In der Umkleide der Alba-Profis: Constantin Kern (vorn), Stephanie Süß und Fabian Ottawa führen Grundschüler durchs Programm der Sportstunde.
Foto: Alba Berlin

BerlinIm Hintergrund der Sprachnachricht ist das Geräusch der U-Bahn zu hören. Während sich die Straßen, öffentlichen Räume und Bahnhöfe geleert haben, benutzt René Grzona noch immer fleißig die öffentlichen Verkehrsmittel der Hauptstadt. Die Arena am Ostbahnhof ist das tägliche Ziel des Nachwuchstrainers von Alba Berlin. Den Weg zwischen der eigenen Wohnung und der Heimspielstätte des Profiteams kennt er seit vielen Jahren ganz genau, seine aktuelle Aufgabe hingegen erst seit wenigen Tagen. Grzona ist Aufnahmeleiter am Filmset für Albas Projekt „Tägliche Sportstunde“. Von Montag bis Freitag werden mehrere Folgen veröffentlicht, und er ist in seiner neuen Rolle „dafür verantwortlich, dass die Inhalte, die wir uns in den Redaktionsteams vorstellen, auch in den Videos zustande kommen“.

Zum Zeitpunkt, als die Corona-Krise zur Schließung der Schulen und Sporthallen in Berlin führte, war er, wie alle Trainerkollegen im Verein, zunächst beschäftigungslos. Erst einmal wollte er ein wenig Ruhe haben, Dinge abarbeiten, die liegengeblieben waren, oder Videos sichten. Doch beschäftigungslos sollten er und alle anderen im Verein nicht bleiben. Als die Idee für die „Tägliche Sportstunde“ geboren war, musste sie schnell umgesetzt werden.

Trainer werden Redakteure

Kleine Teams entstanden, Trainer und Geschäftsstellenmitarbeiter wurden von einem Tag auf den nächsten Redakteure, Aufnahmeleiter, Moderatoren. Kein Jammern, kein Hadern mit der Situation, sondern eine Transformation vom Profisportverein zur Videoproduktion. „Eigentlich“, sagte Projekt-Erfinder Henning Harnisch zu Beginn, „ist das, was wir hier machen, verrückt.“

Und doch funktioniert es seit der Premiere am 18. März. Die ersten Worte im neuen, digitalen Format des Alba-Trainings für Kinder gehörten Constantin Kern, der sich ebenfalls als Alba-Jugendtrainer vorstellte und gemeinsam mit Stephanie Süß und Fabian Ottawa die erste Sportstunde moderierte. Die Marke von 1,5 Millionen Aufrufe hat diese Folge der digitalen Trainingsstunde für Grundschüler nach zwei Wochen fast geknackt.

Fans wollen dem Verein helfen

Die Fanclubs von Alba Berlin wollen die Folgen der Coronaviruskrise für ihren Verein abmildern. In einer gemeinsamen Erklärung appellierten Block212 und Alba-Tross an die Zuschauer, auf Ticket-Rückerstattungen zu verzichten. „Es geht dabei nicht nur um Alba Berlin in der aktuellen Situation. Es geht um die Zukunft des Vereins und den Fortbestand der Liga“, lautete die Aufforderung.
Die finanziellen Einbußen, die dem Verein aufgrund der gezwungenen Spielpause bevorstünden, sind laut den Fanclubs enorm. Sie wollen nun durch Verzicht helfen. „Egal ob Fanblock, Haupttribüne oder sonstwo in der Halle: Der erste Schritt dem Verein zu helfen ist es, auf Rückzahlungsforderungen für Dauerkarten und Tagestickets zu verzichten!“, forderten sie deshalb.
Der Spielbetrieb in der Liga ruht aktuell bis zum 30. April. Doch Niemand könne genau sagen, wann „unser aller zweites Wohnzimmer“ wieder öffnet, schrieben die Verantwortlichen der Fan-Initiative. „Lasst uns als ALBA-Familie zusammenrücken und den ersten Schritt machen, um auch zukünftig wieder großartigen Basketball in Berlin erleben zu können.“

Nicht nur in Berlin, sondern in vielen deutschen und sogar europäischen Haushalten wird das Format geschaut. Und plötzlich wird Constantin Kern auf der Straße erkannt. Eine Familie mit zwei Kindern etwa wollte wissen, ob er denn derjenige sei, der in den Videos zu sehen ist, und wünschte sich sogar ein Autogram. „Das haben wir Corona-korrekt gemacht. Ich habe auf einem Zettel unterschrieben und ihn auf einen Stromkasten gelegt – das war die Übergabe“, sagt der Alba-Trainer.

Die tägliche Arbeit in einer Sporthalle ist für ihn und seine Alba-Kollegen kein Problem, die Arbeit vor der Kamera hingegen ungewohnt. Zwar macht Constantin Kern seit mehreren Jahren mit seinem Freund Jonas mit der Combo „Bambägga“ Hip Hop und hat bereits vor Publikum gespielt, was er als kleinen Vorteil bezeichnet. Aber: „Ich empfinde trotzdem sehr stark Lampenfieber.“ Damit das Lampenfieber das einzige Fieber am Set bleibt, beachten er und alle Leute am Set Regeln. Keine Berührungen untereinander, immer den Abstand einhalten. „Wenn wir in das Studio kommen, ist es immer das gleiche Team, das zusammen arbeitet. Wir machen den direkten Weg hin zum Waschbecken und desinfizieren uns dort“, sagt er.

Nach zwei Wochen Arbeit greifen in der Produktion alle Rädchen sehr gut ineinander. Am Vormittag werden von anderen Alba-Trainern die Inhalte der Sendungen erarbeitet. Jeden Tag entsteht ein Skript, das am Abend um 18 Uhr für die Produktion am Folgetag fertig sein muss. „Damit wissen die Moderatoren für den Dreh inhaltlich immer schon Bescheid“, sagt Aufnahmeleiter Grzona. In seiner Funktion ist er Bindeglied zwischen Redaktionen und Filmset. Jeden Nachmittag ist er beim Dreh zwischen 14 und 20 Uhr in der Umkleidekabine vor Ort. Nicht jede Einstellung gelingt beim ersten Mal. Grzona, der Co-Trainer von Albas NBBL-Team und Sportprofiltrainer in einer Grundschule im Prenzlauer Berg ist, notiert sich die ganzen Versuche, „damit derjenige, der die Episode zusammenschneidet, nur gucken muss, welche für welche Thematik benutzt werden sollen“.

Mittlerweile ist Routine entstanden, frei von kleinen Fehlern sind die Folgen nicht. Darum geht es aber auch nicht. „Wir versuchen, so rüberzukommen, wie wir eigentlich sind. Egal, ob man sich mal verspricht oder was vergisst“, sagt Kern. Die Fangemeinschaft verzeiht das. Zahlreiche Kommentare in den sozialen Medien oder die E-Mails, die täglich das neu eingerichtete Postfach sprengen, belegen das. Auch hierfürgibt es ein Team, das sich um die vielen Fragen, Anregungen, Danksagungen oder Einsendungen für Mitmach-Aktionen kümmert.

600 Mails von Kindern am Tag

„Ich habe einige Lieblings-Mails. Zum Beispiel von einer Großmutter die von ihrem Enkel über eine größere Distanz getrennt ist, aber durch die Sportstunde verbunden ist und sich darüber austauscht“, sagt Alper Ari. Normalerweise erreichen den Trainer und Mitarbeiter in der Jugendgeschäftsstelle täglich rund 30 E-Mails, jetzt sind es 500 bis 600, die er mit seinen Kollegen beantwortet.

Constantin Kern mit seinen anderen Kollegen vor und René Grzona mit den Teams hinter der Kamera werden in den kommenden Wochen weiter dafür sorgen, dass täglich viel Fanpost reinkommt, die Kinder animiert werden, ihre gezeichneten Bilder einzuschicken. So lange das Leben durch die Corona-Krise eingeschränkt ist, werden sie für ein Stück Normalität, Ablenkung und Freude bei Menschen sorgen, die zu Hause bleiben sollen. „Das nimmt zwar alles viel Zeit in Anspruch, lenkt aber von der Situation ab“, sagt Grzona, „ich vermisse aber auch den Basketball und Zeit, die ich mit meinen Jungs in der Halle stehe. Man ist halt Basketball-Trainer.“