Eduard Scott ruft auf die Minute genau zum vereinbarten Zeitpunkt an. Er ist gerade in die Zentrale der Euroleague in Barcelona gekommen. Die stärkste Basketball-Liga des Kontinents pausiert, nicht aber ihr Chief Operating Officer. Das operative Geschäft läuft weiter, Basketball auch. In Deutschland startet Alba Berlin am Sonntag ins Finale der Bundesliga (BBL) um die Deutsche Meisterschaft bei den Bayern. Spannendes Duell, spannendes Thema, findet Scott. Es betrifft ja die Euroleague und Europas Klub-Basketball.

Guten Morgen, hier spricht Eduard Scott. Wie geht’s?


Gut, danke. Sie sprechen ja sehr gut deutsch? Wollen wir uns auf Deutsch unterhalten?

Ich fürchte, dann wird es sehr schnell sehr still werden. Lieber auf Englisch.


Okay. Ist es ein Glücksfall, dass neben den Bayern Alba als BBL-Finalist kommende Saison in der Euroleague spielt?

Ich würde in dem Zusammenhang nicht von Glück reden. Wenn ein Team das Finale in seiner Heimatliga bestreitet und gleichzeitig im Eurocup so weit gekommen ist wie Alba, spricht das dafür, dass es auf dem Spielfeld sehr viel sehr richtig gemacht hat. Das ist das Ergebnis eines langfristigen Plans, den der Klub umgesetzt hat. Mit seinem Sportdirektor, dem Trainerstab, dem Kader.

Klingt so, als wäre Alba auf jeden Fall dabei gewesen, auch ohne Finalteilnahme, stimmt das?

Alba ist einer der Modellklubs in Europa. Zum einen wegen der strategischen Bedeutung des deutschen Markts für das Wachstum des europäischen Basketballs und seiner Wettbewerbe. Zum anderen, weil die Metropolenregion Berlin sehr wichtig ist. Aber auch, weil Alba seit der Gründung sehr hart an einem stabilen Modell arbeitet, den geschäftlichen Bereich zu maximieren versucht. Dann sind da die Basketball-Strukturen an sich. Alba hat eines der größten Schulprogramme Europas. Das heißt aber nicht, dass wir einzelnen Klubs oder Regionen Wildcards reservieren. Alba hat das nicht nötig, das hat der Klub in der Euroleague und im Eurocup bewiesen.


Warum haben die Bayern einen festen Startplatz?

Wenn wir über den FC Bayern München reden, dann reden wir über eine sehr bekannte Marke, eine sehr große Reichweite und eine starke Organisation, nicht nur auf die Welt des Basketballs bezogen, sondern auf einem globalen Niveau.

Das betrifft vor allem Fußball, oder?

Über zwei wichtige Aspekte wird in Bezug auf den FC Bayern kaum gesprochen: Erstens, die Entscheidung, Basketball als eigenständige Struktur aufzubauen, die finanziell selbstständig ist. Das war eine kluge Entscheidung, um das Basketball-Management zu ermutigen, ein starkes Team zu entwickeln – wenn auch unter dem Dach der Marke FC Bayern. Und zweitens: Die Struktur hinter dem Team genügt einem hohen Standard, ähnlich wie bei Alba. Bayern München hat an die 45 Mitarbeiter in der Geschäftsstelle.

 

Wenn sich zwei Klubs so weit vom Rest absetzen wie Alba und München, ist das gut für die BBL?

Die BBL hat ja Mindeststandards festlegt. Wenn einige Klubs nun diese Standards  übertreffen, spornt das die Konkurrenten an. Die Erfahrung der Euroleague zeigt, dass das ein sehr gesunder Effekt ist.

Auf welchem Platz würden Sie die BBL im Vergleich zu anderen nationalen Ligen einsortieren?

Wenn wir zum Beispiel die BBL mit der litauischen Liga vergleichen würden, sprächen wir über einen Markt mit 80 Millionen Menschen und einen mit rund drei Millionen. Wir sprächen über unterschiedliche wirtschaftliche Realitäten, Entfernungen zwischen den Klubs, ein anderes mediales Umfeld et cetera. Es gibt viele, viele Faktoren, die ein Ranking – Erster, Zweiter, Dritter – ausschließen.

 

Die BBL formulierte vor Jahren aber das Ziel, 2020 die beste Liga Europas zu sein, noch vor Spaniens ACB.

Wir erinnern uns hier sehr gut an die Reaktionen darauf aus anderen Ligen. Ich sage es mal so: Sie waren nicht sehr positiv. Von fehlendem Realitätssinn war die Rede. Aber die Fakten bestätigen die BBL heute. Sie wird die ACB wohl nicht in zwölf Monaten überholt haben, aber es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, dass sie ihre Vision in ein paar Jahren Wirklichkeit werden lässt.

Woran muss die BBL arbeiten?

Sie ist noch nicht zu hundert Prozent wettbewerbsfähig im Vergleich zu anderen Ligen. Die Ergebnisse in den europäischen Wettbewerben sind steigerungsfähig. Es stand kein deutsches Team im Final Four der Euroleague in den vergangenen 20 Jahren. Die Größe der Hallen in Deutschland kann verbessert werden, mehr größere Städte wären gut. Luft nach oben ist in Bezug auf die Medien, um mehr Menschen für die BBL und deutschen Basketball zu interessieren, über Fernsehen, Streaming oder Social Media. Dadurch gewinnen die Klubs starke Partner, steigern ihr Budget, was sich auf ihre Kader auswirkt und so weiter.

 

Erhält die BBL bald drei Startplätze, weil sie auf einem so guten Weg ist?

Auf kurze Sicht ist das unrealistisch. Vorerst bleibt es beim FC Bayern mit seiner Wildcard für zwei Jahre und dem deutschen Meister. Mittelfristig muss man sehen, wie sich die Klubs entwickeln. Die Euroleague-Klubs mit einer Lizenz, also mit einem garantierten Startrecht, erfüllen gewisse Anforderungen.


Welche zum Beispiel?

In Deutschland verfügen nur Alba Berlin und künftig der FC Bayern mit seinem Hallenprojekt über Arenen, die angemessen sind für einen Klub mit einer Euroleague-Lizenz.

 

Die Euroleague-Landkarte hat weiße Flecken. England etwa. Warum?

Großbritannien hat immer schon hohe strategische Priorität für die Euroleague. 2013 war das Final Four zu Gast in London. Es gab ein Euro-league-Team, die London Towers.

Die Towers lösten sich 2009 auf.

Es gibt dort keine Basketballkultur. Aber mittelfristig soll wieder ein Team aus UK in der Euroleague spielen. Wir sind in Gesprächen mit potenziellen Investoren, die sich für den britischen Markt interessieren und dafür, ein Euroleague-Team aufzubauen. Parallel bereiten wir einen möglichen Businessplan vor für einen Klub in London.

 

Wie sieht der Businessplan der Euroleague für sich selbst aus?

2017 hat die Euroleague strategische Märkte für die mittelfristige Entwicklung identifiziert. Das sind Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien. Die Vision ist, dass diese Märkte und Ligen stärker in der Euroleague vertreten sind. Und wenn wir schon von einem Plan reden: Es ist im Sinne der Euroleague, dass die Bayern, aber auch Asvel Villeurbanne in Frankreich Zugkraft für ihre Märkte entwickeln.


Die kniffligste Frage zum Schluss: Wenn Sie auf den neuen Deutschen Meister wetten müssten, würden Sie auf Alba oder Bayern tippen?

Das Schöne ist ja, dass ich in meiner Position gar nicht wetten darf. Aber ich würde darauf wetten, dass es eine spannende Finalserie wird.