Ikonisch: 20 Mal jubelte Martin Max im Trikot des F.C. Hansa Rostock.
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RostockMartin Max hatte die Nase gestrichen voll. In der Vorsaison noch Torschützenkönig, war ihm im Laufe der Spielzeit ein junger, talentierter Bursche namens Benjamin Lauth im Sturm des TSV 1860 München vorgesetzt worden. Auf die Bank setzen wollte sich Max nicht und ohnehin war er mit wenig von dem einverstanden, was sein Trainer Falko Götz für richtig hielt. „Der denkt, er hat die Weisheit gepachtet“, wetterte er. Darüber hinaus war trotz seiner 71 Tore in 138 Spielen für die Löwen niemand an ihn herangetreten, um mit ihm über seinen zum Saisonende auslaufenden Vertrag zu sprechen.  Doch für ein Karriereende, da war sich Max sicher, war es noch zu früh. Einmal wollte er noch durchstarten, einmal noch die Fans begeistern, einmal noch das Adrenalin spüren, das bei jedem Tor durch den Körper strömt. Dann kam das Angebot vom F.C. Hansa Rostock.

All das ist mehr als 17 Jahre her. Und selbst, wenn 1860 München und Hansa Rostock am Sonnabend (14 Uhr) nur mehr in der Dritten Liga aufeinandertreffen, klingt der Name des damals 34-Jährigen noch heute nach. Denn zwischen dem Knipser und der Kogge passte es einfach. Max wollte seinerzeit wenigstens noch ein Jahr auf höchstem Niveau auf Torejagd gehen und die Rostocker hatten in den beiden Schweden Rade Prica und Magnus Arvidsson zwar zwei fleißige Stürmer, die allerdings nicht so regelmäßig trafen, wie es dem einstigen „Leuchtturm des Ostens“ zum erneuten Klassenerhalt gereicht hätte.

So nahm eine unglaubliche Saison 2003/04 ihren Lauf. Nach einer 0:2-Auftaktpleite gegen den VfB Stuttgart, lieferte Max beim 2:2 gegen den SC Freiburg sein erstes Tor und legte den zweiten Treffer durch Rade Prica noch mustergültig auf. Im dritten Spiel erzielte er beim 3:0 gegen Eintracht Frankfurt alle drei Tore, eine Woche später lieferte er einen Doppelpack beim 3:3 gegen Hannover 96. Plötzlich führte ein Rostocker die Torjägerliste an, was bei den bis heute von einer gewissen Stürmernot geplagten Hanseaten ein echtes Ding war.

Bis zur Winterpause ließ Max noch sechs Treffer folgen, unter anderem Doppelpacks gegen Borussia Dortmund und seine alten Kollegen von 1860 München. Nach dem Spiel ließ er sich im Münchner Olympiastadion feiern - von den Hansa-Fans und von den Löwen-Fans. Ein stilvoller Mittelfinger in Richtung der Münchner Klubführung, die ihm zum Ende einfach nicht die Wertschätzung schenken wollte, die er verdient hatte. Und überhaupt hatte der Stürmer ein Faible für seine ehemaligen Arbeitgeber. Auch gegen Schalke 04, mit deren legendären „Eurofightern“ er 1997 den UEFA-Cup gewonnen hatte, traf er doppelt.

An der Ostsee nahm der Max-Hype indes unvermindert seinen Lauf. Selbst der an die Ostseeinsel Usedom grenzende Polenmarkt in Swinemünde, auf dem es zur damaligen Zeit vornehmlich gefälschte Trikots vom FC Bayern, Werder Bremen oder Hertha BSC zu kaufen gab, bot plötzlich Hansa-Jerseys mit der Rückennummer neun an. Und der offizielle Fanshop der Hanseaten verkaufte, neben der damaligen Rekordzahl von 4000 Trikots, erstmals einen eigenen Martin-Max-Schal. Was heute nicht ungewöhnlich ist, war damals ein Novum.

Der im polnischen Tarnowskie Góry geborene Max legte entsprechend beflügelt in der Rückrunde noch acht Treffer nach, kam am Ende auf unglaubliche 20 Tore und schoss Hansa bis auf Tabellenplatz neun, während die Münchner Löwen abstiegen und bis heute nie wieder in die Bundesliga zurückkehrten. Dabei hätte Max um ein Haar in einer einzigen Saison den bis heute bestehenden Bundesliga-Torrekord von Magnus Arvidsson (24 Treffer) für die Hanseaten gebrochen. Nur Meisterstürmer Aílton und Bayern-Knipser Roy Makaay trafen in diesem Spieljahr häufiger, was Max beinahe noch einen Platz in Rudi Völlers EM-Team für Portugal eingebracht hätte.

Doch der mittlerweile 35-Jährige lehnte ab, war sogar beleidigt, als ihn Völlers Assisten Michael Skibbe vor dem Turnier noch einmal scouten wollte („Man fragt sich doch, ob Skibbe noch alle Tassen im Schrank hat, wenn er so einen Mist erzählt, dass er mich noch mal beobachten will, meine Laufwege studieren, und das nach 15 Jahren Bundesliga.“) und beendete zum Schrecken von Hansa-Trainer Juri Schlünz und Manager Herbert Maronn, trotz eines laufenden Vertrags, seine Karriere. Die Verantwortlichen versuchten alles, um ihn zum Bleiben zu überreden. „Den Pendelverkehr zwischen Rostock und München, wo meine Frau berufstätig war und unser Sohn seinen schulischen Weg nicht gefährden sollte, konnte ich mir und meiner Familie nicht länger zumuten“, erklärte er dem Onlineportal liga3-online.de Jahre später. Seinem Sohn hat es gut getan, Philipp Max ist heute ein gestandener Fußballprofi, spielt an der Seite von Mario Götze bei der PSV Eindhoven.

Das Abenteuer Hansa Rostock und Martin Max war so unvermittelt vorbei, wie es begonnen hatte. In der folgenden Saison versuchte Schlünz' Nachfolger Jörg Berger Max im Abstiegskampf noch zu einer Rückkehr zu überreden - vergeblich. Noch heute murmeln die alten Recken auf den Sitztribünen des Ostseestadions „einen wie Martin Max könnten wir jetzt gebrauchen“, wenn sich die Kogge in der Dritten Liga zu einem erfolglosen Abschluss müht. Der Stürmer hat in nur einem einzigen Jahr einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Nicht schlecht für einen, den sie einst aus München „befreien“ mussten.