Berlin - Ein kurzer Blickkontakt reicht, ein leises „Hey, komm mal her“, und schon stehen Louis Olinde und Marvin Willoughby hinter der Trainerbank im Austausch über eine Spielsituation. Die Partie ist längst entschieden, die Hamburger Piraten liegen 89:74 gegen Braunschweig in Führung, doch Willoughby hat Redebedarf, möchte seinem Schützling etwas mit auf den Weg geben. 17 Jahre alt ist Olinde in dieser Szene. Er ist Anführer der Hamburger, gilt als großes Basketball-Talent in Deutschland und hat große Ziele. „So hoch spielen wie möglich, am liebsten in der NBA, aber auch Euroleague oder Bundesliga sind hohe Ligen, in denen man spielen kann und auf jeden Fall ein Ziel“, sagte er damals im Dokumentarfilm „Starting Five“, der die Saison 2015/16 der Hamburg Towers zeigt.

Hamburg schlägt Alba und Bayern innerhalb einer Woche

Ein aufstrebender Profiverein, der sich erst 2014 gegründet hat und dessen Basis in der Sozialarbeit in Hamburger Brennpunkt-Bezirken liegt. Ein Verein, der 2019 den Sprung in die 1. Bundesliga schafft, der vorletzte Woche innerhalb von wenigen Tagen erst Alba Berlin und danach den FC Bayern München bezwingt und deutlich auf Playoff-Kurs liegt. „Jetzt sind wir da, wo wir hin wollten“, sagt Geschäftsführer Willoughby, der sich vor allem im Spiel gegen Alba über das Wiedersehen mit Louis Olinde gefreut hat. Die Tränen darüber, dass Louis Olinde schon seit Sommer 2016 nicht mehr für Hamburg spielt, sind längst getrocknet. „Er ist bei einem Topteam der Liga und er spielt da wirklich mit. Defensiv ist es ganz stark, was er da macht“, sagt der 43-Jährige. „Man muss schon sagen, dass er sich ganz toll entwickelt.“

Ganz so wie der eigene Verein. Die jüngsten Erfolge der Towers geben ihm endlich die Möglichkeit, im Verein ausgebildeten Talenten eine Perspektive für ihre Entwicklung zu geben. Talenten, wie dem 19-jährigen Justus Hollatz, der sogar schon ein A-Länderspiel absolviert hat. „Wir sehen, dass wir in die richtige Richtung laufen, um so ein Talent zu behalten. Aber da glaube ich, dass wir bald wieder das nächste Problem haben, weil nicht nur Bundesligisten an ihm interessiert sind, sondern auch andere Vereine“, sagt Marvin Willoughby, „aber das ist der Kampf, den ich gerne angehen möchte.“

Auch um Louis Olinde hat er in der Saison 2015/16 gekämpft. Das Talent Olinde und der frühere Nationalspieler Willoughby funkten damals wie heute auf einer Wellenlänge. Das Streben nach hohen Zielen verbindet sie. Der schlaksige Louis, dem die abklingende Pubertät noch ins Gesicht geschrieben steht, möchte hoch hinaus, und sein ehemaliger Trainer Willoughby will ihm auf diesem Weg helfen, ihm Perspektiven in Hamburg bieten. Willoughby hat ambitionierte Ziele, spricht davon, dass die Towers bald in der Bundesliga spielen werden, und wird dafür hin und wieder auch belächelt. „Jetzt im Rückblick, mit dem Wissen, was das alles gekostet und wie viel Aufwand dahinter gesteckt hat, ist das schon eine ziemliche Ansage gewesen, die ich da gemacht habe“, sagt Marvin Willoughby und muss selber lachen. „Ich habe einfach nur ein bisschen rumgeprollt.“

Aber das Klappern gehört zum Handwerk eines Geschäftsführers, wenn er ein Talent halten möchte. Doch alle Argumente und die kurzfristige Perspektive in der Pro A reichten für den heutigen Spieler von Alba Berlin nicht. „Marvin hat es natürlich ernst gemeint, aber auch immer gesagt, dass es nicht 100 Prozent sicher ist, sie als Verein aber diese Ziele haben“, erzählt Louis Olinde. Der machte seine weiteren Schritte in Bamberg und spricht von der sportlich richtigen Entscheidung. In Bamberg wurde er an das Profiteam herangeführt, konnte in der Bundesliga und Euroleague spielen. Er hat seine Freundin kennengelernt, mit der er seit vergangenem Sommer in Berlin lebt.

In Berlin den nächsten Schritt Richtung NBA machen

Dort spielt er Bundesliga und Euroleague – bei Alba soll der nächste Schritt in Richtung NBA gemacht werden. „Ich habe hier eine sehr gute Situation. Die nächsten zwei Jahre in der Euroleague, ohne den Druck zu haben, alle Spiele gewinnen zu müssen. Sondern eher, dass man als Spieler besser wird. Diese Situation hat man nirgends in Europa, dass so viel Wert darauf gelegt wird, dass die Leute besser werden“, sagt Louis Olinde.

Die vier Jahre in Bamberg und die bisherige Zeit in Berlin haben seiner Entwicklung bereits sehr gutgetan. Technisch habe er sich verbessert, der Wurf sei stabiler und das Ballhandling besser geworden. Aber: „Das Wichtigste aus den Jahren ist die Erfahrung“, sagt der heute 23-Jährige, der weiß, dass er vor allem körperlich noch ein wenig zulegen muss, wenn er sich tatsächlich auch noch den Traum von der NBA erfüllen möchte. Aber erst einmal hat er bei Alba Berlin noch einen Vertrag bis zum Sommer 2023. Und so werden auf das nächste Wiedersehen mit den Hamburg Towers am Sonnabend in Berlin (18 Uhr/Magentasport) noch viele weitere folgen.