Alba Berlin: Klub der Ideen

Immer wieder dieser Satz: „Ich habe einen gültigen Vertrag mit Alba.“ Sasa Obradovic war dieser Hinweis bereits wichtig, als gerade die Saison zu Ende ging für ihn und sein Team, als er seine letzte Schlacht geschlagen hatte und in der Arena am Münchner Westpark Ruhe einkehrte. Mehr wollte der Trainer über seine berufliche Zukunft beim Berliner Basketball-Bundesligisten nicht sagen als: „Ich habe einen gültigen Vertrag.“
Auch gestern, am Tag nach der 83:89-Niederlage beim FC Bayern, blieb offen, was dieser Satz für die nächste Saison bedeutet; ob Obradovic gehen muss, weil der Verein einen Neuanfang ohne ihn will und eine Ausstiegsklausel wahrnimmt. Oder ob der Coach hinwirft, weil er die Voraussetzungen für eine weitere Zusammenarbeit nicht gegeben sieht.

Oder ob es beide Seiten noch einmal miteinander versuchen. Nur so viel steht vorerst fest: Sie werden sich zusammensetzen, Sasa Obradovic, Albas Sportdirektor Mithat Demirel und Marco Baldi, der Geschäftsführer. Baldi sagt: „Diese Saison war so fordernd, wie ich es bisher noch nicht erlebt habe. Die nächste Saison wird wieder so intensiv.“ Die wichtigen Fragen seien nun: „Wollen wir diesen schweren Weg zusammengehen?“ Und: „Was erfordert dieser Weg an Kraft und Emotion?“

„Wir verstehen uns blendend“

Die Formulierungen lassen Spielraum für Interpretationen, Spekulationen hat es naturgemäß schon gegeben. Etwa die, dass die Chemie zwischen Obradovic und der Mannschaft nicht stimme. Auch von einem Zerwürfnis zwischen dem Coach und Albas sportlicher Leitung war die Rede. Unsinn, sagt Baldi: „Wir verstehen uns blendend. Insbesondere Mithat Demirel, Sasa Obradovic und sein Trainerstab.“ Auch sei nicht beabsichtigt, das Konzept, auf das sich der Klub durch die Wahl Obradovics vor der Saison festlegte, jetzt schon wieder aufzugeben. „Die Weichen sind gestellt.“

Ein klares Bekenntnis zum Coach jedoch fehlt. Die Planungen für die nächste Saison macht das nicht leichter, denn am Verbleib von Obradovic hängt weit mehr als Albas künftiger basketballerischer Ansatz. Andere wichtige Personalien werden sich daraus ergeben. Vule Avdalovic zum Beispiel, der mit Obradovic aus der Ukraine kam, der verlängerte Arm des Trainers auf dem Platz. Wie wichtig der Regisseur für den Erfolg der Mannschaft war, zeigte sich, als er wegen eines Kreuzbandrisses fehlte. Auch Nihad Djedovics weiterer Weg könnte sich am Trainer entscheiden. Der 23-Jährige blickt bereits auf eine bewegte Karriere zurück, sesshaft zu werden bei Alba, ist für ihn eine Perspektive vor allem wegen Obradovic.

Wie immer, wenn es um den Aufbau eines komplizierten Gebildes wie eines Profiteams geht, spielen viele Faktoren eine Rolle, einen Störfaktor haben sich die Berliner Basketballer selbst zuzuschreiben. Sie hätten Deutscher Meister werden müssen, um sich für die Euroleague sicher zu qualifizieren. Durch das schnellstmögliche Aus nach drei Spielen im Viertelfinale sind sie erneut auf das Wohlwollen der Ligenleitung angewiesen.

Bei der Vergabe einer Wildcard erscheinen diesmal allerdings die Unwägbarkeiten größer als zuletzt. Denn die Euroleague verhandelt gerade mit der europäischen Sektion des Basketball-Weltverbandes (Fiba), sie will ihren Eurocup mit der Fiba-EuroChallenge zusammenlegen. Den Plänen zufolge könnte die Fusion der zweiten mit der dritten Liga des Kontinents zu einem aufgeblähten Wettbewerb unterhalb der Euroleague führen. Der Eurocup hätte statt 32 dann 48, maximal 52 Mannschaften. Eine Einigung von Euroleague und Fiba ist noch nicht in Sicht.

Niemand weiß deshalb, wie viele deutsche Teams in der neuen Liga vertreten sein werden. Unklar ist daher auch, wie viele Bundesligisten es in die höchste Etage schaffen. Die Euroleague aber ist einer der wichtigsten Standortvorteile, den Alba zu bieten hat. „Ob ich in Deutschland spiele oder anderswo, weiß ich nicht“, sagt der verletzte Center Ali Traoré, der sich zur Zeit in der Reha befindet. „Sicher ist für mich: Die Euroleague sollte es schon sein.“ Auch Deon Thompson gibt unumwunden zu, dass Alba ohne höchste europäische Weihen stark an Attraktivität verlieren würde. „Ich bin 24 Jahre alt und will mich weiter entwickeln“, sagt der Power Forward. „Die Euroleague ist dafür sehr wichtig, weil da die Besten spielen.“

Im Takt der Bayern

Die Besten wollen gutes Geld für ihre Dienste, das ist nicht neu, doch in der Bundesliga (BBL) durch den Halbfinalisten München stärker spürbar als vorher. „Was das Budget angeht, geben die Bayern ganz klar den Takt vor“, sagt Baldi. Nun greifen sie nach der Meisterschaft, wie ihr Trainer Svetislav Pesic sagt. Und wie es dessen Präsident Uli Hoeneß sich so sehr wünscht. Sollte der Klubchef sich halbwegs schadlos aus seiner Steueraffäre ziehen, dürfte er einen direkt für die Euroleague qualifizierten FC Bayern kaum am langen Arm verhungern lassen.

Mit Hilfe der strategischen Partner und deren Millionen ließe sich ein international konkurrenzfähiges Team bauen, was wiederum die nationale Konkurrenz in Zugzwang brächte.

Einen prägenden Stil haben die Bayern in ihrer Personalpolitik auch durch ihren deutschen Akzent gesetzt, bei den Münchnern sind die meisten hiesigen Nationalspieler versammelt, wenn sie auch zum Teil an die Konkurrenz verliehen wurden. In einer Liga mit einer Quote von sechs Deutschen pro Team ist das nicht ganz unerheblich, findet Obradovic. Einen Schwerpunkt seiner Arbeit bei Alba sieht er daher in der Entwicklung eigener Talente. Sollte er bleiben.

Baldi meint: „Nicht die Anzahl der Nationalspieler macht’s. Woran wir arbeiten müssen, ist, dass die jungen Spieler den anderen Druck von unten machen.“ Nächste Saison wird der 17-Jährige Ismet Akpinar zu den Berlinern wechseln. Einer, von dem sie annehmen, dass er sich als Alternative anbietet. Eine größere Rotation in der BBL würde Obradovics Spielanlage gut tun. Sie verteilt die Lasten auf viele Schultern. Das ist seine Idee von Basketball. Es gab zuletzt viele Ideen. Anfang 2011 folgte auf Luka Pavicevic Muli Katzurin, auf Muli Katzurin dann Gordon Herbert und auf Gordon Herbert schließlich Sasa Obradovic. Der sagt unverdrossen: „Ich habe einen gültigen Vertrag.“