Alba Berlin: Neue deutsche Welle

Es gibt Fixpunkte im Berufsleben von Mithat Demirel. Termine, die Alba Berlins Sportdirektor zeigen, dass mal wieder ein Jahr vergangen ist. Die Reise im Juli nach Übersee ist so ein Fixpunkt. Am Mittwoch ist Demirel nach Las Vegas geflogen. Dort, in der Wüste Nevadas, besucht er die Summer League der nordamerikanischen Basketball-Association (NBA). Profis mit Ambitionen dient sie als Laufsteg, Managern mit Absichten als Kontaktbörse. Spielerberater treffen Talentscouts, Angebot trifft Nachfrage. In Las Vegas ist Mithat Demirel deshalb momentan sehr gut aufgehoben. Denn er und die anderen aus Albas sportlicher Leitung bauen gerade die Mannschaft für die kommende Saison.

Während sich Demirel auf dem Weg in die USA befand, bahnte sich bereits der nächste Transfer an. Reggie Redding, 24, steht unmittelbar vor einem Wechsel von Tübingen nach Berlin. Der 1,96 Meter große Flügelspieler aus den USA wird dann Albas sechster Zugang sein. Sechs neue Gesichter, sie stehen für eine neue Personalpolitik. Alba Berlin hat sich einen Paradigmenwechsel verordnet.

In der Vergangenheit vertraute der Klub weitgehend auf fertige Profis, erfahren und in der Lage, ein Spiel zu tragen. Profis wie Zach Morley, der jetzt jedoch lieber Richtung Bayreuth entschwand, womöglich um einer erneuten Doppelbelastung durch internationale und nationale Auftritte zu entgehen; in der vergangenen Saison plagten den 30-Jährigen Blessuren. Zentrale Rollen erhielten auch Akteure wie Deon Thompson, der trotz seiner 24 Jahre und gelegentlicher Leistungsschwankungen schon ziemlich reif wirkte. Diesmal dagegen arbeitet Alba an einem Perspektivkader. „Wir werden einen Kern von jungen Spielern haben, die sich verbessern wollen“, sagt Demirel. Spieler mit einer Einstellung, wie sie Trainer Sasa Obradovic verlangt, die bereit sind, sich für dessen intensive Spielanlage zu schinden.

Lockruf der Bayern

Jung, ehrgeizig, mit deutschem Pass, das ist die Grundrichtung, in welche die bisherigen Verpflichtungen deuten. Ismet Akpinar, 18, Bar Timor, 21, Jonas Wohlfarth-Bottermann, 23, Akeem Vargas, 23, stehen dafür. Der in dieser Woche engagierte Alex King ist zwar schon 28 Jahre alt, gilt aber immerhin als Spätberufener in der deutschen Nationalmannschaft. Ohnehin sollen einzelne ältere Spieler dem Team Stabilität verleihen. Deshalb hätte auch Yassin Idbihi seinen Platz in einer umgebauten Mannschaft finden können, doch zieht es den Center zum FC Bayern. Offenbar sind die Münchner gewillt, den Gehaltsvorstellungen des 29-Jährigen zu entsprechen.

Überhaupt setzen die Bayern mit ihrem Finanzgebaren in der Bundesliga (BBL) neue Maßstäbe. Als Teilnehmer an der Euroleague dürften sie noch einmal zulegen. Schon in der vergangenen Saison sprach die Konkurrenz verwundert von marktunüblichen Summen. Summen die es vorher in Deutschland nicht gegeben hatte. Und die es für die meisten anderen Klubs auch in Zukunft nicht geben wird.

Von einem „vorsichtig kalkulierten Etat“, spricht Demirel. Wie sehr sich das Budget der Berliner von dem der vorigen Spielzeit unterscheiden wird, will Albas Sportdirektor erst einmal nicht verraten. Die personelle Neuausrichtung lässt aber erahnen, dass sie eher weniger als mehr Geld ausgeben können. Darauf müssen sie reagieren.

Geduld als Kapital

„Entwicklungsfähige Spieler“, nennt Demirel die Zugänge. „Wir wollen ihnen auch die Zeit geben, sich zu entwickeln.“ Das sind ungewohnte Töne für einen Verein, der sich bisher zum Erfolg verdammt sah. „In den letzten Jahren standen wir extrem unter Druck“, sagt Demirel. National war die Meisterschaft das Ziel. Auch wenn Albas Verantwortliche vergangene Saison – angesichts der stark wachsenden Konkurrenz – die Vorgabe auf die Halbfinalteilnahme herabsetzten. International war die Euroleague stets das Maß der Dinge, der Sprung in die Runde der besten Mannschaften zuletzt ein Erfolg mit Prestige.

Mit einem Perspektivkader und ohne Königstransfers sind solche Ansprüche kaum zu halten. Das ist den Berlinern bewusst. Sie gehen einen Schritt zurück in der Hoffnung, künftig umso weiter vorauseilen zu können. „Wir bereiten uns jetzt auf die nächsten Jahre vor“, sagt Demirel. Die neue deutsche Welle soll sich nicht gleich wieder totlaufen. Die Verträge sind, gemessen an den Gepflogenheiten der Branche, langfristig angelegt. Ismet Akpinar hat sich für vier Jahre an den Klub gebunden, Bar Timor, Jonas Wohlfarth-Bottermann sowie Alex King für jeweils drei und Akeem Vargas für zwei Jahre.

Gemeinsam sollen sie wachsen. „Eigentlich ist es deshalb auch ganz gut, dass wir jetzt erst mal in einem Wettbewerb wie dem Eurocup spielen.“ In der zweiten kontinentalen Liga könnten die Talente mehr Entfaltungsmöglichkeiten haben. Dort ist die Gefahr, frustrierende Erfahrungen in Serie zu machen, womöglich nicht ganz so groß wie in der Euroleague.

Geduld – das ist Kapital, das sich in der Zukunft bezahlt machen soll. „Dass wir den jungen Spielern Zeit geben, heißt allerdings nicht, dass wir nicht jedes Spiel gewinnen wollen“, sagt Demirel. Diese Worte richten sich vermutlich an die Fans. Eine zufriedene Kundschaft ist schließlich für jede Unternehmung das größte Kapital.