Ehrenrunde mit der Meisterschale: Andreas Babendererde und Hilmar Weilandt (2. v. l.) feiern die Meisterschaft. Mannschaftskollege Frank Rillich flirtet mit dem Cheergirl.

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BerlinDas Steigerwaldstadion am 11. August 1990. Es ist 15 Uhr, als Dr. Klaus Scheurell die Partie des FC Rot-Weiß Erfurt gegen den FC Berlin anpfeift. Schnell zeichnet sich eine Tendenz ab, bereits in der 17. Minute steht es 2:0. Nach Toren von Uwe Abel und Thomas Vogel sowie zwei Treffern von Jörg Schmidt gewinnen die Gastgeber schließlich 4:0. Rot-Weiß Erfurt ist der erste Tabellenführer in der letzten Saison der DDR-Oberliga und bleibt es auch nach dem zweiten Spieltag. Dann rückt der FC Hansa Rostock an die Spitze, hält sich dort bis zum Ende, wird Nordost-Meister, nicht DDR-Meister. Die DDR gibt es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr.

Hans-Georg Moldenhauer erinnert sich sehr gut an diese historische Saison, die vor genau 30 Jahren begann. Er war ja der letzte Präsident des DDR-Fußballverbandes (DFV). Er sagt: „Als der Einheitstermin feststand, war alles kaputt. Es gab keine Förderung durch den Deutschen Turn- und Sportbund der DDR mehr, die Trägerbetriebe waren weggebrochen.“

Moldenhauer handelte eine Quote für die Erste und Zweite Bundesliga mit aus: „Nur zwei unserer Vereine waren damals dagegen.“ Drei Jahrzehnte später wäre der Fußball-Osten froh über zwei erstklassige und sechs zweitklassige Klubs. „Der Frust sitzt tief. Es ist beängstigend, was sich in unserer Oberliga abspielt“, hat Bernd Stange, ehemaliger DDR-Auswahltrainer und zu der Zeit Coach in Jena, damals gesagt.

Es wurde eine denkwürdige Abschiedssaison. Die Stars wie Andreas Thom, Matthias Sammer, Ulf Kirsten und viele mehr hatten bereits in den ersten Monaten nach dem Fall der Mauer den Sprung in die Bundesliga vollzogen. Für die Klubs von Dynamo Dresden über den FC Carl Zeiss Jena bis zum früheren Europacupsieger 1. FC Magdeburg wurde es ein Existenzkampf: Entweder rein in die lukrative Profisparte des gesamtdeutschen Fußballs oder runter in die Amateur-Niederungen.

Die Fans konnten endlich live den FC Bayern, Werder Bremen oder den Hamburger SV sehen - und kehrten ihren Klubs den Rücken. Im Schnitt kamen nur noch 4.807 Zuschauer in der Ausscheidungssaison in die Stadien, mit Abstand Negativrekord in der DDR-Oberliga. Trainer Stange fühlte sich teilweise „wie auf einer Beerdigung“.

Der Spitzen-Fußball im Sozialismus funktionierte anders als der im Westen: Die Staatsführung regierte bis hinein in die Vereine; Staatssicherheit, Polizei und Armee hielten sich ihre eigenen Klubs; die Bezirkschefs der Sozialistischen Einheitspartei bestimmten mit; große Kombinate unterstützten die Betriebssportgemeinschaften.

Ganze Vereine wurden zwangsversetzt, die Spieler wurden delegiert, konnten sich den Klub nicht aussuchen. Ehemalige DDR-Nationaltorhüter René Müller aus Leipzig sprach später von „einer modernen Form der Leibeigenschaft“. Einige Vereine schütteten plötzlich Jahresgehälter von bis zu 250.000 Mark an ihre Spieler aus, um im Bundesliga-Roulette zu gewinnen. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) stellte einen Solifond von über 2,2 Millionen D-Mark zur Verfügung für in Not geratene Klubs. „Der ist ausgenutzt worden“, erzählt Moldenhauer 30 Jahre später.

Der einstige Nationalspieler Günter Netzer stieg mit der Schweizer Agentur Lüthi in die Vermarktung der Oberliga ein - und wäre fast noch der letzte Generalsekretär des DDR-Fußballverbandes geworden. „Der hat mich mit großen Augen angeguckt, als ich ihn gefragt habe“, erzählte Moldenhauer. Das Gehalt sollte Lüthi weiter zahlen, sozusagen als Ost-Hilfe. „Das Thema wurde später nie wieder berührt.“

Innerhalb der Oberliga gab es die ersten Millionen-Transfers. Dynamo Dresden holte mit dem Geld aus dem Verkauf von Matthias Sammer zum VfB Stuttgart und weiteren Spielern Heiko Scholz vom 1. FC Lok Leipzig. Außerdem verpflichteten die Sachsen mit Peter Lux und Sergio Allievi bundesliga-erprobte Spieler aus dem Westen. Der jetzige Fortuna-Düsseldorf-Coach Uwe Rösler kam während der Saison für 1,2 Millionen Mark vom 1. FC Magdeburg - mit Erfolg.

Neben Meisterschaftszweite Dynamo gehörte am Ende der Nordost-Meister Hansa Rostock zu den Bundesliga-Aufrückern. Der Dritte bis Sechste des 14er-Feldes rückte in der Zweiten Bundesliga. Der Siebte bis Zwölfte musste sich mit den beiden Staffelsiegern der Zweiten DDR-Liga um die zwei restlichen Zweitliga-Plätze streiten: Den Sprung schafften Rot-Weiß Erfurt, der HFC Chemie, der Chemnitzer FC, Carl-Zeiss Jena, Lok Leipzig und Stahl Brandenburg mit dem späteren Europameister Steffen Freund.

Keiner von diesen Klubs ist 30 Jahre danach in den beiden Bundesligen noch dabei. „Der Abstand war schon gewaltig“, erinnerte sich Matthias Sammer an die Fußball-Wende. Der Dresdner hatte im September 1990 mit zwei Toren für den 2:0-Sieg im letzten DDR-Länderspiel in Belgien gesorgt und durfte drei Monate später als erster Spieler aus den neuen Bundesländern das Adler-Trikot des DFB überstreifen. 1996 wurde Sammer wie Freund mit Deutschland Europameister.

Zum Mann der Saison wurde 1990/91 ein gebürtiger Essener. Uwe Reinders wurde vom damaligen Hansa-Präsidenten Robert Pischke nach Rostock gelockt. „Als ich damals auf den Trainingsplatz kam, standen die Spieler alle nebeneinander in Reih und Glied an der Seitenlinie“, hat Reinders einmal im Fußball-Magazin 11 Freunde berichtet. Der frühere Nationalspieler fragte irritiert bei Assistenztrainer Jürgen Decker nach. „Der meinte, sie warten auf mich, ich müsste sie mit einem Sport Frei begrüßen.“ Das sei üblich hier. „Ich hab die Jungs gefragt, ob sie vielleicht noch auf einen General warten würden.“

Reinders schaffte es, bei der Mannschaft ohne große Stars die Disziplin mit Erfolgshunger und Lockerheit zu verbinden. „Samstag halb vier müsst ihr Gas geben ohne Ende, dann könnte ihr euch bald einen Mercedes kaufen“, verkündete der Trainer einmal vor dem Spiel. Während beispielsweise der zehnmalige DDR-Meister BFC Dynamo 1990/91 ohne sechs in die Bundesliga abgewanderte Topspieler als FC Berlin ins Amateurlager abstürzte, war Hansa plötzlich in der Bundesliga.

Die politische Wende brachte auch große Sicherheitsprobleme und die Aufarbeitung von DDR-Überwachungspraktiken, in die der Fußball mit verstrickt war. Wegen Fan-Krawallen musste die Partie FC Sachsen gegen Jena ebenso wie das Europapokal-Spiel Dresden gegen Roter Stern Belgrad abgebrochen werden. Am 3. November 1990 wurde bei einer Fan-Auseinandersetzung in Leipzig ein Berliner Anhänger von einer Polizeikugel getötet. Das schon vereinbarte Vereinigungsspiel DFV gegen DFB wurde daraufhin abgesagt. Der Dresdner Torsten Gütschow, Torschützenkönig der letzten Saison, wurde später wie andere prominente Spieler und Trainer als inoffizieller Mitarbeiter (IM) der DDR-Staatssicherheit enttarnt.

Das sportliche Erbe der OstKlubs in den höchsten Ligen ist bescheiden. Nur die damalige DDR-Zweitligisten 1. FC Union Berlin (in der Bundesliga) und Wismut Aue (als FC Erzgebirge Aue in der Zweiten Liga) spielen in der kommenden Saison noch oben mit. RB Leipzig aus der DFB-Gründerstadt ist erst 2009 entstanden. 19 Jahre nach dem Anfang vom Ende.