Am Ende des Turniers wird es Zeit für ein echtes WM-Märchen

Bald steht der Weltmeister fest. Könnte da nicht langsam mal die Fifa entmachtet werden? Und wie wäre es mit ganz vielen Weltmeisterschaften? Unsere WM-Kolumne.

Begeisterte Marokko-Fans beim Halbfinale gegen Frankreich.
Begeisterte Marokko-Fans beim Halbfinale gegen Frankreich.imago

Eine Fußball-WM ist immer auch die Zeit für Märchen, in diesem Fall für ein Wintermärchen, obwohl das eine falsche Sicht von uns Leuten aus Norderde ist. Denn große Fußballnationen wie Brasilien und Argentinien freuen sich, dass diese WM nicht wie sonst im Winter der Südhalbkugel stattfindet, sondern endlich mal während ihres Sommers.

Passend zu einer WM in der arabischen Welt schrieb das Märchen diesmal das arabische Land Marokko. Die lange belächelte Mannschaft warf gleich drei Titelanwärter raus: Belgien, Spanien und Portugal. Das interessiert viele gar nicht mehr, weil sie längst raus sind oder nie drin waren, weil sie die WM entweder boykottieren oder mit der deutschen Mannschaft ausgestiegen sind.

Mich hingegen verzaubern der Siegeswille der Marokkaner und ihre Spielfreude. Und das nicht nur, weil es in unserer Familie einen kleinen marokkanischen Zweig gibt, der bei jedem Spiel vor dem Herzinfarkt stand.

Vielleicht gibt es nun auch noch ein Märchen im politischen Teil der Weltmeisterschaft, der anfangs die Debatten vor allem in Deutschland bestimmte. Nun könnten eigentlich ein paar tapfere Recken mit Ehrgefühl einfach aus der Fifa aussteigen, ist doch sowieso nur ein privater Verband. Die Länder bilden dann einen eigenen Verein mit einer eigenen WM. Und schon beginnt der weltweite Wettlauf um die beste WM. Wie beim Profiboxen: Da konkurrieren auch zehn Verbände miteinander.

Vielleicht auch eine Atom-WM

Beim Fußball gibt es dann die Werte-WM mit Armbinden zu den jeweils aktuellen Problemen. Dazu käme vielleicht eine Atommächte-WM, bei der sich die USA, Frankreich, Russland, England mit China, Indien und Pakistan messen, aber auch mit Israel, Nordkorea und vielleicht Iran und Saudi-Arabien. Eine solche WM der wichtigen Wichtigtuer hätte vielleicht eine politisch entspannende Wirkung, weil dann nicht mehr in der realen Welt um die Vorherrschaft gekämpft würde, sondern auf dem Fußballplatz.

Vielleicht gäbe es auch eine WM für Länder ohne Fußballmannschaften oder eine WM für die 28 Länder, die mit S beginnen. Oder eine Geld-WM, bei der der Austragungsort danach ermittelt wird, welches Land das schönste Bestechungsgeschenk bastelt. Wer weiß?

Und wenn sie nicht gestorben sind, finden sich die 211 Nationalverbände am Ende wieder zu einer WM zusammen, bei der es nicht um Geld geht, um politisches Angebertum, um moralische Gesten, sondern darum, wie oft das Runde ins Eckige trifft.