Ein Berliner im Trikot der Bayern: Im Sommer 2015 besiegte Jan Jagla (am Ball) in seinem letzten Karrierejahr mit München den Heimatklub.
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BerlinDie vergangenen Duelle? Gingen an den FC Bayern München. Die beiden zuletzt ausgespielten Titel in Deutschland? Gingen an Alba Berlin. Im Pokal und im Kampf um die Deutsche Meisterschaft waren die Münchner in der abgelaufenen Saison jeweils im Viertelfinale an anderen Gegnern gescheitert, hatten sich praktisch nicht für das direkte Duell mit dem aktuell großen Rivalen qualifiziert. Das alles ist aber schon längst wieder Geschichte.

Nach einem Sommer voll personeller Veränderungen sind die beiden Giganten des deutschen Basketballs bereits in der vergangenen Woche in die neue Euroleague-Saison gestartet und können sich am Freitagabend nicht aus dem Weg gehen. Die Planer der europäischen Königsklasse haben es mit dieser Ansetzung gut gemeint mit den deutschen Basketballfans, die es sich in Zeiten von Corona, sofern sie denn nicht zu den 700 Auserwählten, die um 20 Uhr in der Arena am Ostbahnhof sitzen, auf dem heimischen Sofa gemütlich machen werden.

In den vier Wänden von Jan Jagla wird es in jedem Fall zu einem Familienereignis. Seine Ehefrau Ivana gehört schließlich nicht nur zum Athletiktrainerteam des FC Bayern, sondern ist auch noch die Tochter vom früheren Alba- und Bayern-Trainer Svetislav Pesic. Zwei Herzen schlagen in jedem Fall auch bei Jagla selbst. Auch wenn er mittlerweile seit ein paar Jahren in München lebt und mit den Bayern etwas enger in Kontakt sei, „ist es bei mir ist immer so, dass ich mich für beide Mannschaften freuen kann, wenn sie am Ende gewinnen“, sagt er.

Ungeachtet der familiären Verbandelungen zu den Bayern „verbindet mich bei Alba natürlich mit Aito als ehemaligem Coach noch sehr viel. Und Alba liegt mir als mein Heimatverein natürlich noch immer sehr am Herzen.“ Das bislang einzige Duell der beiden Teams, für die er als Spieler mehrere Jahre aktiv war, in der Euroleague haben die Bayern im vergangenen Jahr gewonnen. Schon vor dem Spiel am Freitagabend gibt es einen ganz großen Gewinner: den deutschen Basketball.

Die Bühne Euroleague könnte kaum besser dafür geeignet sein, um diesen, mit dem Duell der beiden besten Bundesliga-Mannschaften der zurückliegenden drei Jahre und möglicherweise auch der nahen Zukunft, in den Fokus zu rücken. Aber: „Nur das Dabeisein ist noch nicht so entscheidend. Sie müssen schon in Europa auch was zeigen. Beweisen, dass sie als Vertreter Deutschlands auch mit zur Spitze in Europa zählen“, sagt der mittlerweile 39-jährige Jagla, „ich glaube, dass es dann für den gesamtdeutschen Basketball sehr spannend wird. Die Spieler sind dann auf einem der besten Märkte Europas und dort kann man sich den großen Mannschaften wie Alba oder Bayern präsentieren.“

Sich mit guten Leistungen auf nationaler Ebene für die größeren, in der Euroleague spielenden Klubs empfehlen zu können, sei so eine Argumentationskette, die von kleineren Vereine in Spanien, Griechenland oder der Türkei gerne benutzt wird, um Spieler unter Vertrag zu nehmen, die sie vielleicht ohne solch großen Klubs im eigenen Land nicht bekommen würden. „Dort sagt man: Pass auf, wir geben dir hier eine Bühne und wir geben dir die Chance, gegen die Besten in Europa zu spielen. Und wenn du dich da beweist, ist deine Chance relativ hoch, dass du da irgendwann landest“, erzählt Jan Jagla, „je besser Alba und die Bayern auf der internationalen Bühne spielen, können auch die kleineren Vereine in Deutschland diese Argumentation nutzen. Deshalb ist der Erfolg fast wichtiger, als dass sie da jetzt in der Euroleague aufeinander treffen.“

In Deutschland hat sich bereits in den vergangenen Jahren daraus ein heißes Duell entwickelt, von dem auch die Bundesliga und der deutsche Basketball profitieren. Solche Prestigeduelle gab es schon früher: Leverkusen gegen Alba, Alba gegen Bamberg oder Bamberg gegen die Bayern. Und sie sind die Zutat, die es braucht, um nicht in Langeweile zu versinken, sondern sich im Kampf um Sendezeit und Sponsorengeldern hinter dem Fußball zu positionieren. Diese Duelle bringen „Aufmerksamkeit über den Basketball hinaus“, so Jagla, „diese beiden Marken kennt man mittlerweile in Deutschland, auch Leute, die keine Basketballfans sind. Die kennen den FC Bayern und wissen, dass da Basketball gespielt wird und die kennen auch Alba Berlin, spätestens seit der täglichen Sportstunde zur Corona-Zeit. Von daher ist das etwas, das über die Grenzen des Basketballuniversums in Deutschland hinaus für Aufmerksamkeit sorgen kann“.

Und dafür muss man nicht einmal in der Gunst der Fans ganz oben stehen. So groß die Investitionen des FC Bayern mit Beginn der 2010er-Jahre in seine Basketball-Abteilung waren, so hoch war auch die Zahl derer, die das negativ gesehen haben. Und dennoch sind die Münchner, selbst wenn das viele Verantwortliche in anderen Bundesliga-Klubs niemals nach außen kommunizieren würden, der größte Glücksfall in der jüngsten Bundesliga-Geschichte. „Wenn man das objektiv betrachtet, ist das so. Die Bayern haben Aufmerksamkeit, die sonst der Basketball nicht hatte, weil es einfach der FC Bayern ist“, so Jagla, „es gibt mehr Leute, die einschalten, um die Bayern verlieren zu sehen, als Leute, die Bayern-Spiele gucken, weil sie sie gewinnen sehen wollen. Und das ist ja auch in Ordnung, denn es ist ja auch eine Art von Emotionen. Es ist wichtiger, dass jemand eine Emotion zu irgendetwas hat, auch wenn sie negativ ist, als ein Verein, der bei 99 Prozent der Leute in Deutschland keine Emotion hervorruft.“

Die negativen Emotionen mögen auch eine Folge der Vereinsausrichtung sein, die stark an die Fußballer erinnert und sich besonders in den ersten Jahren nach dem Bundesliga-Ausstieg 2011 in den Köpfen der Fans manifestierte: Während Alba Berlin kurz zuvor den Fokus auf die Ausbildung junger Spieler im eigenen Verein richtetet, bedienten sich die Münchner vornehmlich bei der Konkurrenz. Aus Berliner Sicht hatte das im Sommer 2014 seinen Gipfel erreicht, als gleich fünf Spieler ihren Wohnsitz in Richtung bayerischer Landeshauptstadt verlegten.

Einer davon war Jan Jagla, den es nach einem Jahr in seiner Heimatstadt Berlin wieder nach München zog. Dass die Ansätze beider Vereine erfolgreich sein können, haben die vergangenen Jahre gezeigt, in denen sich Alba Berlin durch die von Coach Aito geprägte Spielweise und dessen Vertrauen in eigene Talente national sowie international viele Sympathien und in diesem Jahr die ersehnten zwei Titel erspielte. Und trotzdem: „Die Bayern tun dem Basketball in Deutschland gut. Es ist aber genauso wichtig, dass sich eine Mannschaft wie Alba Berlin wieder so etabliert und es geschafft hat, den Titel zu holen“, sagt Jan Jagla, „es ist unglaublich wichtig, dass es ein Gegengewicht gibt.“ Für die beiden Vereine, die sich dadurch gegenseitig auf ein neues Niveau heben. Für die Bundesliga und den deutschen Basketball, die davon profitieren.