BerlinGegen 14 Uhr am Sonnabend hatte Alba Berlin eine Nachricht verschickt, die man getrost als Hiobsbotschaft bezeichnen kann: „Niels Giffey und Luke Sikma fallen mehrere Wochen aus“, lauteten Titel und Hauptaussage der kurzen Pressemitteilung, die ausgerechnet einen Tag vor dem Duell mit dem großen Rivalen FC Bayern München publik wurde. Statt „nur“ auf Peyton Siva, Marcus Eriksson, Lorenz Brenneke und den mit dem Coronavirus infizierten Cheftrainer Aito Garcia Reneses würde Albas also auch noch auf seine zuletzt vielleicht besten beiden Spieler verzichten müssten. Gegen die starken Bayern – da waren sich Fans und Experten einig – würde man derart dezimiert nahezu chancenlos sein.

Dass man Alba derzeit selbst unter den widrigsten Bedingungen ernst nehmen sollte, machte das Spiel am Sonntag mehr als deutlich: Mit 85:72 besiegten die Berliner den FC Bayern überraschend und völlig verdient. Albas Akteure glänzten dabei mit den Attributen, die sie auch schon in den vergangenen Wochen und Monaten teils über sich hinauswachsen ließen: einem besonderen Teamgeist, großem Siegeswillen und noch größerem Engagement.

Von Minute eins an war der von Associate Head Coach Israel Gonzalez betreuten Alba-Mannschaft am Sonntag anzusehen, wie groß ihr Wille war, ihre denkbar kleine Siegchance zu nutzen. Besonders defensiv agierten die mit nur zehn gesunden Spielern angetretenen Berliner engagiert und physisch. So sehr, dass man sich unweigerlich fragen musste, wie die dezimierte Mannschaft dieses Level an Einsatz über 40 Minuten durchhalten wolle. Egal, ob beim Ballvortrag, beim Pick and Roll oder unter dem Korb: Alba verteidigte so penetrant und druckvoll, dass ihre Kontrahenten keinerlei Rhythmus fanden. Jeder einzelne Spieler habe den Sieg zu „mehr als einhundert Prozent“ gewollt, erklärte Flügelspieler Louis Olinde nach Spielende und fasste zusammen: „Alle sind rausgegangen, haben Defense gespielt und sind gesprintet. War geil!“

Spätestens in der zweiten Halbzeit fanden die Berliner dann auch im Angriff ihren Rhythmus. So war zeitweise kaum mehr zu erkennen, dass in Sikma, Siva, Giffey und Eriksson nicht nur ein Quartett an Euroleague-erprobten Leistungsträgern fehlte, sondern auch die Spieler, die Albas Offensivspiel maßgeblich prägen. Auch hier profitierten die Berliner von einer Qualität, die diese schon zuletzt in beeindruckender Manier bewiesen haben und die Olinde folgendermaßen zusammenfasst: „Die große Stärke in unserem Team ist, dass alle Spieler zocken können. Und wenn Spieler wie Luke oder Niels ausfallen, hat jeder Bock, für sie einzuspringen und für sie zu kämpfen.“

Auch gegen den FC Bayern war dies zu beobachten: Olinde selbst glänzte mit 17 Punkten bei starken Wurfquoten, Jayson Granger (elf Punkte, zehn Assists) leitete Albas Spiel teils herausragend, Johannes Thiemann (elf Punkte, sieben Rebounds) ackerte gewohnt unermüdlich unter den Körben und Center Ben Lammers erzielte in Spiel eins nach überstandener Knöchelverletzung respektable acht Zähler und blockte zwei Würfe. Das Ergebnis war ein zeitweise dominanter Start-Ziel-Sieg.

Kaum reale Siegchancen

Starke Leistungen wie die gegen Bayern von Albas Akteuren nun auch in den kommenden Spielen und Wochen zu erwarten, wäre dennoch vermessen. Schon vor dem Spiel gegen München hatte Manager Marco Baldi erklärt, dass Resultate dieser Tage „fast zur Nebensache“ würden. Eine zwar düstere, aber auch sehr realistische Einschätzung. Allen voran in der Euroleague dürften sich Alba ohne sein Quartett an Leistungsträgern und ohne seinen Cheftrainer – zumindest in der Theorie – in den nächsten Spielen kaum realistische Siegchancen bieten.

Erschwerend hinzu kommt, dass sich Albas Mammutprogramm der letzten Monate fortsetzt: Beginnend mit dem Heimspiel am Dienstagabend gegen Baskonia Vitoria-Gasteiz (19 Uhr, MagentaSport) warten abermals sechs Spiele in zwölf Tagen auf Alba. Eine selbst für eine gesunde Mannschaft unfassbar hohe Belastung, die für eine Mannschaft mit nur zehn gesunden Spielern zu einer im Grunde unzumutbaren Belastung wird – ein abermals erhöhtes Verletzungsrisiko inklusive.

Dass Alba dieser Belastung und dem Sammelsurium widriger Umstände auch in den kommenden Wochen so erfolgreich trotzen kann, erscheint unwahrscheinlich. Aber: Der eindrucksvolle Sieg über die Bayern hat einmal mehr bewiesen, dass theoretisch unwahrscheinlich in Albas Fall eben nicht gleichbedeutend mit praktisch unmöglich ist.