Martin Hermannsson (l.) zeigte mit Alba Berlin Brose Bamberg klar die Grenzen auf.
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BerlinDas Pokalfinale 2019 war noch einmal einer dieser Momente. Die Dramaturgie des Spiels erinnerte an die Hochzeiten des Duells zwischen Alba Berlin und Bamberg,   die zwischen 1997 und 2017 zusammen 17 von 21 Deutschen Meisterschaften gewannen. Davon ist nicht viel übrig. Schon im diesjährigen Pokalhalbfinale vor wenigen Wochen zeigte Alba dem Dauerrivalen die Grenzen auf. In der Bundesliga wurde es nun noch deutlicher: Mit 107:70 Punkten demütigte Alba die Bamberger. In der Tabelle trennen beide Teams   nur sechs Pluspunkte, auf dem Feld aber sind es mehrere Klassen. „Ich habe eine Mannschaft aus Kindern und eine Mannschaft aus Männern gesehen“, sagte Roel Moors.

Ganz so dramatisch, wie es der Bamberger Trainer gesehen hatte, war es dann doch nicht. Kinder waren lediglich in der Halbzeitpause auf dem Feld der gut gefüllten Arena am Ostbahnhof zu sehen, sie gehören zu einem der Nachwuchs-Projekte von Alba. Es war eher der zweite Teil seiner Analyse, der den Kern traf: Beide Mannschaften hätten auf einem ganz unterschiedlichen Niveau, mit einem ganz unterschiedlichen Basketball-IQ gespielt.

Alba demontiert Bamberg

In beiden Punkten war Alba klar überlegen. Gut, bei den Bambergern fehlte mit Bryce Taylor ein wichtiger Spieler. Aber: Die Gastgeber mussten sogar eine zweite Stuhl-Reihe aufmachen, um neben Geschäftsführer Marco Baldi und Sportdirektor Himar Ojeda alle sechs nicht einsatzfähigen Spieler unterzubringen. Kresimir Nikic, der drei Tage zuvor noch in der Euroleague gegen Spitzenreiter Anadolu Istanbul eine starke Leistung und damit seine positive Entwicklung zeigte, durfte diesmal aufgrund der Ausländerregelung nicht spielen. Makai Mason, Stefan Peno, Tim Schneider und Peyton Siva waren verletzt. Neu in dieser Gruppe war Landry Nnoko, der wegen einer Knöchelverletzung fehlte. Dennoch wirkte sich das nicht negativ aus. Im Gegenteil. „Wir haben sechs fehlende Spieler und das Team wirkt fast noch homogener als sonst“, sagte Baldi, „die Homogenität des Teams war heute massiv sichtbar.“

Es fiel sogar nicht einmal auf, dass Rokas Giedraitis, hinter Martin Hermannsson und Marcus Eriksson Albas drittbester Punktesammler, offensiv einen gebrauchten Tag erwischte und seine einzigen beiden Punkte nur an der Freiwurflinie sammelte. Gestählt durch 26 Spiele in der Euroleague und ständiges Improvisieren beim Personal aber scheint Alba ganz neue Sphären in der Leistungsfähigkeit zu erreichen.

Sphären, in denen man nur Bayern München vor der Saison wähnte und die für den ewigen Rivalen aus Bamberg, aber auch für den Rest der Liga außer Reichweite zu sein scheinen. Dass Alba Berlin und Bayern München mal ein Spiel in der Bundesliga verlieren, kann vorkommen. Aber welches Team soll dieses Duo in einer Play-off-Serie dreimal besiegen? Selbst wenn die Bayern in dieser Saison nicht die Dominanz der vergangenen zwei Spielzeiten ausstrahlen, tragen sie das Gen für besondere Leistungen in sich. Ein Großteil der Liga wäre am Sonntagabend bei einem Zwölf-Punkte-Rückstand zur Halbzeit gegen Oldenburg, seines Zeichens Pokalfinalist und so etwas wie die drittstärkste Kraft der Liga, unter die Räder gekommen. München aber antwortete nach dem Seitenwechsel mit einem 25:1 im dritten Viertel und gewann am Ende mit 19 Punkten Differenz.

Gewinn für den Erfahrungsschatz

Gegen ihre nächsten Gegner aber dürfen sich die beiden deutschen Spitzenteams keine Schwäche erlauben. In der Euroleague stehen Alba und München vor einer spanischen Woche. Am Mittwochabend erwarten die Bayern das Team aus Vitoria, die Berliner von 20 Uhr an in der Arena am Ostbahnhof den FC Barcelona; am Freitag werden die Gegner getauscht und jeweils in Spanien gespielt. Barcelona, „das ist das teuerste Team in der Euroleague“, sagte Marco Baldi, „ein Team mit Superstars, mit riesiger Erfahrung, aber auch mit einem riesigen Druck.“ Der Etat von über 40 Millionen Euro weckt natürlich eine Erwartungshaltung, er verpflichtet fast schon zum Erfolg. Auch Bayern München hat vor der Saison den Etat mächtig nach oben gehoben und das Ziel Play-offs ausgerufen. Der FC Barcelona ist dafür bereits vorzeitig qualifiziert, die Münchner als Vorletzter eigentlich schon aus dem Rennen.

Druck kann eben auch leistungshemmend sein. Alba Berlin hat diesen Druck in der Euroleague nicht. Jedes Spiel ist – die hohe Belastung ausgeklammert – ein Gewinn für den Erfahrungsschatz und die Entwicklung aller Spieler. Und genau deshalb lässt Alba die Gegenspieler aus Bamberg auch schonmal wie Kinder aussehen. Wahrscheinlich nicht zum letzten Mal.