CR7 und La Pulga: Die zwei größten Fußballspieler des vergangenen Jahrzehnts, vielleicht sogar der kompletten Geschichte.
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BerlinEs war ein wilder Clásico zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona am 6. Mai 2018. Acht Gelbe Karten, einmal Rot, ein Ringkampf zwischen Luis Suárez und Sergio Ramos, viele Rangeleien und Wortgefechte, je ein Tor von Cristiano Ronaldo und Lionel Messi, am Ende ein 2:2.

Gegangen war es um nichts mehr. Barcelona stand vorher als Meister fest, der Fokus der Spieler lag bereits auf der WM. Real hatte gerade mit etwas Glück gegen den FC Bayern sein drittes Champions-League-Finale in Serie erreicht und rüstete sich für das Treffen mit dem FC Liverpool. Aber Clásico ist Clásico, also wurde um jeden Meter gekämpft und gespielt, so wie immer.

Und doch war es ein ganz besonderes Match, was damals nur noch niemand wusste. Es war der letzte Clásico, in dem Messi und Ronaldo aufeinandertrafen, die beiden Spieler, deren Duell nicht nur den Weltfußball lange Zeit geprägt hat, sondern auch die spanische Primera División neun Jahre in Atem hielt.

Markenzeichen Sturzflug

Dass damit nun Schluss war, ahnten an diesem Abend im Nou Camp die Wenigsten, obwohl es schon länger Gerüchte um einen Abschied Ronaldos gegeben hatte. Seinen Wechsel zu Juventus Turin verkündete er jedoch erst einige Wochen später. In Spanien war danach nichts mehr wie vorher. Nicht bei Real, wo 40 Tore pro Saison fehlten, nicht beim FC Barcelona, wo sich Messi ohne seinen Widerpart gelegentlich zu langweilen schien, nicht in der Liga, der eine gehörige Portion an Würze fehlte.

Beendet aber war vor allem eine bisher einmalige Konstellation im Weltfußball. Die beiden mit Abstand größten Spieler ihrer Generation, vereint in der besten Liga, bei den zwei führenden Klubs, deren Rivalität nicht intensiver sein könnte, immer wieder direkt miteinander konfrontiert und wechselseitig angestachelt durch den Ehrgeiz, sich als der Bessere zu erweisen.

Rückblende: Im Dezember 2005 sitzt ein schmächtiger Teenager in Boots, Jeans und einer fransigen Wildlederjacke wie aus einem Italowestern am Rande der Auslosung für die WM 2006 in einem Saal in Leipzig, umgeben von gleichaltrigen Kumpels. Eine Fast-Food-Kette, Sponsor der Fifa, präsentiert ihre neuen Botschafter, darunter Geoff Hurst, den dreifachen Torschützen vom WM-Finale 1966. Manch einer fragt sich, was die Jugend-Combo aus der dritten Reihe hier zu suchen hat, bis der Lederjackenhänfling auf die Bühne stapft und ein paar spanische Sätze murmelt. Gestatten, der neue Burger-Botschafter für Argentinien, Lionel Messi.

Der 18-Jährige spielt gerade seine zweite Saison beim FC Barcelona, kurz zuvor hat er in Bremen 24 Minuten in der Champions League absolvieren dürfen, sein riesiges Potenzial angedeutet und den von Ronaldinho verwandelten Elfmeter zum 2:0-Endstand mit einem Sturzflug herausgeholt, der eines seiner Markenzeichen werden soll. Bei der WM in Deutschland, so hofft man in Argentinien, könnte er die Lücke füllen, die Diego Maradona einst mit seinem Abgang hinterließ.

In England lernt derweil der zwei Jahre ältere Cristiano Ronaldo bei Manchester United vom Manager Alex Ferguson, dass man Bälle auch abspielen kann und nicht für jedes Dribbling ein Dutzend Übersteiger bemühen muss. Der aus bescheidenen Verhältnissen von der Insel Madeira stammende Portugiese ist im Vergleich zu Messi längst eine Berühmtheit. Bei der EM 2004 brauchte Nationaltrainer Luis Felipe Scolari im Eröffnungsspiel gegen Griechenland nur eine Halbzeit um zu erkennen, dass es ohne Ronaldo nicht geht. Verhindern konnte der die Niederlage aber auch nicht, ebenso wenig wie die im Finale in Lissabon gegen denselben Gegner. Ein bleibender Schmerz in der Karriere, der erst zwölf Jahre später mit dem EM-Sieg Portugals in Paris ein wenig gelindert werden kann. Auch Ronaldo hofft auf eine grandiose WM 2006.

Für beide erfüllt sich der Traum nicht. Ronaldo wird mit Portugal immerhin Vierter und gleichzeitig englischer Staatsfeind, weil er im Viertelfinale den Platzverweis seines Klubkollegen Wayne Rooney provoziert. Messi scheidet mit Argentinien im Viertelfinale gegen Deutschland aus, auch weil ihn Jóse Pekerman in diesem Spiel nicht einsetzt, was die Argentinier dem Trainer bis heute nicht verziehen haben. Schon da deutet sich an, dass die glorreiche Zukunft der beiden, anders als bei den großen Helden der Vergangenheit, eher im Klubfußball liegen wird als bei der Nationalmannschaft, womit sie die perfekten Repräsentanten einer neuen Zeit sind, in der die Vereinsteams die Macht übernehmen.

Das außerordentliche Talent der beiden ist bereits damals offensichtlich, nicht jedoch die unbedingte Dominanz, die sie im Weltfußball etablieren werden. 2006 wird Fabio Cannavaro Weltfußballer, 2007 der Brasilianer Kaká. In den zehn Jahren zuvor haben sieben verschiedene Spieler den begehrten Titel gewonnen, von 2008 an gibt es nur noch die beiden, bis 2018 der Kroate Luka Modric dank seiner starken WM dazwischengrätscht. Danach siegt dann wieder Messi, umstritten, weil er mit seinen Teams wenig erreicht hat. Mit Ronaldos Abgang aus Spanien neigt sich die Cristiano-Messi-Ära jedenfalls dem Ende zu, nach sechs Goldenen Bällen für den Argentinier, fünf für den Portugiesen.

Den Reiz des Duells machten vor allem auch die unterschiedlichen Persönlichkeiten aus. Ronaldo, der ewige Poser, der seinen Torjubel inszeniert wie ein Ballett, von seiner Wildwest-Choreographie bei Freistößen auch nicht ablässt, seit er kaum noch trifft, und die sozialen Medien als für ihn erfunden empfindet. Dazu bei allem Talent ein besessener Arbeiter, der einen eigenen Fitnessstab beschäftigt, der professionellste Fußballer, den er kenne, sagte einmal Alex Ferguson.

Auf der anderen Seite Messi, der tut, was getan werden muss, aber nicht mehr, der am liebsten seine Ruhe hat, nur selten größere Emotionen zeigt, die Öffentlichkeit scheut, beim Torjubel einfach nur lacht und schon hypnotisiert werden müsste, um irgendwelche Übersteiger vorzuführen. Nur bei den Weltfußballer-Galas verblüffte er mit gewagt bunten Jacket-Kreationen, und die Wildlederjacke von 2005 ist bestimmt auch noch irgendwo im Schrank.

An Brisanz gewann das Duell des Jahrzehnts, als Ronaldo 2009 nach Spanien kam, und vor allem als Jóse Mourinho ein Jahr später Real Madrid übernahm, sich in eine obsessive Konfrontation mit Barcelonas Pep Guardiola hineinsteigerte. Messi und Ronaldo hielten sich meist raus, schafften es trotzdem, Jahr für Jahr brillanten Fußball zu zelebrieren und vor allem Tore über Tore zu schießen: Messi 618 in 705 Pflichtspielen, Ronaldo 450 in 438.

Problem Steuererklärung

Erst hatte Messi meist das bessere Ende für sich, dann Ronaldo. Barça holte mit Messi die Champions-League-Titel 2006, 2009, 2011 und 2015, sammelte nebenher zehn spanische Meistertitel. Ronaldo führte Real neben zwei Meisterschaften dann 2014, 2016, 2017 und 2018 zu vier Triumphen in der Königsklasse, vor allem, als er von Trainer Zinédine Zidane lernte, statt der Dreier-, Vierer- und Fünferpacks gegen Abstiegskandidaten lieber die wichtigen Tore zu schießen und nicht mehr jede Minute spielen zu müssen.

Gemeinsam ist beiden, wie es sich für Topfußballer gehört, dass sie wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurden, und wohl auch, dass sie viel zu gerne Fußball spielen, als dass sie sich in absehbarer Zeit aufs Altenteil zurückziehen würden. Vielleicht führt sie das Schicksal ja sogar noch einmal zusammen in einem Match ihrer beiden Klubs oder Nationalteams. So wie früher wird es dann aber nicht mehr sein, das Duell, das eine ganze Dekade prägte, ist definitiv Geschichte.