Marco Baldi bittet in sein Büro, Knesebeckstraße, Zentrale des Alba-Konzerns, zweiter Stock. Hier sind die Alba-Basketballer untergebracht, die Profi-GmbH. Ein Schreibtsich steht in dem Büro, ein Tisch und Stühle für Besucher, nichts Überflüssiges. Die Sachlichkeit passt irgendwie zu dem Saisonstart des deutschen Meisterschaftszweiten an diesem Sonnabend gegen Jena (18 Uhr, Arena am Ostbahnhof). Der muss die Dinge sachlich nehmen nach einer Vorbereitung, in der nicht immer alle Spieler verfügbar waren und in der am Ende der angeschlagene Center Dennis Clifford ersetzt werden musste. Baldi spricht nun darüber, wie Alba mit den gestiegenen Erwartungen umgeht, und über den Aufschwung der Bundesliga (BBL). Doch zuerst redet er über die Macht der NBA, die bis nach Berlin ausstrahlt: „Mein Lieblingsthema.“

Alle reden von Konitunität. Sie auch. Diesmal konnte Alba den Großteil des Kaders halten. Wie wichtig ist das?

Es geht um die Idee, wie man die zu einer Spielidee und zum Budget passenden Spieler zu einer schlagkräftigen, geschlossenen Mannschaft formen kann. Da ist auch Kontinuität ein wichtiger Faktor. Man kann die spielerische Qualität weiterentwickeln, wenn ein Team Zeit hat, gemeinsam zu reifen. Aber Spieler, die sich deutlich weiterentwickeln, zu halten, ist ein Kraftakt.

Warum?

Wie in allen Profiligen existiert eine Hierarchie der Klubs mit den höchsten wirtschaftlichen Mitteln. An der Spitze steht die NBA.

Wie beeinflusst die nordamerikanischen Profi-Liga die anderen Ligen?

Wenn in der NBA die Topstars mehr als 30 Millionen pro Jahr verdienen, kommen da auch europäische Top-Clubs wie ZSKA Moskau oder Fenerbahce Istanbul nicht mit. Ist ein Spieler für die NBA interessant, wird es schwierig, ihn zu halten. Die NBA investiert selber nichts in die Spielerentwicklung, sondern verlässt sich auf ihre Spitzenposition weltweit.

Und geht davon aus, dass ihr die besten Spieler zugeführt werden?

Ja, nehmen wir Moritz Wagner, dessen Karriere Alba von klein auf mitaufgebaut hat: Er ist jetzt bei den Los Angeles Lakers. Das freut mich für den Jungen, aber wir haben nichts davon, was wir in die Ausbildung neuer Talente investieren könnten. Die Fifa hat das im Profifußball besser geregelt.

Da das System sich erst mal kaum ändern wird: Wie geht Alba damit um?

Mit einer klaren Ausrichtung. Mit dem größten Jugendprogramm Deutschlands, einer perfekten, auf Spielerentwicklung ausgelegten Infrastruktur und Philosophie. Und am Ende brauchen wir eine funktionierende mannschaftliche Geschlossenheit, die uns vergangene Saison auszeichnete, um mit den Besten wettbewerbsfähig zu sein. Das ist unser Weg. Er hat uns vergangene Saison alle nationalen Jugendmeisterschaften gebracht und unsere Profis bis in die Finals der Liga und des Pokals. Dabei haben wir auch Teams mit deutlich höherem Budget hinter uns lassen können. Aktuell sind acht unserer Spieler im 17er-Kader Berliner, die durch unser Programm gelaufen sind. Und jüngere kommen nach. Das ist eine starke Basis.

Bayern-Präsident Uli Hoeneß fordert, dass sich die Spielergehälter in Europas Basketball stärker angleichen müssen. Ist das realistisch?

Bayern klotzt ordentlich ran. Die wirtschaftliche Vormachtstellung, die sie sich im Fußball erarbeitet haben, spielen sie jetzt auch im Basketball aus. Sie dringen in für deutsche Verhältnisse völlig neue Dimensionen vor, um damit auch in Europas vorderste Spitze zu gelangen. Die Voraussetzungen dafür hat Uli Hoeneß geschaffen. Völlig klar, dass sie als Topfavorit gehandelt werden.

Wurmt Sie das nicht?

Warum? Ich glaube nicht, dass im Basketball eine ähnliche Langeweile wie im Fußball droht. Wir spielen Play-offs, das beeinflusst vieles, auch die Mentalität. Die finanziellen Verhältnisse haben uns im letzten Jahr auch nicht davon abgehalten, unseren Weg zu gehen, Qualitätsspieler weiterzuentwickeln, daraus ein starkes, geschlossenes Team zu formen, um damit die Spitze anzugreifen.

Kann Alba nach der vergangenen Saison bei dieser Spielerentwicklung überhaupt noch etwas draufpacken?

Wir haben eine hohe Kontinuität im Kader und die vier Neuen sind allesamt Wunschspieler. Die Vorzeichen sind gut.

Die Erwartungen nach Platz zwei vorige Saison sind hoch, oder?

Wir stellen auch diese Saison wieder das jüngste Team der Bundesliga. Bei jüngeren Spielern kann eine hohe Erwartungshaltung von außen schon zu einer Bürde werden. Auch die interne, individuelle Erwartung der Spieler, dass ihre Entwicklung genau so weitergeht, kann eine Herausforderung werden. Denn da gibt es keinen Automatismus. Jede Steigerung muss erarbeitet werden.

Liegt darin eine Gefahr?

Wir haben gute Charaktere im Team und ein erfahrenes Trainerteam. Aber wie gesagt, es ist eine Herausforderung.

Hilft der Spielplan dabei mit seiner engen Taktung? Oder stört er eher dabei, Spielfluss aufzunehmen?

Die Saisonvorbereitung war schwierig. Einige Spieler kommen von Verletzungen zurück, andere sind gerade erst von den Nationalteams gekommen. Wir müssen über die ersten Partien versuchen, die Spieler auf einen Level zu bringen und uns als Team zu finden. Die Klubs ohne Nationalspieler sind klar im Vorteil.

Wettbewerbsvorteile? Wie hat sich die Konkurrenzsituation in der Bundesliga insgesamt entwickelt? Kommt jetzt noch einmal ein Schub, weil alle Klubs einen Etat von mindestens drei Millionen Euro vorweisen müssen?

Man muss die rasante Entwicklung betrachten. Die Vereine haben in den letzten fünf Jahren ihre Budgets im Schnitt um 40 Prozent auf knapp sieben Millionen erhöht. Und wenn man die Auflagen der BBL erfüllen möchte, dann braucht man mindestens drei Millionen, um halbwegs wettbewerbsfähig zu sein. Der Wettbewerb wird noch dichter und spannender werden.

Wer hat die Etatgrenze festgelegt?

Eine Arbeitsgruppe bestehend aus Klubs von verschiedenen Größenordnungen hat der Vollversammlung der Bundesligisten diesen Vorschlag unterbreitet, der dann mehrheitlich angenommen wurde.

Hat denn kein Klub gemurrt?

Doch, aber die BBL will weiterkommen und setzt sich richtigerweise ehrgeizige Ziele. Die Klubs kommen mittlerweile auch in den Genuss einer Ausschüttung, nachdem bis vor einigen Jahren noch in die Ligaorganisation eingezahlt werden musste.

Die Rede ist von 250 000 Euro. Bekommt jeder dasselbe?

Ja.

Werden wir diesmal dann auch das Finale im freien Empfang sehen können, anders als vorige Saison?

Die Telekom liefert ein attraktives Angebot. Alle BBL-Spiele live und on demand in HD Qualität auf jedes denkbare Endgerät. Sport 1 ist der Free-TV-Partner, der sich meines Wissens auch die Rechte für die letztlich entscheidenden Finalspiele gesichert hat. Und auch die Öffentlich- Rechtlichen sind an Bord und haben die Möglichkeit, BBL Spiele zu übertragen. Viel besser geht’s eigentlich nicht.

Das Gespräch führten Christian Kattner und Christian Schwager.