Nur ein Wort trennte Dragan Milosavljevic am Freitagmorgen vom größtmöglichen Kompliment: „Vielleicht“. Sein Trainer Sasa Obradovic hat es benutzt, er hat gesagt: „Dragan ist vielleicht der beste Spieler der Liga.“ Es ging um die Bundesliga, um Alba Berlins Partie am Sonntag gegen den FC Bayern, um das Duell zwischen Dragan Milosavljevic gegen Nihad Djedovic, eines der zentralen Duelle in dieser zentralen Partie. „Wir werden Dragan auf einem bestimmten Niveau brauchen“, sagt Obradovic.

Es wird auch andere Auseinandersetzungen geben, die am Sonntag von 17 Uhr an in der Arena am Ostbahnhof im Fokus stehen. Etwa die der langen Berliner Jungs Mitchell Watt, Kresimir Loncar, Elmedin Kikanovic gegen die Münchner Dusko Savanovic, John Bryant, Deon Thompson. Doch an Milosavljevic und Djedovic lässt sich gut erkennen, wie sich Alba und der FC Bayern in ihren personellen Möglichkeiten unterscheiden.

Djedovic, 25, hat eine Saison lang in Berlin gespielt, bis 2013 war er für den Klub am Ball. Er erzielte 10,5 Punkte pro Partie, hatte eine Dreierquote von 30,2 Prozent, war bereit für den nächsten Schritt und für Alba nicht mehr zu halten. Beim FC Bayern reifte er zu einem Spieler, den ein Trainer bedenkenlos in eine heikle Situation schicken kann. „Man sitzt in der Ecke, trinkt Kaffee und muss nur abwarten, dass er seinen Rhythmus findet“, hat Bayern-Coach Svetislav Pesic einmal gesagt.

Schnell zu Albas neuer Führungskraft aufgestiegen

In der letzten Halbfinalpartie der vorigen Saison schaltete der 1,96 Meter große Flügelspieler Alba fast im Alleingang aus mit sechs von neun Dreiern und insgesamt 30 Punkten beim 101:96 n.V. der Bayern. „Ich hoffe, dass er das nicht wiederholt“, sagt Obradovic lächelnd. Er meint: „Djedovic hat jetzt die volle Reife nach einigen Jahren des Auf und Ab.“ Über seine Fähigkeiten und Routine verfügen allerdings noch andere im Münchener Kader.

Bei Alba ist Milosavljevic, 26, eine Führungskraft. Obradovic sagt: „Das ist derjenige, auf den wir uns verlassen können.“ Der 1,98 Meter große Flügelspieler liegt in der Bundesligastatistik mit 12,3 Punkten, 4,4 Rebounds, 3,0 Assists und 33,3 Prozent Dreierquote nahe bei Djedovic mit 13,7 Punkten, 3,3 Rebounds, 2,9 Assists und ebenfalls 33,3 Prozent Dreiern. Milosavljevic übernahm bereits bei Partizan Belgrad Leitungsaufgaben, wo er fünf Jahre unter Vertrag stand und zum Kapitän aufstieg, was in diesem Klub etwas über die Qualität aussagt. Hätte er nicht 2014 einen Kreuzbandriss erlitten, vielleicht wäre die Karriere anders verlaufen.

Alba jedenfalls ist sein erstes Engagement außerhalb Serbiens. „Ich hatte weitere Angebote“, sagt Milosavljevic, „aber in Berlin hat das Gesamtpaket gestimmt.“ Neben weichen Standortfaktoren wie der Stadt selbst habe ihn die Organisation überzeugt und nicht zuletzt Sasa Obradovic. „Er ist in Serbien eine Instanz. Er gehörte zu jener Generation, die wir die Goldenen Jungs nennen. Auch als Trainer hat er bei uns einen guten Ruf.“

Selten spektakulär, aber meist effizient

Obradovic pflegt einen Stil, der Milosavljevic bereits bei Partizan geprägt hat, dieses aggressive Spiel mit einer harten Defensive als Fundament, dazu abseits des Feldes eine ausgeprägte Trainingsmoral und Arbeitsethik. Man könnte sagen, Milosavljevic passt exakt in Obradovics System.

Oder wie es der Trainer selbst formuliert: „Dragan hat bei uns auf Anhieb die volle Qualität gezeigt, das komplette Paket, defensiv wie offensiv, als Persönlichkeit und in vielerlei Hinsicht.“ Milosavljevic agiert eher unscheinbar, aber sehr physisch, selten spektakulär, aber meist effizient. Er dürfte Djedovic am Sonntag fast auf den Füßen stehen, ihn nicht aus den Augen lassen, versuchen, ihn von Distanzwürfen abzuhalten und Fastbreaks zu verhindern – eine der gefährlichen Waffen der Bayern.

Milosavljevic weiß auch, wie es ist, in einer ausverkauften Arena ähnlich der am Ostbahnhof mit ihren mehr als 14 000 Plätzen zu spielen, was auf die wenigsten im Alba-Team zutrifft. Er weiß, wie es ist, unter Druck zu spielen, weil er das bei Partizan und in der serbischen Auswahl schon tat. Er kennt die taktischen Grundzüge von Bayern-Coach Pesic und die Stärken von Bayern-Forward Dusko Savanovic: „Savanovic kann alles spielen, wenn es sein muss, sogar Point Guard.“

Milosavljevic fühlt sich wohl bei Alba

Das kann Milosavljevic übrigens auch. Als verkappter Spielmacher tritt er dann auf. Das komplette Paket eben. Das glaubt auch der Spieler im Klub gefunden zu haben. Selbst wenn er mit Alba nicht in der Euroleague spielt wie von 2010 bis 2014 mit Partizan. Er sagt: „Der Eurocup ist auch schwer, und vielleicht klappt es ja nächstes Jahr.“

Milosavljevic hat für das Gespräch in Albas Trainingshalle auf einer Turnbank Platz genommen. Die Kollegen dribbeln über das Parkett. „Bisher fühle ich mich hier sehr wohl“, sagt Milosavljevic. Das „Bisher“ geht fast im Tippen der Bälle unter. Ohne dieses Wort klingt der Satz wie das größtmögliche Kompliment für Alba Berlin.