Alexander Zverev ist bei den Australian Open nun alles zuzutrauen.
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MelbourneIrgendwie ist es fast ein bisschen unheimlich, wie souverän Alexander Zverev dieser Tage spielt und gewinnt. Aktueller Eintrag ins Buch der Erfolge ist ein eindrucksvoller Sieg in drei Sätzen (6:4, 6:4, 6:4) gegen den bisher erfolgreichsten Spieler des Jahres, Andrej Rublew – der vierte Sieg in drei Sätzen bei den Australian Open in Melbourne. Beste Voraussetzungen, um am Mittwoch im Spiel gegen den Schweizer Stan Wawrinka den nächsten Coup zu landen und zum ersten Mal in seiner Karriere das Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers zu erreichen; eine Aussicht, die sich kaum einer vorstellen konnte, der ihn vor drei Wochen beim ATP Cup noch geisterhaft verlieren sah.

Neben Milos Raonic aus Kanada ist Zverev in Melbourne dieser Tage der Einzige, der noch keinen Satz verlor. Auch gegen Rublew schlug er extrem gut auf, ließ keinen einzigen Breakball zu und wirkte so sicher, dass man schon nach weniger als einer Stunde den Eindruck hatte, dieses Ding werde er nicht mehr verlieren. „Ich hab viel dafür gearbeitet, hab viel dafür getan, damit es besser wird“, erklärte er eine Stunde nach dem Sieg. „Jetzt sind nur noch die besten Acht da, und ich freue mich, dass ich dazugehöre.“

Großartig, ich bin einfach happy, wie ich spiele, es läuft gut.

Alexander Zverev

Wie groß die Chance ist, dass er auch zu den besten vier Spielern der Australian Open gehören wird? Zweimal hatte er vorher im Viertelfinale eines der großen vier Turniere gespielt, bei den French Open in Paris, doch in beiden Fällen mit wesentlich mehr gespielten Sätzen in den Beinen. 2018 beendete er die letzte Partie gegen Dominic Thiem fast nur auf einem Bein, 2019 verlor er in drei glatten Sätzen gegen Novak Djokovic. Nun wird er es nicht mit den nächsten Russen zu tun haben, sondern mit einen fast wie zu besten Zeiten spielenden Schweizer. Stan Wawrinka war beim Sieg gegen Daniil Medwedew (6:2, 2:6, 4:6, 7:6, 6:2) beeindruckend in Form. Am Ende fehlte Medwedew, der noch nie ein Spiel in fünf Sätzen gewonnen hatte, sichtlich die Energie, um Wawrinka aufzuhalten, der in Spielen über die volle Distanz eine gewisse Erfahrung hat; es war sein 51. Match über fünf Sätze.

Zverev trifft jetzt auf Warinka

Zur Frage, ob er sich überrascht sei, dass er gegen Wawrinka und nicht gegen den in der Weltrangliste auf Platz vier stehenden Medwedew spielen werde, meinte Zverev: „Überrascht? Nein. Stan ist ein Champion, jemand, der die größten Matches gewinnen hatte. Aber hab’ ich es vor dem Match erwartet? Auch nein.“

Boris Becker hatte neulich über Stan Wawrinka gesagt, dass der nach zwei höchst komplizierten Knie-Operationen im August 2017 überhaupt noch dabei sei, sei ein kleines Wunder. „Hätte er nicht die Leidenschaft für den Sport und wäre er nicht so ein starker Mann, dann würde er heute nicht mehr Tennis spielen. Wenn er gesund ist, ist er immer einer, der für Furore bei einem Grand-Slam-Turnier sorgen kann.“

Zverev startete mit Verve und Schwung in die nächste Partie, für Angelique Kerber endete das Unternehmen Australian Open 2020 mit einer Niederlage in drei Sätzen gegen Anastassija Paljutschenkowa (7:6, 6:7, 2:6). Sie hatte das Pech, an diesem kühlen Abend in Melbourne der besten Version der Russin zu begegnen. Die wirkte von Anfang bis Ende extrem konzentriert, schoss aus allen Rohren und machte bisweilen den Eindruck, als könne sie mit geschlossenen Augen einen Bierdeckel treffen.

Kerber muss sich geschlagen geben

In den etwas mehr als zweieinhalb Stunden der Partie schlug sie 71 „winner“ und nur 36 sogenannte „unforced errors“, und ein Plus von 35 in dieser Rechnung sieht man nicht alle Tage. Auch Kerber lag im Plus (35/29), allerdings nur bei den Zahlen. „Ich habe alles auf dem Platz gelassen, was ich konnte“, sagte sie hinterher, „mehr war nicht drin.“

Die Verletzung auf der Rückseite des linken Oberschenkels machte sich auch in diesem Spiel in manchen Momenten bemerkbar, und oberste Priorität in den nächsten Wochen hat nun der Plan, diese Verletzung endlich auszukurieren. Sie will erst wieder spielen, wenn alles wirklich in Ordnung ist, egal, ob das in zwei Wochen der Fall sein wird oder ob es länger dauert. Am 7. und 8. Februar geht es in der ersten Fed-Cup-Runde gegen Brasilien. Eine Entscheidung über ihre Teilnahme wolle sie erst nach einem Gespräch mit Teamkapitän Rainer Schüttler treffen. Natürlich verabschiedete sie sich nicht frohgemut vom Stadion und der Stadt, in der sie vor vier Jahren ihren ersten Grand-Slam-Titel gewonnen hatte. Aber sie wusste, dass sie alles versucht hatte, was möglich war.