Für diesen Moment hat der 1. FC Union extra eine Melodie komponieren lassen, bombastisch klingt sie. Die wummernden Pauken lassen dieses wunderbar wohlige Gefühl in Richtung Herz aufsteigen. Euphorie.

Auf den vier riesigen Bildschirmen auf dem Spielfeld läuft ein animiertes Video, die etwa 4000 Zuschauer – darunter das komplette Profiteam – fliegen am Dienstagabend durch die Zukunft. 

Das Geheimnis ist gelüftet, so also soll das Stadion An der Alten Försterei im Jahr 2020 zum hundertjährigen Jubiläum aussehen: ein dreiseitiger Oberrang, wo jetzt ein Dach die Besucherkapazität begrenzt und nebenan ein schmuckes Clubhaus im Klinkerstil der Schöneweider Fabrikarchitektur, wo jetzt Container stehen. Aus dem einstigen Ersatzspielort des SC Union Oberschöneweide wird dann eine Arena für 37.000 Menschen geworden sein.

Es wäre der Moment, in dem sich Dirk Thieme zurücklehnen könnte, voller Stolz auf das, was er erreicht hat. Die Haupttribüne ist voll besetzt, als die Pläne der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Aber Unions Chefstadionbauer nimmt die Show relativ emotionslos hin. „Das ist auch der Schnelligkeit geschuldet, in der das alles entstanden ist“, sagt Thieme. Gerade mal ein Jahrzehnt ist vergangen, seit er im Bezirksbauamt Köpenick für fünf Minuten vor die Tür gebeten wurde. Länger brauchte die Behörde damals nicht, um das Projekt dieser fußballverrückten Unioner aus Berlin zu genehmigen. Sie wollten ihre Heimstätte selbst bauen, und Thieme lieferte den Plan.

„In erster Linie war es die Bereitschaft, in einer schwierigen Zeit zu helfen, einen anderen Plan gab es nicht“, sagt der Ingenieur für Bauwesen. Er besitzt ein Architekturbüro, aber die Angestellten dort kommen ganz gut ohne ihn zurecht. Sie müssen das auch. Denn aus Hilfsbereitschaft ist ein Lebensprojekt geworden –  abgesehen von einer geringen Aufwandsentschädigung immer noch ehrenamtlich.

Die Zukunft des Stadions ist gleichzeitig die Zukunft des Vereins

Dirk Thieme ist Vorstandsvorsitzender der Stadionbetriebs AG, der das schon heutzutage mit 22.012 Plätzen größte reine Fußballstadion Berlins gehört, und Präsidiumsmitglied des 1. FC Union, der hier seine Zweitligaspiele austrägt. Und in die Bundesliga strebt, zum FC Bayern, zu Borussia Dortmund, zu Schalke 04. Ein Vollzeit-Job.  Als im vergangenen Jahr klar wurde, dass das Stadion im Aufstiegsfall zum Problem werden würde, weil der Ligaverband (DFL) auf einmal von Bundesligisten mindestens 8000 Sitzplätze – und damit mehr als doppelt so viele wie An der Alten Försterei vorhanden – forderte, wurde der Planungsprozess beschleunigt.

Schon seit Februar 2015 hat Thieme ausgelotet, was aus dem sechs Hektar großen Gelände herausgeholt werden kann, auf dem Union seit  der Gründung vor einem halben Jahrhundert zu Hause ist. „Grenzen haben wir uns dabei nicht auferlegt“, sagt er. Denn die Zukunft des Stadions ist gleichzeitig die Zukunft des Vereins. Dass die Verantwortlichen dies in einer Zeit erkannten, in der sich der 1. FC Union im freien Fall in die sportliche Bedeutungslosigkeit befand, war die Rettung des mehrfach fast zahlungsunfähigen Klubs aus Köpenick.

Hätte es anders kommen können, nachdem Thieme Weihnachten 2014 die Verantwortung für den Neubau übernahm? Bestimmt. Könnte nun die massive Vergrößerung dessen, was die Fans als „Wohnzimmer“ liebkosen, Schaden anrichten? Möglich ist alles, das Scheitern muss beim 1. FC Union allein aus historischer Erfahrung immer einkalkuliert werden. Doch Thieme ist zuversichtlich: „Ich wusste immer, dass das, was wir vorhaben, angemessen und zeitgemäß ist.“

Nie mehr umziehen

Das gilt auch für den Umbau, der im Sommer 2019 beginnen soll. Die Dimensionen können nicht nur begeistern, sie können auch erschrecken. Zwei Drittel mehr Zuschauer, die muss ein Verein erstmal verkraften, zumal einer wie  Union, der auf familiärer Nähe gründet. Und: Bisher stehen die Zuschauer in der obersten Stehplatzreihe in acht Meter Höhe, zukünftig werden Besucher der Gegengerade 22 Meter hoch steigen können.

Kostenpunkt: 30 Millionen Euro für das Stadion, 8 Millionen Euro für das Clubhaus, dessen Bau bereits im Frühjahr 2018 in Angriff genommen  und im Idealfall bis zum Beginn der Erweiterung abgeschlossen sein wird. Nach und nach soll dann der zweite Stock auf die bisherigen Tribünen gesetzt werden – während des laufenden Spielbetriebs der Saison 2019/20. In der Umbauphase werden also zunächst weniger Anhänger ins Stadion finden, das schmerzt Thieme, ist aber unumgänglich.

Für ihn, für Union gibt es nur diese eine Heimat, und die möchte er nie mehr verlassen. Selbst ein temporärer Umzug in ein anderes Stadion ist ausgeschlossen. Aus wirtschaftlichen Gründen, aufgrund lizenztechnischer Anforderungen, vor allem aber aus tiefer Verbundenheit. Die amüsante Parallele an den nun präsentierten Ausbauplänen ist ja, dass die Dimensionen sehr an einen Sommertag im Jahr 2003 erinnern. Am 27. Juli stellte  der damalige Union-Präsident Heiner Bertram seine Idee vor, um elf Uhr ein paar Fanvertretern und zwei Stunden später der Presse: ein Stadion für 30.000 Menschen und anvisierte Kosten von 30 Millionen Euro. Aber abgesehen von den Zahlen war alles so ziemlich das Gegenteil von dem, was nun realisiert werden soll.

Am liebsten wollte Heiner Bertram weg von dem früheren Forsthaus, das der Spielstätte ihren Namen gibt, rein nach Mitte in den Jahnsportpark oder nach Karlshorst. Das von einem Dortmunder Architekturbüro erarbeitete Modell sah vor, dass die Leute mehrheitlich sitzen, und bezahlen sollten das Ganze private Investoren und die öffentliche Hand. Thieme war damals als Fanvertreter bei der Vorstellung dabei. „Ich war der Einzige, der die Interessen der Fangemeinde nicht wiedergefunden hat“, erinnert er sich. Für die Fans galt: „lieber heiser als heimatlos“ und „proAF – sonst nix“.

Die alten Betonstufen werden nicht angetastet

Thiemes Auftritt machte Eindruck, und nachdem Bertram Ende 2003 entmachtet wurde, rückte er als Fanvertreter in den Aufsichtsrat des Vereins auf. Im Dezember kam der neue Präsident Dirk Zingler mit der Frage auf ihn zu, was man aus dem Stadion machen könne. „Das hat mich beeindruckt“, sagt Thieme, „am tiefsten Punkt der Vereinshistorie dachte der Präsident an übermorgen.“ Nach  Weihnachten präsentierte er dem neuen Boss seine Idee, die er seit diesem Julitag in seinem Kopf hatte.

Die Umsetzung wurde dann in der Saison 2008/09 zu einem Meilenstein der Klubgeschichte und zum bestmöglichen Marketing: Ganz Deutschland schaute auf diese Unioner, die da in 140.000 ehrenamtlichen Arbeitsstunden ihr Stadion in Beton gossen. Der Wert des Stadions wurde bei der Übernahme durch die neugegründete Stadionbetriebs AG auf 3,8 Millionen Euro geschätzt, heutzutage ist er in der Bilanz mit etwa 27 Millionen Euro ausgewiesen. Aber bei allem Zuwachs ist eines klar: Die alten Betonstufen werden nicht angetastet. Denn sie stehen für das, was Union ist: Zusammenhalt und Selbstbestimmtheit.

Für Dirk Zingler, der den 1. FC Union in ein florierendes Unternehmen mit ungefähr 40 Millionen Euro Umsatz – Verein und die Stadionbetriebs AG zusammengenommen – verwandelt hat, ist die Selbstbestimmtheit das höchste Gut. „Das Wichtigste ist, dass unser Vorhaben solide finanziert ist und dass so gebaut wird, wie wir das wollen“, sagt er. Damit der Eigenkapitalanteil möglichst groß ist, möchte er die zwei Grundstücke an der Hämmerling- und Lindenstraße, die erworben wurden, als das Internat für den Nachwuchs und das Fanhaus noch an anderer Stelle entstehen sollten, bebauen und weiterverkaufen. Der Rest soll über den momentan günstigen Hypothekenzins bei Banken beschafft werden. Obwohl schon Anfragen aus dem Vereinsumfeld kamen: Private Investoren möchte er aus dem Projekt weitgehend heraushalten, selbst Freunde. „Menschen und Launen verändern sich“, sagt Zingler.

„Berlin verlagert sich in den Osten“

Bei der Präsentation der Union-Zukunft am Dienstag ist er derjenige, der die bedeutsamen Worte spricht. So ist das schon immer, Thieme liefert die Fakten und die baurechtlichen Erläuterungen, Zingler die je nach Bedarf mitfühlenden oder aufwühlenden Thesen. Auch klare Worte, die für Unruhe sorgen können, scheut er nicht. Zum Beispiel ist es so, dass der Verein seinen Dauerkarteninhabern zur kommenden Saison den gewohnten Rabatt gestrichen hat. Bislang gab es zwei Spiele geschenkt, in Zukunft soll die Sicherheit, überhaupt bei jedem Heimspiel ins Stadion zu kommen, Anreiz und Lohn genug sein.

In der abgelaufenen Spielzeit, in der die Mannschaft als Vierter den Aufstieg knapp verpasste, war das Stadion zu 95 Prozent ausgelastet, insgesamt kamen 355.000 Zuschauer – zu Hertha gingen übrigens 500.000 Menschen mehr. „Bei einem Produkt, das mir aus den Händen gerissen wird, ist es wirtschaftlich Schwachsinn, Rabatte zu geben“, sagt Zingler. „Der Verein handelt als Organisation wie ein wirtschaftliches Unternehmen – zum Wohle des Vereins.“ Vor seiner Amtsübernahme, als Union ebenfalls in Liga zwei spielte, lag der Zuschauerschnitt bei 8000, nun sind es fast 21.000. Der Zustrom werde anhalten, glaubt Zingler. „Berlin wird sich weiter in den Osten verlagern.“

Und die Arbeit für Dirk Thieme wird weitergehen. „Ich komme gar nicht in die Situation, mich zurückzulehnen“, sagt er. Ein Gefühl der Zufriedenheit erfasst ihn aber doch manchmal, wenn er über den Parkplatz auf die Haupttribüne zugeht und von oben auf die Stehplätze im Inneren blickt. Ganz ohne Musik oder Luftaufnahmen. In der Ruhe des Augenblicks.