Das College-Team der Michigan Wolverines hat seine Späher nach Berlin geschickt, und sie kamen mit einem Ergebnis zurück. Es sei lohnenswert, sich um diesen 17-jährigen Basketballer namens Moritz Wagner zu bemühen, lautete das Fazit. Gute Größe für einen Forward mit 2,08 Metern, gute Ausbildung. Das berichteten die Späher. Eine gute Ballbehandlung habe der Junge, einen guten Wurf. Er brauche nur mehr Kraft und Schnelligkeit, brauche zwei Jahre in den USA.

Mithat Demirel hat eine etwas andere Meinung zu diesem Thema. Zumindest was die zwei Jahre in den Staaten und in der College-Liga NCAA angeht, für die sich Wagner jetzt entschieden hat, statt für Regionalliga, Bundesliga, Euroleague, sein Betätigungsfeld bisher. Demirel ist Albas Sportdirektor und mit für die gute Ausbildung zuständig. Er sagt über Talent Wagner: „Es ist extrem schade, dass Moritz geht.“

Ein Sachverhalt, zwei Sichtweisen, und die dritte, die wichtigste, kommt noch hinzu: Der Wechsel an ein College ist für Wagner eine sehr persönliche Entscheidung. Auch, dass er sich an der Universität von Michigan einschreibt und nicht ein Angebot aus Connecticut oder von einem der anderen Interessenten annahm. Er will noch kein Leben als Berufssportler führen. Zu reizvoll ist die Perspektive eines vierjährigen Stipendiums. Zu verlockend die Chance, mit den Anforderungen einer anderen Kultur zu wachsen, weit weg von zu Hause. Zu schön ist vielleicht auch der Traum, den viele träumen in der NCAA: vom Sprung in die Profiliga NBA.

Wagners Wechsel ist zugleich aber eine Systemfrage. Zunächst aus spielerischer Sicht. „Er hat das Potenzial, auf verschiedenen Positionen eingesetzt zu werden. Das College-System ist dafür aber nicht förderlich“, sagt Demirel und erzählt dann von Niels Giffey, Albas Flügelspieler, vom Rückkehrer, der in der NCAA mit Connecticut zwei Mal Meister wurde, was wenigen vergönnt ist. Giffey machte seinen Abschluss in Economic Geography, was für die Zeit nach der Profikarriere wertvoll sein kann. Er nahm aber auch, das hebt Demirel hervor, am College eine andere spielerische Entwicklung, als er sie in Berlin genommen hätte: „Ich habe gesehen, was er für ein Potenzial vorher hatte und zu welchem Spieler er geformt wurde.“

Einer klopft an

Connecticuts Kader wurde um einen anderen gebaut und die Rollen der Teamkameraden darauf zugeschnitten. Komplexe Systeme wie in Europa, sind in der NCAA nicht verbreitet, Trainingszeiten zum Teil begrenzt. Sie sind unter sich, die studentischen Basketballer, unter etwa Gleichaltrigen, und wenn sie Pech haben und ihr Team den Sprung in die Endphase des Jahres verpasst, ist vor der March Madness, ist im Februar bereits die Saison für sie vorbei.

Wagners Wechsel steht aber noch aus einem anderen Grund für eine Systemfrage. Sie betrifft das System, dem er entstammt. Er hat bei Albas Profis als Erster angeklopft, der alle Alba-Jugendteams durchlief, durch Alba-Jugendtrainer geprägt wurde. Er war im Blick derjenigen, die den Übergang moderieren. Im Blick von Demirel und von Henning Harnisch, der das Nachwuchsprogramm initiierte und die Idee hatte mit den konzentrischen Kreisen, in denen es sich über die Stadt ausdehnt. Im engsten Kreis, dem um die Schmelinghalle, Albas früherer Hauptspielstätte, lebte Wagner.

Irgendwann nahm er am Talent-Pool-Training teil, bei dem Jugendliche unterschiedlichen Alters zusammen mit Demirel, Harnisch und anderen Betreuern arbeiten. Abgucken erwünscht, lautete das Klassenziel. Wie zuletzt auch bei den Profis, für die Wagner alternativ zum Regionalliga-Team gelegentlich auflief. „Wenn man mit den Jungs die ganze Zeit in der Kabine ist und mitkriegt, worüber die reden, lernt man ganz schnell, worauf es ankommt“, sagt Wagner. Er ist selbstbewusst, das hat er anderen in seinem Alter voraus. Wagner hat in dieser Saison wieder große Fortschritte gemacht, spielte in der Euroleague: „Es war ein sehr schönes Gefühl, dass ich auch diese Liga abgeklappert habe.“ Nächster Halt: NCAA.

Es gibt Klubs, die ein Talent mit einem Knebelvertrag ausstatten, um zu verhindern, dass sich ihre Investitionen anderswo amortisieren. „Das bringt nichts“, meint Albas Geschäftsführer Marco Baldi: Von ihrem „breit aufgestellten Nachwuchssystem“ seien sie überzeugt. Außerdem, sagt Baldi: „Der Witz ist ja, dass mancher, der nicht so viel Talent hat, manchmal eher dazu in der Lage ist, Profi zu werden.“ Der Nächste wird schon irgendwann anklopfen. Das ist die Hoffnung. Und dass die Späher dann unverrichteter Dinge wieder abziehen.