Matthias Sammer und Heiko Scholz am 12. September 1990 im Duell mit den Belgiern Enzo Scifo (l.) und Lorenzo Staelens. 
Foto: Imago Images

BerlinAuferstanden aus Ruinen … Gesungen wird die Nationalhymne der DDR schon lange nicht mehr. Der vierte Vers der ersten Strophe, Deutschland einig Vaterland, ist im Osten suspekt geworden. Von Einigkeit ist, allerdings hüben wie drüben, über Jahre keine Rede mehr. Nun steht sie aber, es ist der 12. September 1990, unmittelbar bevor. Drei Wochen noch, dann sind zwei deutsche Staaten Geschichte.

Während in Moskau der Zwei-plus-Vier-Vertrag unterzeichnet wird, gehen in Brüssel die Tiefstrahler an. Im Constant-Vanden-Stock-Stadion steht eine kleine Gruppe von Spielern. Es sind 14, mehr haben Eduard Geyer, damals 45, und Eberhard Vogel, 47, die Trainer, nicht zusammentrommeln können. Sie setzen den Schlusspunkt unter die 38-jährige Länderspielgeschichte im Osten Deutschlands. An diesem Mittwoch geht sie mit ihrem 293. Spiel zu Ende.

Ein Fußballer des Jahres ist nicht unter ihnen, ein Oberliga-Torschützenkönig auch nicht. Dafür drei Neulinge und viel mehr Talent als Erfahrung. Als einziger Spieler eines Teams aus der Bundesliga ist der 23-jährige Matthias Sammer dabei. Als er, bei Dynamo Dresden groß geworden, erfährt, dass die anderen Asse, die ihm ihr Ja-Wort für diesen Abgesang gegeben haben, Andreas Thom und Ulf Kirsten, Thomas Doll und Rico Steinmann etwa, zu Hause geblieben sind, möchte auch Sammer weg. Er, neu beim VfB Stuttgart, will sich nicht blamieren. Ein Glück, dass am Vorabend kein Flieger mehr geht.

Was wären sonst für Geschichten, für Momente, für Anekdoten nie erzählt worden. Es wird für die meisten das Spiel ihres Lebens …

Nicht so sehr für Sammer, den Kapitän, der beim 2:0 beide Tore erzielt, es sind die Länderspieltreffer 500 und 501, weil er nur Wochen später als erster Junge aus der DDR im DFB-Team aufläuft, weil er sechs Jahre später Europameister wird und Europas Fußballer des Jahres. Trotzdem ist dieses Spiel auch für Sammer so etwas wie ein elektrischer Impuls. „Sein Ruf als Charakterkopf hat vielleicht gerade in Brüssel seinen Anfang genommen“, sagt Stefan Böger.

Böger, ein eher unspektakulärer Defensivspieler von 24 Jahren, steht nicht einmal in der Startelf. Er nimmt sich noch heute nicht so wichtig. „Wenn alle anderen gekommen wären“, glaubt er, „hätte ich doch gar keine Chance gehabt.“ Trotzdem ist er früh mitten dabei, weil sich Jörg Stübner, mit 25 einer der Erfahrenen, dieser Sich-am-Gegenspieler-Festbeißer, verletzt. Der Joker macht sein Ding, schaltet Belgiens Spielmacher Enzo Scifo aus, landet als Spieler in der Bundesliga, wird Trainer auch im DFB-Bereich, arbeitet in China und in Japan, bevor es ihn jüngst zurück ins heimatliche Weimar zog und er von dort gespannt vor allem den Weg des 1. FC Union bewundert. „Ich war ja einige Zeit am anderen Ende der Welt“, sagt Böger, „aber was in der Zwischenzeit in der Alten Försterei passiert ist, finde ich spektakulär.“

Ganz anders Stübner. Dabei ist er deutlich vor Sammer und Detlef Schößler, mit 27 der Oldie im Team der Talente – der eine bestreitet sein 23., der andere sein 18. Länderspiel – in seinem 47. Einsatz (die übrigen elf bringen es vor dem Anpfiff auf zusammen 27) der Routinier. Mit seinem Spiel ist Stübner ein Meister, es ist sein Leben. Das wahre Leben aber meistert er überhaupt nicht. Das jugendliche Idol mit der markanten Popperlocke verliert den Halt, seine Tage laufen völlig aus dem Ruder. Geyer, später Trainer bei Sachsen Leipzig, holt den Mittelfeld-Arbeiter zu sich, nicht einmal das gelingt. „Es ist eine einzige Tragik“, sagt Geyer, „viele wollten ihm helfen, Dynamo Dresden wollte es und ich auch, aber Hilfe hat Jörg nicht angenommen.“ Tabletten und Alkohol geben ihm, einst als eines der größten Talente des DDR-Fußballs gepriesen, früh den Rest. 53 Jahre alt ist er, als er, einsam und zurückgezogen, im Sommer 2019 stirbt.

Zum allerletzten Spiel gehören gleich drei Debütanten, die beiden Torhüter Jens Schmidt, 27, aus Chemnitz und Jens Adler, 25, aus Halle, dazu Jörg Schwanke, 21, aus Cottbus. Auf den allerletzten Drücker bekommt Energie seinen ersten Nationalspieler. Schwanke schafft es mit dem VfL Bochum in die Bundesliga, spielt später in Berlin beim 1. FC Union und beim BFC Dynamo, wird Nachwuchscoach bei Hertha BSC und ist aktuell Assistenztrainer der U 19 bei Borussia Mönchengladbach. Schmidt arbeitet in Chemnitz in einem Sportartikelgeschäft des früheren Karl-Marx-Städter Nationalspielers Joachim Müller. Adler, in Brüssel in letzter Minute eingewechselt und so der letzte von 273 DDR-Nationalspielern, versucht sich noch vor dem Bundesliga-Aufstieg 1997 bei Hertha BSC und ist die meiste Zeit danach Torwart- oder Nachwuchstrainer bei seinem Heimatverein Hallescher FC.

Die meisten bringen es sowieso in die Bundesliga, zusammen kommen sie dort auf 1469 Einsätze, die von Eduard Geyer als Coach von Energie Cottbus nicht einmal mitgezählt, und sogar ins DFB-Team. Dariusz Wosz („Mein Gott, 30 Jahre ist das her? Damals war ich 21 und schon verheiratet. Was war die Zeit hektisch, aufregend, aber immer auch schön.“) wird von Berti Vogts und Erich Ribbeck zu 16 weiteren Länderspielen eingeladen, Scholz streift wenigstens einmal das Trikot mit dem Adler über, es ist ein 1:1 gegen Mexiko in Dresden, dort, wo er inzwischen Assistenztrainer des Drittligisten Dynamo ist. „Auf dieses Spiel in Brüssel bin ich sowas von stolz“, sagt Scholz, „in dem Moment war ich ja einer der elf besten Fußballer von 17 Millionen Einwohnern.“

Letzter DDR-Nationaltrainer: Eduard Geyer im November 1989.
Foto: Imago Images

Für den Mittelfeldmann, der für den 1. FC Lok Leipzig spielte und für Dynamo Dresden, der mit Bayer Leverkusen 1993 Pokalsieger wurde und seine Spuren auch bei Werder Bremen hinterließ, bleibt diese Partie immer etwas ganz Außergewöhnliches. Die Ansprache von Eduard Geyer, der seine Spieler mit „Ihr könnt Geschichte schreiben!“ anfeuert, fällt bei allen und vor allem bei Scholz auf fruchtbaren Boden: „Wir haben Geschichte geschrieben. Und ich wollte unbedingt aufs Mannschaftsbild kommen, auf das letzte, das es von einer DDR-Nationalelf gibt.“ Scholz, inzwischen 54, verspricht mit einem Augenzwinkern: „Auf dieses Bild werde ich auch in 50 Jahren noch stolz sein.“

Sie haben es zumeist weit gebracht. Heiko Peschke, damals 26 und Defensivmann bei Carl Zeiss Jena, hat bei Bayer Uerdingen für Furore gesorgt und ist in Krefeld Lehrer für Deutsch, Bio, Geografie, Mathematik und Sport – was für ein Spektrum! Detlef Schößler ist in Leipzig ebenfalls an einer Schule beschäftigt. Andreas Wagenhaus, seinerzeit 25, der einen kurzen Fußball-Abstecher in die Türkei unternommen hatte, macht sich in Dresden handwerklich nützlich. Torsten Kracht, der Leipziger, mit 22 einer der Jüngeren, den es danach zum VfB Stuttgart und zum VfL Bochum, zu Eintracht Frankfurt und zum Karlsruher SC zieht, hat es in seiner Heimatstadt zum Vorstand eines Unternehmens für Projektentwicklung gebracht, ist dort im Frühjahr dieses Jahres auf eigenen Wunsch ausgeschieden. Von Uwe Rösler, mit 21 wie Wosz das Küken, weiß jeder, der sich auch nur ein wenig mit Fußball beschäftigt: Spielerkarriere bei Lok Leipzig, in Magdeburg, bei Dynamo Dresden, in Nürnberg und Kaiserslautern, bei Tennis Borussia und beim FC Southampton; Trainerkarriere in Norwegen, in England, dort auch bei Leeds United, in Schweden bei Malmö FF, seit Beginn des Jahres Fortuna Düsseldorf. Auch das ist so etwas wie Bilderbuch.

Bleibt Heiko Bonan, ein 24-jähriger Magdeburger, dieses letzte Spiel jedoch bestreitet er für den FC Berlin, wie der BFC Dynamo da heißt. Beim VfL Bochum und beim Karlsruher SC wirbelt er im Mittelfeld, danach ist er Trainer unter anderem auch in Hohenschönhausen. Am Sonntag, ganz aktuell also, hat Bonan als Coach mal wieder ein Spitzenspiel. Das ist so, weil seine SG Bellersen/Aa-Nethetal/Bökendorf ihren Saisonauftakt beim SV Alhausen/Pömbsen/Reelsen 4:1 gewonnen hat und der Gegner TuS Erkeln seinen bei der Zweiten des SV Höxter ebenso. Berliner können nur raten: Ostwestfalen, Kreis Höxter, Kreisliga B. „Vom großen Fußball habe ich mich verabschiedet“, sagt Bonan, „ich bin Sportlehrer in Brakel, bin nach Bökendorf gezogen, das ist ein Ort mit 800 Einwohnern, durch den nur alle fünf Minuten ein Auto fährt. Hier genieße ich das Leben mit meiner Partnerin und unserem Labrador.“ Der Vierbeiner hört auf den Namen Manni.

Ede, um beim damaligen Trainer Geyer zu bleiben, wäre auch nicht schlecht. Der hatte gegenüber Manni („Ein ganz lieber Kerl“) wohl mehr Biss. Inzwischen sagt aber sogar der sonst schier unerbittliche Ede: „Wir waren eine ziemlich namenlose Truppe, wir hätten ja auch 5:0 verlieren können, dann hätten sie alle blöde geguckt. Nicht jeder hat es später auf den Olymp des Fußballs geschafft. Umso mehr ziehe ich vor den Jungs, vor jedem Einzelnen von damals, den Hut, denn jeder hat was Historisches mitgetragen.“

Zur Feier des Abends damals, aus Respekt dem unerschrockenen letzten Rest gegenüber, dem Häuflein der 14 Aufrechten, haben sie in Brüssel alle drei Strophen der Nationalhymne gespielt, beginnend mit dem Auferstanden aus Ruinen. Zum ersten Mal in voller Länge bei einem Länderspiel, und das erst ganz zum Schluss. Als die Träume unwiederbringlich schön waren und Deutschland einig Vaterland so nah.