Alle Farben: Wie ein Mann die Schwarz-Weiß-Ära im Fußball beendete

Nichts steht so sehr für die Schönheit und die Magie des Fußballs wie der Dress der Brasilianer. Was hat es damit eigentlich auf sich?

Protagonist des schönen Spiels: Neymar jr.
Protagonist des schönen Spiels: Neymar jr.AFP

Früher war mehr Lametta, aber in den Fußballstadien war es reichlich farblos. Auf den Rängen saßen graue Männer in Hut und Trenchcoat, die in Momenten maximaler Euphorie mit dem Einstecktuch wedelten, und auch auf dem Spielfeld ging es in mancherlei Hinsicht gedeckt zu: Fußball war Arbeit, und Trikots, Schuhe, Bälle waren viel zu sehr Arbeitskleidung und Arbeitsgerät, als dass man auf die Idee gekommen wäre, sie modisch oder gar mit politischer Symbolik aufzuladen. Auf der Spielführerbinde stand „Spielführer“ drauf. Und wenn Fahnen wehten, dann die Eckfahnen. Das Accessoire des Fans war der Regenschirm, vielleicht noch das portable Transistorradio, um sich über das Geschehen auf anderen Plätzen auf dem Laufenden zu halten.

Das alles änderte sich mit Aldyr Schlee. Der leider kürzlich verstorbene, aus dem Süden Brasiliens stammende Schriftsteller und Grafikdesigner hat zum Mythos des brasilianischen Fußballs im Besonderen, aber auch des Fußballs im Allgemeinen entscheidend beigetragen. Denn er hat das Bild, das wir davon haben, für immer verändert – indem er endlich Farbe ins Spiel brachte: Schlee hat die brasilianische Fußballkluft erfunden, mit der, sind wir ehrlich, der ganze Spaß erst richtig losging: kanariengelbes Trikot mit grünen Bündchen, kobaltblaue Hose und weiße Stutzen – jedes Kind auf der Welt kennt diese Farben, die für die Schönheit, die Unbeschwertheit, die Magie des Fußballs stehen. Es ist die berühmteste Farbkombination des Weltsports.

Schlee, dessen Großvater aus Nürnberg kam, hatte mit seinem Entwurf einen 1953 vom brasilianischen Fußballverband ausgeschriebenen Wettbewerb gewonnen. Nachdem die Seleção bei der Heim-WM im Jahr 1950 den sicher geglaubten Titel an die Rivalen aus Uruguay verloren hatte, musste ein neuer Dress her. Brasilien spielte bis dahin ganz in Weiß. Doch das war nun die Farbe der Niederlage und des Sich-Ergebens – und wieso eigentlich weiß?

Das Geniale an Aldyr Schlees Schöpfung war, dass sie alle Farben, die in der brasilianischen Flagge vertreten sind, kombiniert. Und sich somit auch alle Farben, die das Land an Hauttönungen zu bieten hat, darin wiederfinden konnten. Tatsächlich stand ja das Weiß auch für den tennisclubhaften Dünkel, der in der bis dahin weithin nur der weißen Mehrheitsgesellschaft offenen Seleção herrschte.

Zu sich und ins Bewusstsein der Öffentlichkeit fanden die neuen Farben 1958 bei der WM in Schweden, die Brasilien auf nie gesehene Weise gewann – und mit einem Sturmtrio, welches das ab sofort jogo bonito genannte Spiel perfekt verkörperte: mit dem portugiesischstämmigen Kunstschützen Maria Zagallo, dem schwarzen Wunderkind Pelé und dem krummbeinigen Trickser Garrincha, einem Mestizen aus dem Urwald. 1962 verteidigte die Seleção mit der nahezu identischen Elf den Cup – als letztes Team übrigens.

Den Franzosen kann dieses Kunststück am Sonntag erstmals nach 60 Jahren wieder gelingen. Sie nennen sich zwar „Les Bleus“, haben aber inzwischen auch alle Farben im Spiel: einen Spielmacher aus dem Elsass, einen Wunderstürmer mit maghrebinisch-kamerunischen Wurzeln, einen Abwehrchef mit Familie in Guinea-Bissau. Sieht also gut aus. Um nicht zu sagen: Le beau jeu kann kommen.