Berlin - Die Ausstellungen, die über die vergangenen Jahre in den Museen von Tokio eröffneten, lassen keine Zweifel zu: Die Spiele von 1964 reichen bis in die Gegenwart. Besonders deutlich zeigt dies das Museum des Japanischen Olympischen Komitees: 19 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, der für Japan mit verheerenden Luftangriffen über Tokio und andere Großstädte sowie den Atombomben über Hiroshima und Nagasaki geendet hatte, war das ostasiatische Land zurück. Als Nation erstarkt.

Erste Spiele machen Tokio zur Metropole

Dank der Spiele von 1964, so erzählt es das Olympiamuseum in der Hauptstadt ganz unmissverständlich, verfügte Japan plötzlich über den Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen, neue Hotels und einen hochmodernen Flughafen nahe der Tokioter Innenstadt. Erstmals wurden Olympische Spiele weltweit per Satellit übertragen. Die Straßen waren nun nicht mehr eng wie früher, sondern großzügig angelegt für die Massenmobilität. Tokio war eine moderne Metropole geworden.

Das Showakan – das Museum für die Regentschaft von Kaiser Hirohito von 1926 bis 1989 – erzählt die Geschichte ähnlich. Vor zwei Jahren zeigte es mit einer Olympiasonderausstellung, wie das Erlangen des Austragungsrechts für 1964 ein riesiger nationaler Erfolg gewesen sei, der Japans Wiederauferstehung einläutete. Und das Edo Hakubutsukan, das sich auf die Stadthistorie des einst Edo genannten Tokio konzentriert, hat über die letzten Jahre gleich mehrere Ausstellungen dem Thema Olympia gewidmet. Zuletzt mit Parallelen zwischen 1964 und 2020: Denn die Gemeinsamkeiten gehen so weit, dass sich sogar die Routen des Fackellaufs stark ähneln.

Es ist die Geschichte, die die Tokioter Organisatoren gerne erzählen. Wie die Offiziellen von 1964 haben denn auch die Organisatoren von 2020 die Tokioter Spiele zu jenen des Wiederaufbaus erklärt. Damals von der Zerstörung des Zweiten Weltkriegs, diesmal von der verheerenden Dreifachkatstrophe aus Erdbeben, Tsunami und nuklearer Reaktorkatastrophe im Nordosten im Jahr 2011.

Wie schon 1964 ist der Zusammenhang zwischen Olympia und wirtschaftlicher wie infrastruktureller Erholung höchst fragwürdig. Das Land wäre wohl auch ohne ein Sportgroßereignis aufgebaut worden. Aber für solche Einwände ist in staatstragenden Museen und Erklärungen von Offiziellen wenig Platz. So wurde auch die Pandemie in eine Chance umgewandelt. Premierminister Yoshihide Suga versprach Anfang des Jahres: „Die Spiele von Tokio werden den Sieg über das Virus erklären.“

Dabei drängt sich gerade im Angesicht der Pandemie eine andere Parallele auf. Der erste asiatische Olympiastandort sollte Japan eigentlich ein Vierteljahrhundert vor 1964 werden. Schon für 1940 hatte Tokio das Austragungsrecht gewonnen. Weil Japan aber bald gegen China in den Krieg zog, wollte die Kavallerie die Pferde nicht mehr für Sport abstellen, die Rüstungsindustrie brauchte das für den Stadionbau gedachte Metall in der Waffenherstellung. So verzichtete man kurzerhand auf die Sportveranstaltung.

Ein böser Geist über der japanischen Olympiaszene?

Historiker sprechen von den „maboroshi no orinpikku“ – das Phantomolympia. Seit Beginn der Pandemie spuken diese abgesagten Spiele wie ein böser Geist durch die japanische Olympiaszene. In den Museen ist von den 1940er-Spielen zwar wenig zu sehen. Aber Japans Vizepremier, der für sein lockeres Mundwerk bekannte Taro Aso, hat die Angst der Veranstalter vor neuen Parallelen schon ausgesprochen: „Alle 40 Jahre sind die Olympischen Spiele verflucht“, klagte er im März letzten Jahres. 1940 seien da die abgesagten Spiele gewesen, 1980 der Olympiaboykott von Moskau. Und was wird nun mit den Spielen von 2020+1?