2018 gewann Alexander Owetschkin zum ersten Mal den Stanley Cup.
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MoskauDie neunte Spielminute läuft, die Carolina Hurricanes führen 1:0, die Capitals aus Washington greifen an, da fliegen Helme, Schläger und Handschuhe übers Eis. Alexander Owetschkin, der hünenhafte Linksaußen der Capitals, und sein junger Landsmann Andrej Swetschnikow prügeln mit bloßen Fäusten aufeinander ein, Owetschkin landet wieder einmal auf der Strafbank, Swetschnikow mit einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus.

Eigentlich gelten russische Eishockeystürmer als elegante Techniker, nicht als Rüpel. Alexander Owetschkin, 34, ist beides. „Der großartigste Scharfschütze in der Geschichte des Hockeys“, wie ihn Nikita Sadorow, ein anderer russischer NHL-Legionär, genannt hat, ist bekennender Rowdy. „Egal, mit wem du dich schlägst, im Play-off gibt es weder Freunde noch Vaterland“, kommentierte Owetschkin, 1,91 Meter, 107 Kilo, diesen Boxkampf. „Du kämpfst, um den Stanley Cup in die Hände zu kriegen. Und wenn ein Hindernis vor dir steht, musst du da durch.“

Owetschkin erzielte 706 in der NHL

Owetschkin, in den USA auch liebevoll „Owi„ oder wegen seiner Rückennummer „die große Acht“ genannt, ist eine Tore schießende Dampfwalze. Er hat mit Russland zwei Weltmeistertitel gewonnen, mit Dynamo Moskau den Gagarin-Pokal und mit Washington den Stanley Cup. Neunmal wurde er Torschützenkönig der NHL, auch in der vergangenen Saison. Inzwischen hat der Stürmer der Capitals den Puck 706-mal in NHL-Tore gehämmert, oft mit filigranen Schüssen aus dem Handgelenk.

Serie

Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen. Serie, Teil 24: Alexander Owetschkin

Sportliches Genie ist erblich. Owetschkins Mutter gewann als Basketballspielerin mit der sowjetischen Nationalmannschaft zweimal olympisches Gold, sein Vater spielte für Dynamo Moskau Fußball. Alexander begann mit acht Jahren beim selben Verein Eishockey zu spielen, ein athletisches Ausnahmetalent, das die gründliche Ausbildung der auf Geschwindigkeit und Technik ausgerichteten sowjetischen Eishockeyschule durchlief. Und wie andere russische Nachwuchsspieler träumte er davon, in der NHL zu spielen, der besten Liga der Welt.

Mit 17 Jahren schoss er sein erstes Tor für Russlands Sbornaja, mit 20 wechselte er zu den Capitals, beendete seine erste Saison als bester Nachwuchsspieler der NHL. „Er hat einen Bombenschuss“, erklärt der Verteidiger Luca Sbisa von den Winnipeg Jets. „Er kann super Schlittschuh laufen. Er hat einen gewaltigen Körper und kann sich durchsetzen.“ Auch nach 14 Spielzeiten habe niemand ein System gefunden, um Owetschkin zu stoppen.

Publikumsliebling in Washington

„Andere russische NHL-Profis sind vielleicht kreativer oder vielseitiger“, sagt der Moskauer Eishockeyjournalist Igor Rabiner. „Aber auf der ganzen Welt gibt es seit Jahrzehnten keinen Torjäger, der sich mit Owetschkin vergleichen könnte.“ Die Stabilität, mit der er jede Saison seine 40, 50 Tore schieße, sei unglaublich. „Trotz des Draufgängertums, mit der er selbst spielt, hat er seit 2005 in der NHL nur 31 Spiele ausgelassen. Das zeigt auch, wie professionell er mit dem eigenen Körper umgeht.“ Als Fitnesstrainer hat Owetschkin einen ehemaligen russischen Marathonläufer engagiert.

Rabiner sagt, was Torjägerqualitäten angehe, könne Owetschkin es auch mit Messi oder Ronaldo aufnehmen. Allerdings fehlen beiden Fußballern die Abräumerqualitäten des russischen Recken. Owetschkin ist mehr als nur ein Superstar, er ist Publikumsliebling. „Die Washingtoner Zuschauer haben sich sofort in seine spektakuläre, aggressive, manchmal egoistische Spielweise verliebt“ schreibt Forbes Russland.

Der Anriss in Owetschkins rechtem Mundwinkel ist vernarbt, beim Grinsen präsentiert er einen fehlenden Frontzahn oben links. Seine schon leicht angegrauten Haare stehen widerborstig zu Berg und machen nicht gerade Reklame für den Friseur. „Ich lasse mir alle zwei Monate die Haare schneiden“, scherzt Owetschkin, der fließend Englisch spricht. „Das kostet 50 Dollar“.

Jahreseinkommen: 15,4 Millionen Dollar

Der Moskauer, verheiratet, ein Kind, besitzt greifbares Charisma. Er erzählt von seinen Lieblingscomputerspielen „Clash of clans“ und „Candy Crush“ im gleichen treuherzigen Plauderton wie von dem Hollywoodfilm „Alles geschah in einem Sommer“, bei dem er fast geweint hätte. Die nette Dampfwalze von nebenan, von der alle Welt weiß, dass er die Nummer acht trägt, weil das schon die Rückennummer auf dem Basketballtrikot seiner Mutter war. Wenn Hollywood Owetschkins Leben verfilmen wollte, wäre er die Idealbesetzung.

Er kann super Schlittschuh laufen. Er hat einen gewaltigen Körper und kann sich durchsetzen."

Luca Sbisa

2008 unterschrieb er bei den Capitals einen Rekordvertrag: 13 Jahre für 134 Millionen Dollar. Über vier Millionen Menschen folgen ihm auf Twitter und Instagram. Nike, Coca-Cola oder die Nobeluhrenmarke Hublot machen mit ihm Reklame, der freundlich grinsende Riese mit der Zahnlücke verkauft sich bestens, in Russland ist sein Konterfei vor allem bei Banken beliebt, Forbes taxiert sein Jahreseinkommen auf 14,5 Millionen Dollar.

Werbung für Wladimir Putin

In Russland wirbt Owetschkin auch für Wladimir Putin. Natürlich kostenlos. 2017 gründete er das „PutinTeam“. Die Wirtschaftszeitung Wedomosti schrieb, eine PR-Agentur habe die Idee vor dem Präsidentschaftswahlkampf 2018 gehabt, dutzende Hochleistungssportler und andere Promis schlossen sich an. Allen voran wirft sich Owetschkin verbal vor dem Nationalführer auf die Knie: „Ihre Weisheit, Stärke und ihr Humor sind zum Symbol unseres Landes geworden“, gratulierte er Putin im Oktober zum Geburtstag.

Ähnliche Peinlichkeiten ist man von russischen Sportgrößen gewöhnt, die nach ihrer aktiven Laufbahn oft die Reihen der Putin-Partei „Einiges Russland“ auffüllen. Der übergroße Owetschkin muss schon jetzt Journalistenfragen parieren, ob er nach seiner Heimkehr Sportminister werden will. Dafür fehle ihm die Erfahrung, pflegt er zu antworten, darüber zu reden, sei noch zu früh. Reporter, die Owetschkin interviewt haben, sagen, auf politische Fragen antworte er   ungern. Wie auch andere Karrieristen zeichnen sich Spitzensportler in ihrer Mehrzahl nicht als Systemkritiker aus.

Alles sei ganz einfach, hat er einmal gesagt. Er lebe in Amerika, weil das besser für seine Laufbahn und sein Hockey sei. „Mir gefällt es dort, wo es mir am besten geht.“ Und es ist noch keineswegs klar, ob Owetschkin nächstes Jahr, wenn sein Jahrhundertvertrag abläuft, nach Russland zurückkehrt, um seine Olympiateilnahme 2022 sicherzustellen; olympisches Gold fehlt ihm noch. Aber nur in der NHL kann Owetschkin den unantastbar scheinenden 894-Tore-Rekord des Kanadiers Wayne Gretzky brechen. „Wenn es einer schafft“, sagt sein deutscher Stürmerkollege Leon Draisaitl von den Edmonton Oilers, „dann er.“