Neuer Vizepräsident des Berliner Fußball-Verbandes: Kamyar Niroumand.
Foto: Hertha 03

BerlinAm Freitag ist Kamyar Niroumand zum ersten Mal in seiner neuen Funktion als Vizepräsident des Berliner Fußball-Verbandes (BFV) zur Geschäftsstelle ins „Haus des Fußballs“ nach Charlottenburg gefahren. Und sofort ging es um das Thema, das die Berliner Amateurklubs nicht erst seit der Spieltagsabsage für dieses Wochenende in Aufregung versetzt hat: das Rahmen-Hygienekonzept, das vom Adlershofer BC über Hilalspor und Tennis Borussia bis zum Wittenauer SC alle Berliner Fußballklubs betrifft. Ebenso wie Hertha 03 Zehlendorf. Niroumand steht dem Traditionsverein, der für seine gute Jugendarbeit bekannt ist und mit der Oberliga-Mannschaft Ambitionen nach oben hegt, seit 2003 als Präsident vor. 

Am Mittwochabend hatte sich der 60 Jahre alte IT-Unternehmer BFV-Präsident Bernd Schultz und den weiteren elf Präsidiumsmitgliedern als einer von vier Kandidaten für den vakanten Posten des Vizepräsidenten im mehr als 170.000 Mitglieder starken Verband präsentiert. „Ich habe gesagt, ich möchte, dass der Berliner Fußball-Verband in den nächsten drei bis vier Jahren der modernste Fußball-Verband in Deutschland ist und dass wir gemeinsam die Interessen des Fußballs gegenüber der Politik, dem NOFV und dem DFB vertreten“, erläutert Niroumand. Das Potenzial sei da, aber die Vereinsinteressen im Verband zuletzt zu wenig vertreten gewesen. Der BFV sei zu weit von der Basis entfernt marschiert: „Ich kann helfen, weil ich weiß, wie Vereine ticken.“

Wie groß die Kluft zwischen dem BFV und den Berliner Fußballklubs ist, wurde an diesem Donnerstag wieder deutlich, als der BFV ohne Vorwarnung die Aussetzung des Spielbetriebs für alle Teams unterhalb der Berlin-Liga für eine Woche bekannt gab. Als Grund nannte der BFV das „kurzfristig erhaltene Rahmen-Hygienekonzept“, das „riesige organisatorische Herausforderungen für die Berliner Fußballvereine mit sich“ bringe, „die innerhalb weniger Tage zwischen dem BFV und den Behörden nicht gelöst werden konnten“. Hauptproblematik sei die Einhaltung des Mindestabstands von 1,5 Metern bei der Nutzung der Kabinenräume auf den Sportanlagen. Wieso aber zog der BFV, der das Konzept am 21. August erhielt, erst sechs Tage später die Reißleine?  

Vereinsbosse, Trainer und Spieler reagierten irritiert. Vielen ging es wie André Kneiseler, dem Sportlichen Leiter des VfB Einheit zu Pankow, der sagt: „Wir waren sehr enttäuscht über die Art und Weise der Kommunikation. Zuerst wurde die Presse über die Spieltagsabsage informiert. Mittags hatte ich schon 20 Anrufe von Spielern auf meinem Handy, die alle gefragt haben, was los ist. Ich habe erst um 16.10 Uhr die Mitteilung des BFV bekommen, dass der Spieltag abgesagt ist. Das nenne ich semi-professionell. Und ich frage mich, wie das Ganze bis nächste Woche geklärt werden soll.“

Auch Niroumand hat festgestellt: „Im BFV gibt es ein Kommunikationsproblem.“ Allerdings dürfe man nicht vergessen, dass sich der BFV in einer Sandwich-Position befinde. Der Rahmen-Hygieneplan sei von den Bezirksämtern viel zu kurzfristig, nicht durchdacht genug und vor allem ohne Rücksprache mit dem Verband oder den Vereinen erstellt worden: „Die Kritik sollte daher eher Richtung Senat und Bezirksämter gehen. Dort fehlt das Gefühl, was machbar ist und was nicht. Dort sitzen manchmal weltfremde Leute.“

So sei etwa die Anforderung des Rahmen-Hygienekonzepts, pro Verein nur zwei Spiele an einem Tag, um 10 und um 14 Uhr, stattfinden zu lassen, bei 1300 Spielen an einem Berliner Fußball-Wochenende unsinnig. „Warum sollen denn nicht zwei F-Jugend-Mannschaften, die nur 25 Minuten auf dem Platz stehen, nicht hintereinander spielen können?“, fragt Niroumand. 

Bei Hertha 03 in Zehlendorf hat er erlebt, dass das Konzept wirklich schwierig zu realisieren ist. „Wenn nur drei oder vier Leute in eine Kabine dürfen, braucht man für eine Mannschaft vier Kabinen. Wir haben 40, das ist schon sehr viel. Aber wenn von unseren 66 Mannschaften an einem Wochenende 30 zeitversetzt zu Hause spielen und 30 Gastmannschaften anwesend sind, wird es mit den Kabinen und den Übergangszeiten schwierig.“

Zum Oberliga-Auftakt bei Stern 1900, wo etwa 400 Zuschauer kamen, sei es nicht möglich gewesen, die Abstandsregeln dauerhaft einzuhalten. Zur Heimpartie gegen Seelow hat Hertha 03 am Sonntag für Teams und Schiedsrichter 15 Kabinen eingeplant. Statt sechs sind 15 Ordner avisiert, die auf die Einhaltung der Abstandsregeln achten sollen. Die Markierung freier Sitze hatte das Sportamt verboten. Der Sportliche Leiter des VfB Pankow, Andre Kneiseler, sagt, das Rahmen-Hygienekonzept müsse unbedingt nachgebessert werden.

Krisenzeit ist die Zeit des Verbandes

Dass der erste Spieltag im Berliner Amateurfußball abgesagt wurde, findet Niroumand richtig. „Hätten dieses Wochenende Spiele stattgefunden, wären sofort die Bezirksämter da gewesen, hätten Riegel vorgeschoben und Strafen verhängt. So wären viele Vereine in offene Messer gelaufen“, vermutet der im Iran geborene Berliner, dessen Bruder Kaweh das Bundesligateam der BR Volleys managt und als Sprecher der Berliner Profivereine in der Sportpolitik bestens vernetzt ist. 

„Im Sport ist die Krisenzeit die Zeit des Verbandes. Wir müssen zeigen, was wir für den Fußball machen“, sagt Niroumand. Er will die Bezirksämter davon überzeugen, die Anforderungen des Hygienekonzepts an die Vereine zu reduzieren. „Bislang gab es keinen einzigen Corona-Fall auf dem Platz. Drei Kilometer weiter in Brandenburg können alle Partien gespielt werden. Im ersten Schritt gilt es nun, den Spielbetrieb in Berlin zu ermöglichen. Denn besonders junge Fußballerinnen und Fußballer leiden unter der derzeitigen Situation.“

Niroumand kann argumentieren. Die Rolle als Modernisierer passt zu dem Geschäftsmann, der Aufsichtsratsvorsitzender verschiedener Unternehmen ist und Hertha 03 nach Beginn seiner Amtszeit erst mal von einem 500.000 Euro großen Schuldenberg befreite. Tatsächlich könnte sein Einstieg beim BFV eine Art Übergang in ein neues Zeitalter bedeuten. Schließlich hat der  Polizei-Verwaltungsbeamte Schultz das Präsidentenamt bereits seit 16 Jahren inne.

Für ihn ist der Gegenwind zuletzt immer stärker geworden. Denn innerhalb des Präsidiums gibt es zwei Fraktionen. Auch aus den Vereinen wuchs Kritik. Niroumand sagt: „Ich kann mir vorstellen, dass ich, als jemand der von den Vereinen akzeptiert ist, die verschiedenen Kräfte integrieren kann. Denn statt uns intern zu zerfleischen, ist es wichtig, dass wir unsere Kräfte zusammen für den Fußball auf die Straße bringen.“

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