London - Es steckt der Wurm drin. Seit Wochen. Nun gut, erstmals seit 22 Jahren wieder das Achtelfinale im FA-Cup erreicht zu haben, das war schon mal etwas für die Queens Park Rangers als Zweitligist. Aber sechs Liga-Niederlagen in Folge ließen bei QPR-Kapitän Toni Leistner bekannte Gefühle aufkommen. Dem englischen Meisterschaftszweiten von 1976 geht im Aufstiegsrennen die Luft aus. Das ist aber das einzige, was Unions ehemaligen Abwehrchef nach seinem Wechsel auf die Insel stört. Im Gespräch in London erzählt er über seine bisherigen Eindrücke und Erfahrungen.  

Wie gut ist nach knapp acht Monaten auf der Insel Ihr Englisch?

Das läuft ganz gut. Ich kann mich verständigen. Das ist die Hauptsache. Wenn die Jungs jetzt untereinander reden in ihrem Slang, ist es etwas schwerer. weil sie immer so schnell reden. Und so leise. Aber wenn ich das Gespräch anfange, dann wissen sie alle, dass sie langsamer machen müssen. Mit dem Coach habe ich witzigerweise die geringsten Probleme. Der spricht das klarste Englisch. Dabei stammt der aus York. Notfalls beherrscht er ja noch ein paar Brocken Deutsch.

Und Ihre Familie, hat sie sich an London gewöhnt?

Wir haben uns gut eingelebt und auch schon den ein oder anderen Freund. Klar, so einen Freund wie Polti (Sebastian Polter, d. Red.) habe ich hier natürlich nicht gefunden. Aber wir kapseln uns nicht ab, kommen zurecht. Wir fühlen uns wohl. Josefin will demnächst ein Fernstudium aufnehmen.

Wie kommt ihre Tochter Clara mit der neuen Umgebung zurecht?

Anfangs war sie ein bisschen zurückhaltend im Kindergarten. Die Leiterin meinte, sie sei halt ein stilles Kind. Das muss Clara wohl gehört haben, denn am nächsten Tag hat sie dort losgelabert ohne Ende.

Beherrscht sie besser Englisch als Sie?

Sie kommt jeden Tag mit neuen Wörtern nach Hause. Und vor allem mit französischen Liedern. Sie ist in einem internationalen Kindergarten, da singen die so etwas.

Wie stark ist Ihre Bindung noch an Deutschland?

Ich hab ja Apple-TV und Netflix. Auch Sky go und Sky Q. Also alle Streamingdienste, die mir helfen über die Runde zu kommen.

Schauen Sie viel Fußball?

Mache ich viel weniger als in Deutschland. Die Spiele von Union und Dynamo habe ich fast immer geguckt. Oft kann ich auf dem Weg zum Stadion auch die Zweitliga-Konferenz auf dem Handy gucken.

Sie sind der einzige Deutsche im Team. Nehmen die Kollegen Sie häufiger aufs Korn?

Eigentlich mache ich immer eher die Scherze. Gut, kurz nach der WM kam es den Jungs natürlich gelegen, dass Deutschland so schlecht war. Da durfte ich mir schon das eine oder andere anhören. Gibt auch mal den ein oder anderen Spruch aus der Vergangenheit.

Two World Wars and one World Cup?

Ja, das sollte man nicht zu ernst nehmen. Weghören und Grinsen.

Gibt es sportlich Grund zu grinsen?

Wir hatten einen schweren Saisonstart, haben uns dann aber reingekämpft. Zuletzt gab es ein paar Rückschläge. Wir wollen natürlich versuchen, noch auf die Play-off-Plätze zu kommen. Auch wenn es schwierig wird. Im FA-Cup waren wir im Achtelfinale. Für QPR (Queens Park Rangers, d. Red.) war das zuletzt vor 22 Jahren der Fall. Persönlich bin ich hier eindeutig torgefährlicher geworden (lacht). Zwei Tore und drei Mal die Latte. Und das mit dem Fuß. Bei Union war es ja im Schnitt immer nur eine Bude pro Saison.

Sie haben ja auch extrem viele Spiele in England ...

Ja, das ist schon etwas Anderes. Aber eigentlich ist es cool. Man trainiert nicht so viel. Regeneriert nur. Spielt viel. Wenn man spielt, ist das nur geil. Bis jetzt hatte ich das Vergnügen, fast jedes Spiel zu machen. Klar, ich merke, dass ich jetzt schon im Februar fast so viele Spiele gemacht wie bei Union in einer ganzen Saison. Und wir haben noch drei Monate zu spielen. Aber das passt schon.

Wie war es, am Boxing Day zu spielen?

Das war schon irgendwie lustig. Eben feiert man noch mit der Familien und schon musst du ins Stadion. Ich war froh, dass wir Ipswich Town hatten am 26. Dezember hatten. Ich hab’ mich so fett- und vollgefressen gefühlt. Die waren nur Schlusslicht, und wir haben 3:0 gewonnen. Ich weiß nicht, wie das gegen ein Top-Team ausgesehen hätte. Aber für die Familie war es schön. Ich habe extra ne Loge im Stadion für sie gemietet, wo es dann Truthahn und so gab.

Wie kommen Sie mit der berüchtigten englischen Küche zurecht?

Fish und Chips musste ich natürlich mal probieren. So wie die Engländer es hier essen mit Salz und Essig. Ist ganz okay, muss ich aber nicht jeden Tag haben. Die haben auf der Insel auf jeden Fall einen anderen Geschmack. Manche schmieren sich auf ihren Toast erst Erdnussbutter und machen da noch Baked Beans drauf. Man gewöhnt sich ja an vieles, aber das ist echt nicht mein Fall. Zum Glück haben wir bei uns in der Gegend viele polnische Geschäfte und Bäckereien. Was Essen angeht, sind die eher auf unserer Wellenlänge. Auch gutes Brot gibt es da. Das hat mir am Anfang immer meine Mutter aus Deutschland mitgebracht. Beim Zoll haben die sie immer gefragt, was denn in ihrem Gepäck so gut duftet, Zum Glück durfte sie es immer mit durchnehmen.

Wie wohnen Sie in London?

Wir hatten schnell ein Haus mit Garten in Ealing gefunden. Das passt perfekt. Zum Stadion sind es von da nur zehn Minuten. Zum Trainingsgelände brauche ich, wenn es schnell geht, 15 Minuten. Und dann habe wir auch noch feststellen dürfen, dass wir nah an der U-Bahn wohnen. Das habe ich natürlich extra so gemacht. So habe ich das zumindest meiner Frau erklärt. Wir haben die Piccadilly Line und die Central Line direkt vor der Haustür. Da kann man ganz schnell in die City kommen in einer Viertelstunde. Das ist optimal.

Also fahren Sie nicht selber mit dem Auto durch London?

Doch schon. Wenn ich mal zum Physio will und es regnet, dann habe ich keine Lust zur Tube zu laufen. Man kennt ja so einiges aus Berlin, wenn man mit dem Auto unterwegs ist. Das ist aber ein Witz gegen London. Hier ist gefühlt immer Stau. Daher fahren wir als Familie mit der U-Bahn in die Stadt. Durch Berlin war ich ja schon einiges an Entfernungen gewöhnt, wenn man von Köpenick in die Innenstadt will. Hier ist das alles noch 'ne Nummer größer. Aber man gewöhnt sich schnell daran.

Klappt das mit dem Linksverkehr?

Ich habe mir ja ein englisches Auto zugelegt mit dem Steuerrad rechts. Wäre in Parkhäusern sonst schwierig, ein Ticket zu ziehen. Da müsste man sich immer rüberbeugen. Grundsätzlich hat das ungefähr eine Woche gebraucht, dann ging das alles. Schwierig sind eigentlich nur die Tage, an denen ich morgens sozusagen Englisch losfahre, wenn ich zu Hendrik fliege, dort mit dem Auto von Düsseldorf nach Gladbach fahren und abends wieder zurück.

Hendrik Schreiber, Unions früherer Physiotherapeut, der heute die Profis von Mönchengladbach betreut?

Genau. Ich fahre ab und zu dahin zur Behandlung. Sind nur 50 Minuten Flug. Wenn es um Dry Needling (eine Akupunkturtechnik, d. Red.) geht, da vertraue ich ihm weiterhin. Stevie (Steven Skrzybski, d. Red.) geht auch immer noch zu ihm. Der hat es von Schalke aus ein bisschen einfacher.

Was sind für Sie sonst die größten Unterschiede zu Deutschland?

Wir sind hier zumeist Heimschläfer, treffen uns immer erst zweieinhalb Stunden vor dem Anpfiff im Stadion. Sonst wären wir ja nur noch im Hotel und gar nicht mehr zuhause. Und in der Stadt wird man eher nicht erkannt. Höchstens in Stadionnähe. Drei- oder viermal wurde ich angesprochen im Privaten. Das war in Köpenick eher anders, wenn man mal einkaufen war.

Alles ist so eingetroffen, wie Sie es sich erhofft hatten?

Polti hat mir nur positives über QPR berichtet, mir aber auch gesagt, wie hart die Liga ist. Ich als Verteidiger empfinde das ein bisschen anders als er als Stürmer. Nach den ersten Wochen hatte ich mich gut angepasst. Ich hoffe, dass wir hier in meiner Zeit den Aufstieg schaffen mit QPR. Ich habe hier ja noch einen Vertrag bis 2021. Und ich bin ja auch 28, da kann ich wohl noch ein paar Jahre spielen.

Ihr Trainer Steve McClaren lobt Sie für ihre Einstellung spricht von Ihnen als Mentalitätsspieler, dem besten Free-Signing, also ablösefreien Spieler der Championship. Mindestens sechs bis sieben Millionen Pfund müsste man für einen Kicker mit ihren Fähigkeiten hinlegen.

Das freut einen, zu hören. Er hat mich ja auch gleich zum Kapitän ernannt. Damit hätte ich nicht unbedingt gerechnet. Aber ich glaub, dass ich das Vertrauen gerechtfertigt habe, nachdem ich mich in den ersten Wochen an die wesentlich mehr körperlich betonte Spielweise hier gewöhnt hatte. Die Schiris pfeifen viel weniger ab, und die Stürmer halten stärker dagegen. Damit hatte Polti nach seiner Rückkehr nach Deutschland zunächst ja auch zu kämpfen.

Das Gespräch führte Mathias Bunkus