Berlin - Zoran Radovic reist jetzt nach Japan. Der Serbe arbeitet beim Basketball-Weltverband (Fiba), sein Titel: Direktor für sportliche Entwicklung. Radovic, 53, beobachtet Trends und entwirft Strategien für Länder, Kontinente, weltweit. Berlin besucht er regelmäßig. Sein Herz, sagt er, hänge an dieser Stadt und an diesem Klub, an Alba. Als Spielmacher war er der Hauptdarsteller 1991 in den ersten Playoffs der Berliner, damals noch BG Charlottenburg.

Am Sonnabend startet Alba in der Max-Schmeling-Halle ins Viertelfinale gegen Ulm (19.30 Uhr). Radovic drückt seinem früheren Klub die Daumen. Er könnte erst zu einem möglichen Finale anreisen, „wenn Alba die Überraschung gelingt“. Mit Überraschungen in Berlin kennt Zoran Radovic sich aus.

Hallo, Herr Radovic. Haben Sie Lust, über Berlin 1991 zu reden?

Über die Playoffs? Gern. Das war ja eine bemerkenswerte Zeit.

Erzählen Sie mal.

In aller Bescheidenheit: Wir waren damals das Highlight des Berliner Sports. Wir standen im Finale um die Deutsche Meisterschaft gegen die Leverkusener mit ihren drei Amerikanern und ihren Nationalspielern Harnisch, Koch und so weiter. Das erste Spiel haben wir verloren, das zweite und dritte gewonnen. Ich erinnere mich, dass ich mit Calvin Oldham im Auto zum vierten Spiel in der Sömme-ringhalle fuhr. Wir plauderten, er fragte: Und? Was denkst Du? Ich sagte: Jetzt ist es ein Uhr. Um fünf Uhr sind wir Deutscher Meister.

Es kam anders. Was lief schief?

In der 10. Minute habe ich mir einen Muskel im Bein gerissen. Wir haben mit zehn Punkten Unterschied verloren. Im fünften Spiel waren wir dann chancenlos. Ich bin sicher: Hätte ich mich nicht verletzt, wären wir gleich im ersten Anlauf Meister geworden. Aber es war auch so ein Wunder.

Inwiefern?

Der Klub wurde restrukturiert, nun als Alba. Es ging wirtschaftlich bergauf, die Basis wurde gelegt, um einer der am besten geführten Klubs Europas zu werden.

Wie war es für Sie persönlich?

Ehrlich gesagt: Ich bin in erster Linie nach Berlin gegangen, weil es nach dem Mauerfall ein interessanter Ort war, ein Ort der Veränderung, ein Markstein in der Weltgeschichte. Berlin war ein sehr wichtiger Schritt, nicht für meine Karriere, sondern für mein Leben.

Und Ihre Karriere?

Ich wusste, was ich geleistet hatte. Ich kam von Roter Stern Belgrad, bis auf Olympia hatte ich alle großen Turniere mit dem jugoslawischen Nationalteam bestritten.

Waren Sie ein Entwicklungshelfer?

Ich fühle mich eher als ein Stein im großen Haus Alba Berlin.

Henning Harnisch erzählt, Sie seien 1991 derjenige bei Alba gewesen, der nicht zu stoppen war.

Ich rede lieber übers Team. Wir haben attraktiven Basketball gespielt. Einstellung, Kampfgeist, unsere Freundschaft, die mich irgendwie an eine Familie erinnerte, das alles brachte uns auf die Landkarte des Basketballs.

Von welchem Moment würden Sie sagen: Das war die Geburtsstunde des heutigen Alba Berlin?

Das war Mitte der ersten Saison, das Heimspiel im Korac-Cup gegen Cibona Zagreb, in dem es ums Weiterkommen ging. Bisher waren immer so an die 2 000 Leute in der Sömmeringhalle gewesen, 2 000 schüchterne Leute. Doch an diesem Tag war die Halle mit 3 000 Menschen knallvoll, und noch mal 2 000 standen davor. Damit hatten wir nicht gerechnet. Wir waren alle wahnsinnig stolz.

Haben Sie auch Sasa Obradovic von damals vorgeschwärmt?

Wir haben bei Roter Stern zusammengespielt, und es stimmt: Ich habe ihm später, als ein Wechsel nach Berlin im Gespräch war, dazu geraten. Ich sagte: „Das ist gut für deine Karriere.“ Er hat mit Alba den Korac-Cup und die Deutsche Meisterschaft geworden, ist heute Alba-Coach. Ich hatte offensichtlich recht.

Was sagen Sie zu dem Coach Sasa Obradovic? In Deutschland wird gerade über den Posten des Bundestrainers diskutiert, in Serbien gab es in der Vergangenheit Gerüchte um Obradovic ...

.. Sie sagen es: Gerüchte. Im Übrigen habe ich Sasa als Trainer nicht intensiv genug verfolgt, um Substanzielles sagen zu können.

Aber Alba haben Sie verfolgt, oder?

Sicher. In den letzten Jahren hatten sie großes Verletzungspech. Vielleicht war meine Verletzung ’91 so etwas wie Karma für Alba.

Die Rückschläge haben immerhin mit dazu geführt, dass Alba zu den Wurzeln zurückkehrt und stärker auf talentierte Deutsche setzt.

Das ist der richtige Weg. Berlin ist die größte deutsche Stadt, folglich mit dem größten Potenzial an Talenten. Alba kann Vorreiter bei der Entwicklung deutscher Spieler sein. Die Geschichte zeigt, dass das geht. Die Gegenwart zeigt das übrigens auch: Alba hat Niels Giffey hervorgebracht, der mit Connecticut die NCAA (die US-College-Liga, d. Red.) gewonnen hat.

Und der jetzt von den Topklubs der BBL gejagt wird, nicht zuletzt wegen der Quote für deutsche Spieler.

Nichts gegen die Quote, die ist gut und richtig. Ich finde allerdings, dass die Deutschen in manchen Teams noch immer eine viel zu geringe Rolle spielen. Die BBL sollte ihre Regeln weiter verschärfen. Denn Deutschland muss dringend darüber nachdenken, was nach Dirk Nowitzki kommt. Er hat den deutschen Basketball 10, 15 Jahre lang getragen. Die Suche nach neuen Nowitzkis ist existenziell, Verband und Klubs müssen an einem Strang ziehen, alle Klubs.

Also hat die BBL noch viel zu tun?

Sie ist die bei Weitem am besten geführte Liga Europas mit Klubs, die nicht über ihre Verhältnisse leben. Die Arenen sind voll, die Aufmerksamkeit wächst. Jetzt wäre der richtige Augenblick, um die Liga wieder zu verkleinern.

Wieso das denn?

Ihre Fußball-Bundesliga ist neben der Premier League die stärkste der Welt, richtig? Wie viele Teams spielen in dieser Liga?

18.

Und die BBL hat auch 18? Da kann etwas nicht stimmen. Findet man in Deutschland 18 Basketball-Teams auf einem annähernd gleich hohen sportlichen Level? 14, maximal 16 Teams würden die Liga stärker und für Zuschauer und fürs Fernsehen attraktiver machen. Die BBL-Teams stünden finanziell besser da.

Die 18 Klubs machen schon jetzt 88 Millionen Euro Umsatz.

Wirklich? In einer kleineren Liga würde sich das Geld im System auf weniger Klubs verteilen, bessere Spieler kämen in die BBL, die Deutschen könnten sich in diesem Umfeld besser entwickeln.

Unter den kleinen Klubs regt sich Widerstand gegen solche Vorstöße.

Das ist ja ganz normal, aber die BBL muss diesen Einschnitt durchsetzen, wenn sie den nächsten Schritt machen will.

Bleiben dann nur die Großen übrig wie Alba oder Bamberg oder reiche Newcomer wie der FC Bayern?

Das habe ich nicht gesagt. Wobei: Den FC Bayern zu haben, ist für die BBL fantastisch. Ich würde mich freuen, wenn auch Borussia Dortmund oder Schalke ein Team in die BBL bringen. Die Fußball-Bundesliga hat in Deutschland eine enorme Strahlkraft und wirtschaftliche Power.

Die BBL hat bei besagten Klubs schon geworben, vergeblich.

Das wird sich ändern, wenn die Entwicklung der BBL anhält. Seien Sie nicht überrascht, wenn in den nächsten zehn Jahren Dortmund ein BBL-Team hat oder Schalke.

Sähe so Ihre Strategie für den deutschen Basketball aus?

Zu meinem Kerngeschäft gehört nicht die Entwicklung von Ligen. Ich sehe Länder als Ganzes. Ich gehe nach Indien, Nigeria, Brasilien, Iran, entwickle Strategien für die nächsten vier bis acht Jahre. Mein nächster Stopp ist Japan. Wir leisten dort Entwicklungsarbeit für Olympia 2022 in Tokio.

Einmal Entwicklungshelfer, immer Entwicklungshelfer?

Sie meinen wegen Alba damals? Wenn Sie unbedingt so wollen.

Das Interview führte Christian Schwager.