schule ebnen. Harnisch findet, dass alle davon profitieren: die Kinder und die Schulen, aber auch der Verein, weil er Fans gewinnt, eine breitere Basis also, und vielleicht irgendwann tatsächlich mal einen neuen Dirk Nowitzki findet. „Wenn man auf diese Weise die Grundlagen für den Profisport der Zukunft auf höchstem Niveau schafft, leistet man als Klub automatisch soziale Arbeit“, sagt Henning Harnisch: „Die Frage ist: Wie wachsen wir weiter mit den Kindern, jetzt, da die ersten aus den Grundschulen rauspurzeln?“

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In Prenzlauer Berg ist diese Frage schon geklärt. Von der Kollwitz-Grundschule wird ein Jahrgang geschlossen zum Schliemann-Gymnasium wechseln. „Dann werden wir da eine komplette Alba-Klasse haben“, sagt Harnisch. Für fünf Grundschulen im Wedding, mit denen Alba kooperiert, wird zurzeit ein ähnlicher Übergang vorbereitet: zum Lessing-Gymnasium und zur Hemingway-Sekundarschule in Mitte.

Die Carl-Kraemer-Grundschule ist eine dieser Schulen im Wedding mit einem Migranten-Anteil von 90 Prozent. Sie liegt im Soldiner Kiez wie eine Burg, eingemauert zwischen Wohnhäusern. Es ist nachmittags um vier, als sich ihre Tore wieder öffnen. Über dem Pausenhof bricht die Dämmerung herein, Eltern warten auf ihre Kinder. Im Seitenflügel brennt Licht, die Mensa. Mehltreter hat seinen Stand aufgebaut, es riecht nach Basilikum. Um Sandwiches wird es gleich gehen und um Dips. „Dips sind gut für die kindliche Sensorik“, sagt Mehltreter.

Anderthalb Stunden werden sie werkeln und das Ergebnis am Ende gemeinsam verspeisen. Nach und nach kommen Kinder. Mercan schneidet schon mal die Peperoni. Dogukan sucht am Stand nach Kräutern. Najmeh will Oskar nicht verraten, in welchem Land sie geboren wurde. „Vietnam?“ – „Nein.“ – „China?“ „Nein.“ – „Polen?“ „Blödmann!“

Vier Mädchen, drei Jungen, nicht schlecht für den Anfang. Am Vortag war Mehltreter in Potsdam. In ein paar Tagen wird er an einer Alba-Schule im Prenzlauer Berg sein. Dort können Kinder vermutlich die Inhaltsstoffe von Meerrettich aufsagen, wahrscheinlich steht eine Mutter daneben und souffliert. Hier, in der Carl-Kraemer-Mensa, fragt sich Dogukan gerade, was Meerrettich eigentlich ist; er kam etwas später, er musste erst seine Schwester nach Hause bringen.

Prenzlauer Berg und Wedding sind zwei Welten, die Trennlinie ist der ehemalige Mauerstreifen. Mehltreter will sie überwinden, soweit das mit Kochtopf und Basketball eben geht. Die Kinder aus Prenzlauer Berg, Wedding und Potsdam werden sich gegenseitig besuchen, zusammen schnippeln, brutzeln, mixen, was Rezepte und Fantasie hergeben. „Kochen eignet sich gut zur Moderation zwischen Migranten und Deutschen.“ Mehltreter erlebt das in Kreuzberg immer wieder. Die Kinder in seinem neuesten Projekt werden zum Abschluss auf einem großen Turnier „ein typisches Sportessen herstellen“, sagt er: Sandwiches, Salat, Milchshakes. Der Sterne-Koch Tim Raue wird dabei sein. „Cool“, sagt Oskar.

Der Traum vom Kochmobil

Bis zum Saisonende ist die Finanzierung erst einmal gesichert. Wenn die Flick-Stiftung das Projekt darüber hinaus unterstützt, geht es weiter. Die Flick-Stiftung findet, dass durch das Projekt Menschen zusammenkommen, die sonst wohl nie zusammengekommen wären. Vielleicht gibt es irgendwann auch einen Spender, der einen anderen Traum von Mehltreter für sinnvoll hält: ein Kochmobil, in dem er leichter mit seinen Utensilien zu den Schulen kommt. Als sie vor zwei Jahren die Alba-Küche ins Leben riefen, war das mal eine Idee. So wie die feste Küche, in der Alba-Jugendhalle zum Beispiel. In der Max-Schmeling-Halle, in der ebenfalls regelmäßig Jugendturniere stattfinden, existiert eine solche Küche, doch der Betreiber Velomax verlangt für die Benutzung Geld. „Das wäre zu teuer.“
Eine Million Euro lässt sich der Alba Berlin e.V., der eingetragene Basketball-Verein, seine Projekte im Jahr kosten. 15 Prozent kommen durch die Mitgliedsbeiträge herein. 60 Prozent trägt ein Pool von 15 Firmen zu den Einnahmen bei. Der Rest stammt aus anderen Quellen. Die Alba Profi-GmbH hilft vor allem mit Logistik und Know-how. 20 der 80 Trainer sind mittlerweile fest angestellt. „Ziel ist, dass mehr und mehr eine Festanstellung bekommen und sich nicht schlechter stehen als die Lehrer, mit denen sie zusammenarbeiten“, sagt Harnisch. „Das ganz große Ziel ist dann, dass ein neues Arbeitsfeld im Sozialsektor entsteht: Kinder- und Jugendsport.“

Es gibt Patenschaften, 5 000 Euro für einen Coach. „Manche zahlen 15.000“, sagt Harnisch. Die Wohnungsbau-Gesellschaften „Stadt und Land“, Degewo und Gesobau haben den Wert von „Alba macht Schule“ für ihre Quartiere erkannt, sagt Henning Harnisch. Die Tür zum Büro geht auf, der Trainer-Ausbilder Konstantin Lwowsky steckt den Kopf herein: Die Herrschaften vom Landesverband wären jetzt da. Sie wollen gemeinsam erörtern, wie der Profiklub und das Sportsystem besser zusammenarbeiten können.

„Komme gleich“, sagt Harnisch und erzählt noch schnell zu Ende: „Letztens hat mich jemand angerufen und auf einen Artikel im Spiegel aufmerksam gemacht. Thema war: Das Ehrenamt stirbt aus.“ Henning Harnisch lässt den letzten Satz verklingen wie eine Pointe. „Wir stellen soziale Sachen her“, hat er zuvor gesagt. Warum sollten diejenigen, die davon profitieren, nicht auch dafür zahlen? „Nur mit Mitgliederbeiträgen und öffentlichen Fördergeldern kommt man heutzutage nicht mehr weit.“