Berlin - Der Corona-Test am Dienstagvormittag hat doch etwas länger gedauert. Deshalb klappt es mit dem verabredeten Gespräch erst ein paar Minuten später und auf dem Rückweg in die eigene Wohnung. Dort, wo er gerade wie in einem Drive-in eines bekannten Schnellrestaurants getestet wurde, würde sich Niels Giffey jetzt normalerweise auf das kommende Euroleague-Spiel am Donnerstagabend in Mailand vorbereiten. Aber: Nach sieben positiven Tests auf das Sars-CoV-2-Virus im Teamzirkel von Alba Berlin ruhen das Training und der Spielbetrieb. Drei Spiele im BBL-Pokal und eine Euroleague-Partie mussten bereits verschoben werden, auch in Mailand kann nicht gespielt werden. Und so fährt Giffey auch an diesem späten Dienstagvormittag um kurz nach 11 Uhr von der Alba-Trainingshalle in der Schützenstraße wieder in die häusliche Quarantäne. Ohne Training, aber erneut getestet. So, wie es in diesen Tagen eben sein muss.

Der Blinker im Auto ist gesetzt und ab geht die Fahrt durch Mitte in den Prenzlauer Berg. Dort hält sich Giffey mit seiner Frau seit vergangener Woche auf, hat die schönen Tage und Abende auf dem Balkon der eigenen Wohnung verbracht, um mal wenigstens frische Luft zu schnappen. Und dort hat er einen Lieferdienst entdeckt, der innerhalb von zehn Minuten die Bestellung liefert. „Ich habe keine Ahnung, wie das logistisch möglich ist. Die müssen irgendwelche Minilager im Bezirk haben, das hat mich wirklich geschockt, aber auch das eine oder andere Essen noch einmal einfacher gemacht, weil ich gerade nicht raus kann und bestelle die ganze Zeit einfach“, sagt der Alba-Kapitän, „das ist für diese Situation genial.“

Wenngleich die Situation nicht gerade einfach ist. Nicht nach dem ersten positiven Test, erst recht nicht nach den sechs folgenden. Das Virus, das vor wenigen Wochen schon wieder in die hinteren Ecken des Kopfes verschwunden war, ist plötzlich in der Mannschaft und ganz nah. „Man ist ein bisschen verunsichert“, so Giffey, „man guckt schon noch mal in die Vergangenheit und überlegt, ob der Rachen nicht doch die letzten zwei Tage gekratzt hat oder der eine Nieser zu viel war.“ Und wie lange man sich mit den positiv getesteten Personen in einem Raum aufgehalten habe.

Wie bereits im März hat auch diesmal eine Reise zu einem Euroleague-Spiel in Moskau das Leben rund um das Profiteam von Alba Berlin zum Erliegen gebracht. Dabei seien die Reisen in den vergangenen Wochen gar nicht das Problem gewesen. „In Israel und Russland waren wir schon in kritischen Gebieten, aber da sind wir privat geflogen, was mir ein sichereres Gefühl gegeben hat. Ich glaube einfach, dass die Reisen für uns relativ sicher waren“, sagt Giffey und bezeichnet die Auswärtsfahrten als richtigen Business-Trip: „Man fliegt hin, ist im Hotel, geht nirgendwohin, hat keinen Kontakt und ist nur innerhalb der Gruppe unterwegs. Die Sache lässt sich nicht kontrollieren und eingrenzen, solange man auch die Kontakte zu Hause hat.“

Die Fahrt dorthin geriet in diesem Moment etwas ins Stocken, irgendwer hat auf der Straße geparkt. Giffey hupt, wartet kurz und setzt die Heimreise fort. Der aktuellen Situation hatte er sich in den eigenen vier Wänden mal für ein paar Tage ergeben und gesagt: „Okay, man muss für sich jetzt etwas Ruhe finden.“ Nervös, dass er nicht fit bleibe, war er nicht. „Weil man auch mal darüber nachdenkt, was passiert, wenn ich jetzt vielleicht doch positiv bin, der Test es aber noch nicht zeigt. Nachdem ich aber keine Anzeichen hatte, habe ich mir einen kleinen Tagesrhythmus aufgebaut, und der beinhaltet jetzt auch ein paar Workouts.“

Die sind mit den Coaches abgestimmt, schließlich ist ja diesmal ein Ziel in Sicht: Nach 14 Tagen in Quarantäne soll das Team in der kommenden Woche wieder in das Training einsteigen und am 5. November in der Arena am Ostbahnhof den FC Barcelona zum nächsten Euroleague-Spiel empfangen. „Das wird extrem tough, guten Basketball zu produzieren“, so Giffey. Nicht nur in diesem Spiel, sondern in der kompletten Saison. Deshalb gilt: „Wir werden gutes Entertainment geben müssen. Auf jedem Kanal, wo die Leute in dieser Saison Basketball schauen, muss es unterhaltend sein.“

Der Gedanke, wie sich das Team in der Liga schlägt oder wie die Mannschaft in der Liga positioniert ist, sollte aus seiner Sicht in den Hintergrund rücken. „Jeder Basketballfan muss die Spiele, den Basketball an sich einfach genießen und vielleicht in dieser Saison das Entertainment darin sehen und für ein paar Minuten mal den Alltag und die ganzen Corona-Probleme vergessen“, so Giffey, „einfach den Sport für sich sehen und nicht unbedingt auf die Ergebnisse schauen. Auch wir müssen es in dieser Saison so sehen und akzeptieren, dass es einfach inkonstant wird und man damit umgehen muss.“

Auch er hat die vergangenen Tage genutzt, um ein wenig Basketball zu schauen. Andere Mannschaften konnten ja in der Euroleague oder dem BBL-Pokal spielen. Ansonsten „probiere ich, etwas später aufzustehen, um irgendwie den Tag rumzubekommen“, sagt er. Anderthalb Stunden gehen zudem für das Workout drauf, es wird viel im Hause Giffey gekocht und sich mit ein paar Investment-Themen beschäftigt. Informationen holt sich der Flügelspieler in Business-Podcasts und -kursen. Auch eine Serie wie „Dark“, die mal eben drei Staffeln lang ist, lässt sich einer Quarantäne-Woche komplett durchschauen.

Doch eigentlich möchte Niels Giffey wieder Basketball spielen. Wenn es die Lage zulässt, lieber in der nächsten Woche und nicht erst im kommenden Jahr. Doch auch er hat die steigenden Fallzahlen in Deutschland und Europa gesehen. „Für den Sport wäre es natürlich ernüchternd, wenn wir jetzt 14 Tage in der Quarantäne sind und dann in einen zweiten Lockdown müssen“, sagt er. Jetzt aber, um 11.44 Uhr hat er das Auto vor der Wohnung geparkt und begibt sich in den neunten Tag der Quarantäne.