Berlin - Er konnte sich den Seitenhieb dann doch nicht verkneifen. „Allen, denen Mitbestimmung in einem Verein etwas bedeutet, sind herzlich dazu eingeladen, in den nächsten 15 Minuten lautstark zu schweigen“, verkündete Stadionsprecher Christian Arbeit wenige Minuten vor dem Anpfiff über die Mikrofone. Zuvor hatte er, so viel Anstand musste dann bei aller Abneigung gegenüber dem „Konstrukt RB Leipzig“ (als solches bezeichneten die Union-Fans den Gegner im Vorfeld) sein, auch die mitgereisten Leipziger empfangen. „Auch in der 1. Liga machen wir das so“, sagte Arbeit, „wir begrüßen unsere Gäste.“ Der Name des Gegners, so wie sonst üblich, wollte ihm dann aber nicht über die Lippen gehen.

Wenig später ertönte dann die Vereinshymne „Eisern Union“ aus den Lautsprechern und die Union-Fans hielten rund 500 Banner hoch, die die Konterfeis verstorbener Fans, Mitglieder, Angehöriger sowie frühere Spieler zeigten. Mit der Aktion „Endlich dabei“ gedachten die Unioner denen, die diese historische Saison im deutschen Oberhaus nicht mehr erleben können. Dieser Moment an der Alten Försterei rührte den einen oder anderen Fan zu Tränen.

Und dann schwiegen sie. Für eine Viertelstunde. Obwohl das mit dem Schweigen dann nicht zu hundert Prozent klappte, was bei einem solch denkwürdigen Spiel allerdings in der Natur eines Vollblut-Fans liegt. Bei Foulspielen des Gegners wurde lautstark gepfiffen, sobald sich eine Torchance anbahnte, schnellte der Stimmungspegel in die Höhe. Nur die organisierte Unterstützung mit Fange-sängen blieb eben aus. „Das war schon ungewohnt“, sagte Kapitän Christopher Trimmel. Grischa Prömel ergänzte, dass man sich „natürlich von Anfang an Stimmung gewünscht“ hätte.

Um 18.15 Uhr wurde der Stimmungsprotest aufgehoben. Zehn, neun, acht, … – die Unioner zählten die Sekunden bis zur Stimmungsexplosion mit gehobenen Armen runter – ... drei, zwei, eins. Und dann wurde es richtig laut: „Union du wirst siegen, glaub an dich und es wird wahr/ Die erste Bundesliga ist für uns zum Greifen nah/ Die Zeit ist nun gekommen, ihr werdets alle sehn/ Der Erste FC Union wird nun endlich oben stehen/ Allez, allez, allez, allez, ohohohooo/ Mit uns an deiner Seite wirst du niemals untergehen.“ Die Fans sangen, tanzten, hüpften. Der Stimmung tat der folgende 0:1-Rückstand durch Marcel Halstenberg keinen Abbruch.

Journalisten aus aller Welt waren nach Köpenick gekommen, um das historische Spiel hautnah zu verfolgen. Berichterstatter aus Tschechien, Frankreich, den USA, sogar aus Japan und Italien. Aus Mailand war Paolo Tomaselli von der Zeitung Corriere della Sera, der meistgelesenen in Italien, angereist. Man habe sehr wohl vom Aufstieg des Kultvereins aus Ost-Berlin gehört und sei begeistert von dessen Fankultur, sagte der Reporter, der für gewöhnlich über Juventus Turin und Italiens Nationalmannschaft berichtet. Die Bilder nach dem Sieg in der Relegation gegen Stuttgart von feiernden Fans und später von der der Schiffsfahrt mit der „Viktoria“ und den Beibooten über die Spree, hätten auch im Süden Europas für Aufsehen gesorgt. „Wir vermissen das in Italien“, sagte Tomaselli und blickte wehmütig auf den Rasen, „dieser bedingungslose Rückhalt, die Liebe der Fans zu ihrem Verein, der einfacher Fußball, die vollen Stehplätze.“

Weit vor dem Spiel war diese spezielle Atmosphäre in Köpenick zu spüren. Schon um 15.30 Uhr, zweieinhalb Stunden vor dem Premierenspiel, drängten Menschenmassen aus der S-Bahn. An der Union-Tanke zischten die Anhänger wie gewohnt Bier, aßen Wurst, schwärmten von der vergangenen Saison, unterhielten sich über das Bevorstehende. Ein etwas korpulenter Fan in rot-weißem Trikot hatte noch zwei Tickets über, verkaufte sie fast zum Einkaufspreis von 15 Euro und machte so zwei Anhänger glücklich. Auch das ist Union Berlin: Zusammenhalt, Treue. Unabhängig von der Ligazugehörigkeit.

Dass die Partie mit 0:4 endete, hielt niemanden ab, noch eine Viertelstunde nach Abpfiff lautstark zu singen. „Die Fans stehen hinter uns“, sagte Trimmel, „das ist uns bewusst.“ Reporter Tomaselli aus Mailand war baff: „Nach einer solchen Klatsche hätten die Fans in Italien ihre Mannschaft ausgepfiffen. Hier feiern sie.“