Johannes Thiemann (u.) prallt an Belgrads Center Michael Ojo ab.
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BerlinSchon die Mutter hatte von einer Reizüberflutung gesprochen. Was Johannes Thiemann bis vor wenigen Wochen noch mit einem Lächeln quittierte, war auch ihm auf einmal zu viel geworden. Keine sozialen Medien mehr, kein Netflix oder Fernsehprogramm, keine Orte mit großer Lautstärke oder zu hellem Licht. Nicht ganz freiwillig, sondern als Folge des Euroleague-Spiels gegen Roter Stern Belgrad (93:80 für Alba). An das, was da 2:48 Minuten vor Ende des dritten Viertels am 19. November in der Arena am Ostbahnhof passierte, kann sich Alba Berlins Center nur schemenhaft erinnern: Er hatte einen Schlag gegen den Kiefer bekommen und dabei ein Teil eines Zahns verloren. „Ich habe da noch ein paar Fetzen, wo ich vom Feld laufe. Aber an den Schlag und die Einwechslung kann ich mich nicht mehr erinnern“, sagt er, „erst in der Kabine konnte ich wieder klarer denken. Die Einwechslung bis zur Kabine sind quasi weg.“ Bis heute.

Diagnose damals: Gehirnerschütterung. Die Prognose für die Rückkehr in den Spielbetrieb: ungewiss. Noch am selben Abend quälten ihn Kopfschmerzen, er fühlte sich nicht gut. Trotzdem dachte er zu Beginn, „dass ich in zwei Wochen wieder spiele. Ich wollte ja auch wieder.“

Er konnte aber nicht. Bis zum vergangenen Spieltag in der Basketball-Bundesliga. Auch wenn die Partie in Göttingen knapp verloren ging, so war sie für Johannes Thiemann ein Erfolg. „Ich habe mich nach Göttingen gut gefühlt, schon gemerkt, dass ich ein Spiel hinter mir hatte“, sagt der 25-Jährige. Endlich wieder normale Erschöpfungssymptome, die am kommenden Morgen verschwunden sind, und keine Kopfschmerzen, die nicht verschwinden wollen. Auch für diesen Donnerstagabend (20 Uhr) ist er guter Dinge, dass er in der Euroleague gegen Maccabi Tel Aviv spielen kann.

Ein Schritt zurück

Schon einmal hatte er einen Comeback-Versuch unternommen. 4:38 Minuten spielte Thiemann am 18. Dezember in der Euroleague gegen Bayern München. Vorher hatte er sich gut, bereit gefühlt. Zwei Trainingseinheiten mit der Mannschaft hatten ihn darin bestätigt, dass er loslegen könne. Aber: Viel mehr als die knappe Niederlage nach Verlängerung schmerzte der Kopf. Den genauen Auslöser für den erneuten Rückfall kann er sich nicht erklären. Die Lautstärke in der Halle, das Licht, der mentale Druck oder eine Mischung aus allem? Er musste also noch mal einen Schritt zurück machen und schauen, dass es wieder besser wird. Denn neben den starken Kopfschmerzen hatte er auch wieder dieses Gefühl, welches er als „Verplantheit“ bezeichnet.

Genau die erlebte Thiemann in den ersten Wochen nach dem Spiel gegen Belgrad, hatte einen vernebelten Blick, Tagträume, fühlte sich eben etwas verplant. „Ich habe mich in den Tagen danach immer so eine halbe Sekunde langsamer gefühlt, ich hatte Probleme, mich mit Leuten zu unterhalten und konnte da auch nicht folgen. Ich habe mich da ein wenig dumm gefühlt und war langsam in der Reaktion“, sagt der Center. Es sei wie ein Kater mit ein paar Begleiterscheinungen gewesen. Ist der Kater nach einer etwas längeren Nacht aber am nächsten Tag irgendwann verschwunden, lassen sich die Folgen einer Gehirnerschütterung nicht einfach mit einem Rollmops und isotonischen Getränken bekämpfen. Das große Problem dieser Verletzung, die vor allem im Eishockey und American Football häufiger passiert, ist ihre Unsichtbarkeit für Außenstehende und die Nichthandlungsfähigkeit des Betroffenen. Im Gegensatz zu einer Verletzung wie einem gebrochenen Fuß, wo man einen Heilungsprozess sieht und nebenbei etwas machen kann, ist man mit einer Gehirnerschütterung zum Nichtstun verdonnert.

Schwierige Prognose

Zudem gibt es keine verlässliche Prognose, wie lange die Symptome anhalten. Center-Kollege Landry Nnoko etwa konnte in der vergangenen Saison nach zwei Tagen Pause wieder spielen. Bei Johannes Thiemann dauerte der Heilungsprozess länger. Gerade in den ersten beiden Wochen hatte er diese Probleme mit hellem Licht und Lautstärke. Fernsehgucken und Netflix fielen damit raus, einen Verzicht von Instagram und weiteren sozialen Medien verordnete sich der deutsche Nationalspieler selbst. Auch das Lesen fiel weg, weil es eine zu hohe Konzentration benötigte. „Im Prinzip habe ich zwei Wochen gar nichts gemacht und nur rumgelegen oder bin spazieren gegangen. Das war es aber auch schon. Ansonsten habe ich zwei Wochen gewartet, dass die Kopfschmerzen weggehen“, sagt Thiemann.

Und auch als die Symptome langsam abgeklungen waren, galt es ein vorgegebenes Protokoll einzuhalten. Fahrradfahren war die erste sportliche Betätigung, gefolgt von Laufeinheiten. Immer wieder musste Thiemann in seinen Körper hineinhören, darauf achten, wie er auf die Belastung und verschiedenen, äußeren Reize reagiert. „Ich habe mich mehrmals schon relativ gut gefühlt und dann auch wieder mehr gemacht. Oftmals habe ich es aber nicht gut verkraftet“, sagt Johannes Thiemann. Erst jetzt, nach anderthalb Monaten scheint er den Anforderungen und der Reizüberflutung wieder dauerhaft und nicht nur punktuell gewachsen zu sein.