Alessandro Zanardi 2017 beim Ironman Austria in Klagenfurt. 
Foto: Imago Images/Daniel Goetzhaber

BerlinDie Rotoren des Rettungshubschraubers lärmten, als Alessandro Zanardi im September 2001 durch den Himmel von Berlin geflogen wurde. Siebenmal war sein Herz da bereits stehen geblieben. Siebenmal hatten die Sanitäter ihn wiederbelebt. Dann setzte der Helikopter auf dem Dach des Unfallkrankenhauses Berlin in Marzahn zur Landung an. Nur noch ein Liter Blut zirkulierte zu diesem Zeitpunkt durch den Körper des früheren Formel-1-Piloten.

Damals meldeten die Nachrichtenagenturen in Italien schon, Zanardi sei verstorben. Zu brutal sahen die Bilder aus, die zeigten, wie er bei einem Champ-Car-Rennen auf dem Lausitzring ins Schleudern gekommen und von einem anderen Rennwagen mit Tempo 320 aufgespießt worden war. Aber das Berliner Ärzteteam um Professor Walter Schaffartzik schaffte es, dass Zanardi nach acht Tagen im Koma wieder die Augen öffnen konnte.

Der Italiener hatte beide Beine verloren, aber nicht seinen Lebensmut. Und auch nicht seinen Humor. „Berlin ist die Stadt, in der mein Leben gerettet und in der ich ein zweites Mal geboren wurde“, sagte Zanardi, als er 2015 aus Bologna zum Marathon nach Berlin anreiste, um dort mit dem Handbike zu starten. „Viele Leute haben es ein Wunder genannt, dass ich noch lebe. Ich denke, ich war in guten Händen.“

Seit Freitag ringt Zanardi erneut um sein Leben. Seine Frau Daniela sitzt in der Klinik Santa Maria alle Scotte in Siena an seinem Bett. Dort war er mit einem Helikopter in äußerst kritischem Zustand eingeliefert worden. „Du hast niemals aufgegeben und mit deiner außergewöhnlichen Stärke Tausende Schwierigkeiten überwunden", twitterte Italiens Regierungschef Giuseppe Conte: „Gib nicht auf. Ganz Italien kämpft mit dir.“ Zanardi ist in Italien ein bekannter, sehr beliebter Mann.

Bei einem Rennen bei Pienza in der Toskana hatte der 53-Jährige die Kontrolle über sein Handbike verloren, sich zweimal überschlagen und war dann gegen einen Lkw auf der Gegenfahrbahn geprallt. Den Lastwagen-Fahrer trifft offenbar keine Schuld. Professor Schaffartzik war fassungslos, als er von dem erneuten Unfall aus den Medien erfuhr: „Man dachte, er hat schon mal so ein Unglück überlebt. Jetzt reitet er wieder hinein in ein Unglück, das genauso schlimm ist. Oder schlimmer. Denn auf der abschüssigen Bahn wird er, wie ich ihn kenne, nicht mit 20 km/h unterwegs gewesen sein, sondern durchaus schneller. Und der Lkw ist ja auch nicht gestanden. Da spricht man von einem Hochrasanztrauma.“

Nach einer drei Stunden langen neuro- und kieferchirurgischen Operation am Freitag habe sich Zanardis Lage stabilisiert, konstatierte der Leiter der Intensivstation des Krankenhauses von Siena, Sabino Scolletta. Allerdings könnten aufgrund von Zanardis Kopfverletzungen neurologische Schäden nicht ausgeschlossen werden. Augenärzte seien konsultiert. Zanardi liegt weiterhin im Koma. Er wird beatmet.

In Italien wurden am Sonntag Fragen laut, weshalb das Rennen, das der von Zanardi gegründete Sportverein Obiettivo 3 organisiert hatte, nicht offiziell angemeldet war. Dann nämlich wäre die Straße für den Autoverkehr gesperrt gewesen. Laut der Zeitung Corriere della Sera seien Straßensperren nur für offizielle Radrennen möglich, die wegen der Corona-Beschränkungen in Italien aber noch immer verboten sind. Doch die Obiettivo tricolore, an der mehr als 50 Athleten teilnahmen, wurde ohne Anmeldung als offizielles Rennen gestartet. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Nach seiner Lebensrettung in Berlin hatte Zanardi sein neues Leben immer als Glück begriffen. Er sah sich als Beweis dafür, dass Verbitterung oder Mutlosigkeit nicht weiterhelfen. Als er 2015 zum Marathon nach Berlin kam, erzählte er eloquent, gestenreich und mit Begeisterung von seiner Rückkehr in den Automobilrennsport. Von seinem Beginn als Handbiker 2009, den Paralympischen Spielen, bei denen er 2012 in London Goldmedaillen im Einzelrennen und Zeitfahren gewann, 2016 in Rio Gold und Silber. Auch den Ironman-Triathlon auf Hawaii bewältigte er 2014.

Professor Schaffartzik aus Berlin steht derweil mit Zanardis Frau Daniela in Kontakt. „Bei einem Hochrasanztrauma kommt es darauf an, wie der Kopf aufgeprallt ist. Der Ausgang ist völlig ungewiss. Das weiß die Frau“, sagt der frühere Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensiv- und Schmerzmedizin des Unfallkrankenhauses Berlin. Er hatte sich am Sonnabend per SMS bei Daniela Zanardi gemeldet, um ihr beizustehen, Fragen zu beantworten, falls sie das wolle. Der Kontakt zwischen dem Arzt und der Familie war, wenn auch lose, in all der Zeit geblieben.

Ein Jahr nach seinem Unfall am Lausitzring war Zanardi erneut nach Marzahn gekommen, um an der Feier zum fünfjährigen Bestehen des Unfallkrankenhauses teilzunehmen. „Wollt ihr, dass ich tanze?“, fragte er die Kameraleute, nachdem er sich auf seinen Krücken aus dem Auto gehievt hatte. Zanardi grinste. Wie schön wäre es, so eine Frage wieder von ihm zu hören.