Albas Antreiber: Luke Sikma ist in Berlin nicht nur auf dem Basketball-Parkett heimisch geworden.
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BerlinPünktlich ist er ja. Fast auf die Sekunde genau verlässt Luka Sikma an diesem Nachmittag das Feld der Trainingshalle in der Schützenstraße. Das Problem: Alba Berlins Flügelspieler muss noch unter die Dusche. „Zehn Minuten, acht Minuten“, sagt der US-Amerikaner in gut verständlichem Deutsch. Es werden am Ende 15 Minuten, bevor es in ein nahegelegenes Café geht. Die zwei Cappuccino bestellt Sikma auch hier in deutscher Sprache. Für das nun folgende Gespräch aber reichen seine Sprachkenntnisse nicht. Noch nicht.

Sie gehen seit ein paar Wochen zur Sprachschule. Wie kommen Sie mit der deutschen Sprache voran?

In einem Café oder Restaurant verstehe ich schon sehr viel. Oft werde ich auch auf Deutsch angesprochen, weil ich offensichtlich wie ein Deutscher aussehe. Ich finde es wichtig, dass man im Alltag auch mit einer fremden Sprache zurechtkommt.

Seit 2011 spielen Sie in Europa, sechs Jahre davon Spanien, jetzt sind sie im dritten Jahr in Deutschland. Haben Sie aus diesen Ländern Eigenschaften übernommen?

In Spanien war ich ein großer Fan der Siesta, vielleicht auch, weil ich schon immer gerne mal ein Nickerchen gehalten habe. Seit meiner Zeit in Spanien esse ich auch etwas später. Dort essen sie am Abend erst gegen 22, 23 Uhr. Am Anfang war das verrückt für mich. Aber: In Amerika isst man relativ früh und hat dann kurz vor dem Schlafengehen nochmal Hunger. Da nehme ich mir jetzt etwas mehr Zeit. In Deutschland ist vieles einfacher für mich, hier passt alles ziemlich gut in meinen Rhythmus. Und gerade in Berlin gibt es viele Parallelen zu den USA. Ich mag das geregelte Leben, das kenne ich aus meiner Kindheit.

Gerade in den USA gibt es eine sehr stereotype Denkweise über andere Länder. Alle Deutschen trinken viel Bier, essen nur Brezeln und tragen Lederhosen.

Zwei davon stimmen auch wirklich. Sie essen viele Brezeln und trinken viel Bier (lacht).

Aber was können Sie in Ihrer Heimat über Deutschland und Spanien sonst noch erzählen?

Dass die Spanier sehr laut erzählen. Als wir in diesem Jahr in Madrid im Fahrstuhl gestanden haben, war es unglaublich laut – in Spanien gibt es keinen leisen Fahrstühle. In Deutschland ist es da ganz ruhig, man sagt beim Aussteigen vielleicht noch tschüss. Die Spanier haben es eine sehr soziale Kultur. Man sitzt bei einem Kaffee zusammen und spricht und spricht und spricht. Deshalb sind Urlaube dort auch so schön. In Deutschland ist es etwas ernster, alles läuft sehr strukturiert und geregelt. Aber Berlin ist ein großes Stück anders als der Rest von Deutschland. Ich habe Freunde, die in München oder Bonn leben und die erzählen mir von ganz unterschiedlichen Erlebnissen. Man fühlt sich in Berlin nicht wie ein Außenstehender.

Als ich zum ersten Mal Deutsch gehört habe, klang das alles sehr schwierig. Der Satzbau ist ganz anders als im Englischen.

Luke Sikma

Sie haben Spanisch gelernt, lernen jetzt auch Deutsch, obwohl Sie es nicht müssen. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Spanisch war so eine Sprache, die ich sofort lernen wollte, als ich sie zum ersten Mal gehört habe. In den USA hatte ich schon viele Kurse an den Schulen und mir ein Basiswissen angeeignet. Damit konnte mich ganz gut in Spanien verständigen. Die einzige Umstellung war, das Latina-Spanisch etwas anders ist, als das Spanisch in Spanien. Für mich war es immer ganz lustig, wenn ich in der Straße, der U-Bahn oder auf einer Party war und die Leute auf Spanisch über dich gesprochen haben und dachten, dass ich es nicht verstehe. Vielleicht auch, weil ich ja auch nicht wie ein Spanier aussehe. Das war immer ein netter Witz. Spanisch zu sprechen, macht das Leben dort einfacher, da nicht viele Leute gut Englisch sprechen. Die Leute sagen zwar, dass sie Englisch sprechen, aber schon die erste, einfache Frage können sie nicht beantworten. In Deutschland ist das anders, viele sprechen Englisch und man muss die Sprache nicht lernen. Als ich zum ersten Mal Deutsch gehört habe, klang das alles sehr schwierig. Der Satzbau ist ganz anders als im Englischen. Es geht bei Deutsch nicht nur darum, die Wörter zu lernen, sondern sie auch an die richtige Stelle zu setzen.

Wenn Deutsch doch aber so schwer ist, warum haben Sie sich entschieden, es zu lernen?

Es war an der Zeit. Ich würde mich nicht gut dabei fühlen, wenn ich hier so lange lebe und die Sprache nicht lerne.

Das heißt, dass Sie bei Auswärtsfahrten jetzt keine Bücher mehr lesen, sondern Deutsch lernen?

Nein, ich lese schon noch weiter Bücher. Aber ich habe angefangen, beim gemeinsamen Essen nach dem Salz auf Deutsch zu fragen. Ich habe mit der Sprache bei Lebensmitteln angefangen. Bei Bestellungen im Restaurants kann ich die Speisekarte jetzt verstehen und fühle mich da schon recht sicher. Ich habe ja bis zum Ende der Saison auch noch viel Zeit zum Lernen.

Nummer 43 läuft auf: Luke Sikma vor dem Spiel am Silverstertag gegen den MBC.
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Sprache ist ja auch ein großer Teil der Kultur eines Landes. Gehen Sie auch in Museen und interessieren sich für Geschichte?

Ich mag Geschichte, aber ich gehe nicht so oft in Museen. Ich war im DDR-Museum und im Stasi-Museum, was sehr interessant war. Ich habe mir auch Dokumentationen über den zweiten Weltkrieg in Farbe angesehen und da ich hier in Deutschland lebe, interessiert es mich, wie die Leute das Thema betrachten, weil es ein sehr dunkles Kapitel ist. Und gerade Berlin ist politisch gesehen ein sehr interessanter Ort in Deutschland. Ich lese sehr viele Bücher, eins davon hieß „Short History on Germany“. Dort habe ich erst einmal erfahren, dass Bonn vor dem Fall der Mauer die Hauptstadt war. Das Brandenburger Tor ist sehr starkes Symbol, so etwas wie die Einfahrt in den Osten.

Zur Person

Luke Sikma wurde am 30. Juli 1989 in Bellevue im US-Bundesstaat Washington geboren. Er kam über die Collegeliga NCAA und die Portland Pilots 2011 zu UB La Palma in Spanien. Der 2,03 Meter große Forward spielte bis 2013 in Burgos, zwei Spielzeiten für Teneriffa und von 2015 bis 2017 bei Valencia BC. Alba Berlin ist Sikmas Arbeitgeber seit der Saison 2017/2018.

Bis Anfang der 90er-Jahre waren Europäer in der NBA eher Exoten. Das hat sich durch Spieler wie Dirk Nowitzki, die Gasol-Brüder oder Ricky Rubio geändert. Was hat sich dadurch verändert?

Niemand wollte damals der Erste sein, der einen solchen Spieler draftet und als das ein Erfolg war, wollten auch die anderen Teams einen Europäer holen. Durch das Internet und ein verbessertes Scouting landen mittlerweile die besten Spieler der Welt auch in der NBA. Und die nehmen großen Einfluss auf die Ergebnisse ihrer Mannschaften. Luka Doncic oder Giannis Antetokounmpo machen ihre Teams besser und kämpfen um die Play-offs und die Meisterschaft. Ricky Rubio ist vor der Saison nach Phoenix gewechselt, welches eins der schlechtesten Teams in der NBA war und plötzlich gewonnen hat. Als er sich verletzte, haben sie wieder verloren und als er wieder da war, haben sie wieder gewonnen.

Ändert sich durch die europäischen Spieler auch der Blick der Amerikaner auf Basketball und die Ausbildung von Spielern?

Das hoffe ich. In den USA ist es noch immer wichtig einen Clip von einem Dunk auf Twitter zu veröffentlichen. An der Highschool dominieren die Spieler mit ihrer Physis und hören auf an ihrem Spiel zu arbeiten. Mit 17 Jahren ist man aber noch kein fertiger Spieler. Luka Doncic hat mit 20 Jahren bereits Fähigkeiten, die wahrscheinlich noch nie jemand zuvor in diesem Alter in der NBA hatte und verbessert sich immer weiter. Giannis Antetokounmpo ist talentiert, aber arbeitet immer weiter an seinem Spiel. Das ist hoffentlich positiv für die NBA.

Sie mussten 30 Jahre alt werden, um erstmals in der Euroleague zu spielen. Was lernen Sie in diesen Spielen?

Man muss jeden Abend Respekt vor dem Gegner haben. Natürlich sind wir gleich mit einem Sieg gestartet, aber dann ging es nach Barcelona, nach Istanbul, Madrid, zu all diesen Top-Teams. Bei so vielen Spielen gegen solche Mannschaften mit so viel Energie zu spielen, ist neu für mich. Das gelingt nicht immer, aber man muss positiv bleiben. Wir sind die Neuen im Revier und müssen uns erst einmal den Respekt der Gegner erarbeiten. Das und den Umgang damit, dass es eigentlich keine Pausen zwischen den Spielen gibt, muss ich erst einmal lernen. Spieler wie Nikola Mirotic, Pierre Oriola oder Chris Singleton habe ich bisher nur im Fernsehen in der Euroleague spielen sehen, aber ich merke, dass wir auch gegen sie bestehen können.

Neben dem Erreichen der Euroleague, standen Sie mit Alba Berlin in drei Finals, aber leider alle verloren. Wie bewerten Sie das Jahr 2019?

Ich versuche das Positive rauszuziehen. Natürlich tut jedes Mal weh, wenn man nur Zweiter wird und ein Finale verliert. Man schaut auf die kleinen Dinge, die gut waren. Diese Finals muss ja auch erst einmal erreichen. Und wenn man sie spielt, gewinnt man auch an Erfahrung.

Wie gehen Sie mit Niederlagen, wie der in Valencia, im dritten Finalspiel des Eurocups um?

Es fühlt sich auf dem Feld so, als ob man im Treibsand steckt: Man trifft einen Wurf nicht, hat einen Ballverlust und irgendwann versucht man nur noch zu überleben. Man spielt da gegen seinen ehemaligen Verein und denkt, dass einen das nicht berührt, aber das hat es. Die Zeit heilt aber alle Wunden. Ich gehe zurück in die Trainingshalle, arbeite an weiter an meinen Fähigkeiten, denn es gibt immer ein nächstes Spiel. Ich schließe mich nicht ein und spreche mit niemandem. Häufig rufe ich meinen Vater an und rede mit ihm, darüber bin ich sehr froh. Es tut im Moment weh, aber das Leben geht weiter.

Das Leben geht weiter, es gibt immer ein neues Spiel.

Luke Sikma

Und das zu Beginn des neuen Jahres an diesem Freitag gleich mit einem Spiel in Valencia.

Es ist ja nicht schwer für mich, diesmal besser zu spielen als beim letzten Mal (lacht). Wie gesagt: Das Leben geht weiter, es gibt immer ein neues Spiel.