Berlin - Es ist keine leichte Aufgabe, mit der sich die Mannschaft von Alba Berlin derzeit herumschlagen muss: Seitdem sie am Sonntagnachmittag beim Top4 in München das Finale um den Deutschen Pokal gegen den FC Bayern mit 79:85 verlor, befindet sie sich in einem schmerzhaften Spagat. Schmerzhaft deshalb, weil es nie ein Vergnügen ist, die verpasste Chance auf einen Titel zu verarbeiten. Ein Spagat deshalb, weil die Berliner schnell nachhaltige Schlüsse aus der Niederlage ziehen müssen. Schließlich starten bereits am Donnerstag die Playoffs und der Kampf um den nächsten Titel.

Coach Aito glaubt, dass der gute Start dem Team nicht gut tat

Los ging das Analysieren und Verarbeiten bereits am Sonntagabend in München. Eine gute Dreiviertelstunde nach Spielende vor der Halle auf den Mannschaftsbus wartend, mutmaßte Trainer Aito Garcia Reneses dort, dass der sehr gute Start seines Teams in das Endspiel für diese vielleicht gar nicht so gut war: „Je besser du spielst, je mehr Würfe du triffst, desto schwieriger wird es, damit umzugehen, wenn du mal drei oder vier Würfe hintereinander nicht triffst.“ Exakt so zu beobachten war das im zweiten Viertel des Endspiels, in dem Alba urplötzlich jeglicher Rhythmus abhandengekommen war. „Es wirkt manchmal sehr einfach, ein Spiel unter Kontrolle zu behalten“, so Garcia Reneses, „aber das ist es nicht.“

Insbesondere, wenn der Gegner der FC Bayern ist. Trotz zuletzt weniger erfolgreicher Wochen in der Bundesliga (BBL) und eines Kraftakts mit zwei Verlängerungen im Halbfinale gegen Ulm zeigte der ab Viertel zwei des Endspiels seine Klasse. Allen voran mit einer beeindruckend guten und intensiven Defensive, die Albas Offensive zeitweise nahezu komplett lahmlegte. „Wir haben den Ball nicht mehr so gut bewegt und unsere Würfe nicht mehr getroffen“, erklärte Luke Sikma im Anschluss. Kapitän Niels Giffey ergänzte mit leerem Blick und nur wenige Meter entfernt von einer Handvoll feiernder München-Fans stehend: „Nur weil die Bayern die ganze Zeit im Halbfeld und langsam gespielt haben, hätten wir uns nicht davon abhalten lassen dürfen, unseren Stil zu spielen.“ Und doch tat Alba genau das.

Statt wie gewohnt schnell und intuitiv zu agieren, hatte Alba große Probleme, sich gute Würfe zu erarbeiten. Egal, ob Sikma, Giffey, Maodo Lo, Simone Fontecchio oder Peyton Siva – keinem von ihnen gelang es, Albas Offensive nachhaltig zu beleben. Ein völlig uncharakteristischer Zustand für die wohl ausgeglichenste und am tiefsten besetzte Mannschaft der Liga. Dass mit Sikma (Oberschenkelprobleme) und Johannes Thiemann (Hüftverletzung) zwei Leistungsträger der Berliner vorzeitig ausschieden und mit Giffey, Ben Lammers und Siva drei weitere mit fünf Fouls vorzeitig auf die Bank mussten, kam noch dazu.

Besiegelt wurde die Niederlage dann durch kleine Unsicherheiten, die ein wenig an die verlorenen Finals der Jahre 2018 und 2019 erinnerten. Ein Vergleich, den Luke Sikma nicht gelten lassen wollte. Auch von einer Art Rückschritt sprach er nicht, erklärte stattdessen: „München ist eine Mannschaft, die sehr gut gecoacht ist und kurz davor stand, ins Final Four der Euroleague einzuziehen.“ Eine Mannschaft, gegen die selbst Alba schon mal ein Finale verlieren kann.

Diese Niederlage sieht Albas Sportdirektor Himar Ojeda auch in einer neuen Rolle seiner Mannschaft begründet. Spätestens seit Alba vergangene Saison das Double gewonnen hat, ist man mehr als der klassische Herausforderer der Bayern und wird in Diskussionen um die Favoriten auf nationale Titel oft ähnlich hoch gehandelt wie der Rivale. „Wir haben es in den letzten Jahren geschafft, uns eine Gewinnermentalität zu erarbeiten“, erklärte Ojeda, während hinter ihm seine Schützlinge mit enttäuschten Gesichtern schweigend entlang der Bordsteinkante saßen. Eine Entwicklung, die aber auch die Erwartung Titel zu gewinnen mit sich bringt – sei es eine intrinsische oder eine extrinsische. Der nächste Entwicklungsschritt, der laut Ojeda nun anstehe: „Wir müssen jetzt die richtige Mischung aus hohem Anspruch an uns selbst und Unbekümmertheit finden. Gefühlt haben wir es nicht genug genossen, das Finale zu spielen.“

Niels Giffey hofft auf gutes Kurzzeitgedächtnis

Ein kleiner Trost: Bereits diese Woche kann Alba in den Playoffs auf den nächsten Finalgenuss hinspielen. „Wir müssen jetzt ein gutes Kurzzeitgedächtnis haben“, sagt Niels Giffey. Und Luke Sikma ergänzt: „Wir sind schließlich immer noch dasselbe Top-Team, das wir die gesamte Saison über waren.“ Hinzu kommt, dass Alba trotz unterdurchschnittlicher Leistung auch am Sonntag bis in die Schlussminute eine Siegchance hatte.

Und dennoch hat das Pokal-Top4 auch deutlich gemacht, was Alba in den Playoffs erwarten wird. Unter anderem, weil neben den wiederbelebten und abgezockten Bayern auch Ulm einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Zwar gelang es Albas potenziellem Halbfinalgegner gegen die Bayern mehrfach nicht, den berühmten Sack zuzumachen, aber mithalten können die Ulmer allemal. Kein Wunder, dass Himar Ojeda sagt: „Das Top4 war ein weiterer Beweis dafür, dass uns spannende und interessante Playoffs bevorstehen.“