Weltrekordhalter aus Berlin: Ali Lacin geht seine ersten Paralympics an.
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BerlinWar es ein Schock? Eine folgenschwere Entscheidung war es auf jeden Fall. Vor einem halben Jahr gab das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Verschiebung der Spiele von Tokio bekannt. Auch die Paralympischen Spiele bekamen wegen der Corona-Pandemie einen neuen Termin. Gerade erst wären sie zu Ende gegangen. Nun finden sie erst im Sommer 2021 statt.

Das Leben von Leistungssportlern verläuft in Zyklen, in saisonalen und in olympischen Zyklen. Werden sie unterbrochen, stört das den Lebensrhythmus empfindlich, gerät die Lebensplanung in Unordnung, wird aus Gewissheit Unsicherheit. Als klar wurde, dass der ursprüngliche Termin nicht zu halten sein würde,  steckte Ali Lacin mitten in der Vorbereitung für seine ersten Paralympischen Spiele. „Am Anfang waren wir alle verzweifelt“, erinnert sich der 32 Jahre alte Para-Sprinter und Weitspringer.

Doch Lacins Sicht hat sich geändert. Heute sagt der gebürtige Berliner: „Für mich persönlich ist sie im Grunde etwas Positives.“ Lacin spricht von viel Vorfreude, wiedergewonnener Motivation und Vorteilen. So sieht es Lacin, denn er profitiert von der Verschiebung. Andere Berliner Paralympics-Athleten bereitet sie Probleme oder sogar einen Wettbewerbsnachteil.

Marlene Endrolath sieht sich selbst ohne langes Zögern als Profiteurin. Seit 2017 tritt die sehbehinderte 19-Jährige für das Berliner Schwimmteam an, eine integrative Trainingsgruppe für körperlich oder geistig eingeschränkte Leistungssportler. Die neue Situation kommt Endrolath zugute: Im Frühjahr konnte sie unerwartet ungestört ihr Abitur machen, nun hat sie ein weiteres Jahr, „um intensiv zu trainieren und besser zu werden“. Allerdings war auch sie zunächst enttäuscht, sagt Endrolath.

Marlene Endrolath investiert viel Zeit in ihren paralympischen Traum.
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Für Endrolath wäre ja im Sommer „ein Traum in Erfüllung gegangen“. Ein Traum, in den sie viel Energie und Zeit investiert. Zehn Trainingseinheiten in Becken und Kraftraum absolviert sie jede Woche am Berliner Olympiastützpunkt. Rund 30 Stunden dauern diese insgesamt – ein ähnliches Trainingspensum, wie es auch olympische Schwimmer absolvieren. Was diese von Paralympischen Sportlern unterscheidet, ist, dass sie im Regelfall Berufsathleten sind und ihren Sport nicht zusätzlich zu Beruf, Studium oder Ausbildung ausüben. Während die sportlichen und beruflichen Folgen der Olympia-Verschiebung für sie also zumeist ein und dasselbe sind, ist dies bei Paralympics-Teilnehmern oft anders.

Ein Paradebeispiel hierfür ist die Para-Tischtennisspielerin Stephanie Grebe. Die gebürtige Berlinerin hat bereits zweimal an den Paralympics teilgenommen, 2016 in Rio de Janeiro gewann sie die Silbermedaille. Genug Geld zum Leben verdient Grebe mit ihrem Sport dennoch nicht. Auch wenn sie, genau wie auch Marlene Endrolath, Förderungen von der Deutschen Sporthilfe und dem Deutschen Behindertensportverband (DBS) bekommt. Die 32-Jährige ist Arbeitsvermittlerin im Jobcenter. Sie sagt: „Wir Behindertensportler mussten uns nicht nur im Sport komplett neu strukturieren, sondern eben auch im Beruf.“

Stephanie Grebe in Rio de Janeiro mit ihrer paralympischen Silbermedaille.
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Grebe hat in den kommenden Monaten wöchentlich sechs Stunden weniger Zeit, um sich auf Tokio vorzubereiten, als in den vergangenen zwölf Monaten. Derzeit gehört sie zu einem sogenannten Verdienstausgleichsprogramm und konnte deshalb ihre Arbeitszeit zuletzt von 39 auf 33 Stunden pro Woche reduzieren. Den Verdienstausfall beglich die deutsche Sporthilfe. Diese Förderung läuft zum 30. September aus.

„Stand jetzt muss ich dann wieder in Vollzeit arbeiten gehen“, sagt Grebe, die nun davon ausgeht, dass sie im nächsten Sommer weniger gut vorbereitet nach Tokio reisen wird, als dies in diesem Jahr der Fall gewesen wäre. Das empfindet sie als besonders ärgerlich, weil ihre internationale Konkurrenz dieses Problem nicht hat. „Das sind alles Profisportler, die andere finanzielle Förderungen erhalten und in der Regel keiner anderen Tätigkeit nachgehen“, sagt Grebe. Ein klarer Wettbewerbsnachteil für die Deutsche.

An Stephanie Grebe und Ali Lacin wird deutlich, wie unterschiedlich die Folgen der Paralympics-Verschiebung von Athlet zu Athlet sind. Dank einer Art Sponsoring-Arbeitsvertrag muss der kaufmännische Mitarbeiter einer Berliner Wohnungsbaugesellschaft von 30 bezahlten wöchentlichen Arbeitsstunden nur 25 tatsächlich auch arbeiten. Dazu wird er für Trainingslager und Wettkämpfe freigestellt. „Eigentlich galt der Vertrag nur bis Ende 2020. Aber weil sich alles verschoben hat, wurde mir angeboten, ihn bis Ende 2021 zu verlängern“, sagt Lacin. Er kann sich jetzt ohne finanzielle und zeitliche Sorgen ein weiteres Jahr intensiv auf die Paralympics vorbereiten.

Davon, dass ihm dieses eine zusätzliche Jahr Training in Tokio immens helfen wird, ist Lacin überzeugt. Bereits Anfang Juli lief er nach der Corona-Zwangspause ausgeruht und austrainiert bei einem Wettkampf in Berlin einen Weltrekord über 100 Meter und glänzte auch beim Weitsprung mit einem Europarekord. „Da war die Verzweiflung endgültig weg“, sagt Lacin. „Da habe ich gedacht: Wenn ich jetzt schon Weltrekord laufe und noch ein weiteres Jahr so weiter trainiere, was wird dann erst in Tokio?“