Berlin - Während die Spieler des FC Bayern München gut gelaunt die Arena am Ostbahnhof verließen, selbst um 23.04 Uhr noch draußen ein wenig mit dem Basketball dribbelten, war die Stimmung im Alba-Lager eher bedröppelt. Dort, am Spielerausgang, wo sich Maodo Lo und Louis Olinde fast auf die Minute genau 24 Stunden zuvor noch von ihren Bekannten hatten für einen Sieg feiern lassen, schlichen Simone Fontecchio und Luke Sikma am Donnerstagabend mit hängenden Köpfen davon, herrschte unter Sportdirektor Himar Ojeda und dessen Familie sowie dem Berliner Trainerteam betroffene Stille. Das zweite Spiel der Finalserie um die deutsche Meisterschaft, diese 66:76-Niederlage hatte sie alle schwer getroffen – körperlich, aber vor allem mental.

Maodo Lo und Niels Giffey gehen ohne Kommentar in die Kabine

Ohne Kommentar, ohne Erklärung waren nach Abpfiff schon Maodo Lo und Niels Giffey in der Kabine verschwunden. Der Stachel der Enttäuschung saß auch bei Luke Sikma sicht- und hörbar tief. „Wir hatten einen schlechten Start, haben uns gut zurückgekämpft, aber das hat uns eine Menge Kraft gekostet“, sagte der Amerikaner im Anschluss an sein zweites Spiel nach dem Comeback. Der Flügelspieler wusste genau, dass es die ersten 14 Minuten waren, die nach einem Auftaktsieg der Best-of-Five-Serie einen zweiten Schritt in Richtung deutscher Meisterschaft verhinderten. Nur zehn Punkte gemacht, dafür aber 29 gegen eine Mannschaft kassiert, die selbst in einer Achter-Rotation und nach gerade einmal 22 Stunden Pause Energiereserven mobilisiert hatte, die die Berliner bis dahin erdrückten. Statt mit einer aussichtsreichen 2:0-Führung ging die Reise für das Alba-Team am Freitag mit einem 1:1-Unentschieden nach München.

Dort hatten sich die Berliner in der vergangenen Saison den Titel geholt. Die Bayern waren damals bereits im Viertelfinale des Bubble-Turniers an Ludwigsburg gescheitert, hatten in der Vorrunde schon zwei Spiele verloren und wirkten damals alles andere als gefestigt. Ein Team aus großartigen Einzelkönnern funktionierte nicht als Einheit, wirkte zerrissen und schlecht gecoacht. Der FC Bayern des Jahrgangs 2020/21 ist ein ganz anderer. „Diese Mannschaft ist unfassbar“, hatte Maodo Lo nach dem Auftaktsieg über die Münchner gesagt, für die er selbst im vergangenen Jahr auf dem Feld stand, „die spielen 40 Minuten lang, die kämpfen immer, auch wenn sie hinten sind. Gegen so eine Mannschaft muss man wirklich 100 Prozent da sein und versuchen, 40 Minuten gut zu spielen, sonst hat man keine Chance.“

Dass er mit Alba Berlin im zweiten Finalspiel den Beweis für die von ihm aufgestellte These erbringen würde, hatte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen können. „Wir waren müde, hatten schwere Beine und haben nur schwierige Würfe bekommen“, sagte Ben Lammers über das erste Viertel, das mit 7:20 verloren ging und mit dem sich die Berliner fast schon in der ersten Halbzeit aus dem Spiel beförderten. Da aber auch die Bayern nach mehr als 70 Saisonspielen in drei Wettbewerben und mit einigen Verletzten nicht über die gesamten 40 Minuten die Energie auf dem höchsten Level aufs Feld bringen können, war Albas Glück und ließ die Tür für die Berliner selbst nach so einem Katastrophen-Start noch einen Spalt offen. Und der wurde sogar im dritten Viertel noch einmal weit geöffnet. Weil Alba Berlin den so wichtigen Rhythmus im eigenen Spiel gefunden hatte und sich kurzzeitig daran berauschen konnte.

Der FC Bayern München aber versteht es nicht erst in dieser Saison nahezu perfekt, den Berlinern diese Freude zu nehmen. Mit hartem Körperkontakt, mit hohem Druck auf und abseits des ballführenden Spielers oder eben auch mal mit einem harten Foul. Das mag nicht immer schön aussehen und kommt gerade in fremden Hallen nicht gut an, erzeugt aber Wirkung beim Gegner. Über den Erfolg in einer Serie über maximal fünf Spielen in sieben Tagen, mindestens aber über vier Spiele in fünf Tagen wird neben Trefferquoten und sinkender Energie vor allem der Kopf entscheiden.

Bayern München hat schon mehrfach große Mentalität gezeigt

Die Bayern haben mehrfach in dieser Saison unter Beweis gestellt, dass sie die Mentalität besitzen, um bereits verloren geglaubte Spiele noch zu drehen – selbst eine 20-Punkte-Führung ist nichts, worauf sich ein Gegner der Münchner ausruhen sollte. Das hat Alba Berlin in der abgelaufenen Euroleague-Spielzeit schon schmerzhaft am eigenen Leib verspürt. Der körperlich harte Stil, den die Bayern bei ihren Läufen meist auf das Parkett bringen, hatte Alba Berlin schon in den vergangenen Jahren immer wieder vor Probleme gestellt und war in diesem Duell oftmals der entscheidende Faktor. Er hat auch schon vor wenigen Wochen das Finale um den BBL-Pokal zugunsten der Bayern entschieden.

Eine Entscheidung in der Heimspielstätte der Münchner kann auch schon am Wochenende im Kampf um die deutsche Meisterschaft fallen. Jeweils um 15 Uhr werden Spiel drei und vier in der bayrischen Landeshauptstadt vor immerhin 1300 Zuschauern ausgetragen. Will Alba Berlin dort den Titel verteidigen oder zumindest ein Entscheidungsspiel in Berlin am Dienstag erzwingen, braucht es zwei Siege, mindestens aber einen Erfolg. Und dafür braucht es gegen die Bayern des Jahrgangs 2020/21 mehr als nur zwei gute Viertel. In der Hauptrunde der Bundesliga und dem Auftaktspiel der Serie ist Alba Berlin das schon dreimal gelungen. Das Wissen, die Bayern schlagen zu können, muss die Erinnerungen an die Negativerlebnisse dominieren.