Die Könige sind in der Stadt. Samt Gefolge: Bauern, Läufer, Pferde und natürlich auch die Damen, ohne die es nicht geht. Auch wenn ihr Domizil nicht gerade standesgemäß erscheint – das Kühlhaus am Berliner Gleisdreieck. Dort spielen ab diesem Wochenende bis zum 28. März die derzeit acht besten Schachspieler der Welt den Allerbesten unter sich aus. Nur einer fehlt: Der amtierende Weltmeister aus Norwegen, Magnus Carlsen. Er darf sich genüsslich die kommenden Spiele aus der Ferne anschauen und auf den Sieger freuen. Der wird den 27-Jährigen dann im November zum Kampf um die Weltmeisterkrone in London herausfordern. Seit 2013 ist Carlsen im Besitz des Titels. Zwei Mal hat er die Schachkrone bereits erfolgreich verteidigen können: 2014 gegen den indischen Großmeister Viswanathan Anand, den er ein Jahr zuvor entthront hatte, und 2016 gegen den Russen Sergej Karjakin.

Nun also wird sein neuer Herausforderer gesucht. Dass für den hochkarätigen Wettkampf Berlin vom Schachweltverband (Fide) als Austragungsort auserkoren wurde, ist auf den ersten Blick eine Überraschung. Denn ein Deutscher hat es bisher nur einmal in der Geschichte geschafft, in dieser Disziplin den Weltmeister zu stellen: Emanuel Lasker. Der gebürtige Berlinchener war der zweite offizielle Schachweltmeister überhaupt und trug die Krone 27 Jahre lang, von 1894 bis 1921. Das gelang nach ihm keinem anderen Spieler mehr.

Carlsen wurde mit 14 Großmeister

Es ist zwar eine lange, aber bisher auch die einzige richtig erfolgreiche Episode des deutschen Schach-Sports gewesen. Trotzdem genießt Schach in Deutschland nach wie vor eine sehr große Popularität. Umfragen zufolge spielen mehr als 23 Prozent der Deutschen regelmäßig Schach. Den Ausschlag für die Vergabe des jüngsten Schach-Events dürfte die Weltmeisterschaft im Blitzschach 2015 in Berlin gegeben haben. „Damals war das Interesse der Berliner riesig, viele standen stundenlang nach einem Ticket Schlange“, erinnert sich Lars Thiede. Der 47-Jährige ist Internationaler Meister im Schach und spielt mit seinem Team Schachfreunde Berlin in der Bundesliga. Und die ist die stärkste Liga der Welt. „Das liegt vor allem daran, dass sehr viele internationale Stars für deutsche Vereine spielten und spielen“, erklärt Thiede.

Aktuell gehören Viswanathan Anand, der Armenier Lewon Aronjan, der Italo-Amerikaner Fabiano Caruana und Maxime Vachier-Lagrave, Schachgroßmeister aus Frankreich, dazu. Allesamt gehören sie zu den zehn besten Spielern der aktuellen Weltrangliste – und spielen für den deutschen Dauermeister, die OSG Baden-Baden, die in den vergangenen elf Jahren zehn Mal den Titel gewann.

Die Schachfreunde Berlin liegen in der Bundesliga auf Platz neun. Solch prominente Spieler wie in Baden-Baden können sich die Berliner finanziell nicht leisten. Doch immerhin spielte Wladimir Kramnik in den 90er Jahren zwischenzeitlich für Empor Berlin und der Armenier Lewon Aronjan eine Saison lang für die Schachfreunde. Auch Weltmeister Carlsen saß bei ihnen schon einmal am Brett. Das war 2005. Der Norweger war damals 14 und gerade Großmeister geworden.

Kramnik erhielt eine Wildcard für das Turnier

Mit Aronjan und Caruana gehören zwei aktuelle Bundesliga-Spieler zu den Großmeistern, die in den kommenden zweieinhalb Wochen den Herausforderer für Carlsen ausspielen. Ihre Gegner sind der Weltranglistenzweite Schachrijar Mamedjarow aus Aserbaidschan, Wladimir Kramnik aus Russland, die Nummer drei, Wesley So aus den USA auf Position vier, der Elfte Ding Liren aus China und die beiden russischen Großmeister Alexander Grischuk und Sergej Karjakin, die die Plätze zwölf und dreizehn der Weltrangliste belegen.

Das Ranking wird nach der sogenannten Elo-Zahl ermittelt. Je höher dotiert das Turnier, an dem sie teilnehmen, und je größer der Erfolg, desto höher die Elo-Zahl. Bei Niederlagen kann die Elo-Zahl auch schnell wieder sinken. Mit 2843 Punkten hat Weltmeister Carlsen derzeit die höchste Elo-Zahl, gefolgt von Mamedjarow mit 2814 und Kramnik mit 2800 Punkten.

Für das Turnier haben sich die Teilnehmer auf unterschiedlichen Wegen qualifiziert. Die beiden Amerikaner So und Caruana hatten 2017 die beste Elo-Zahl aufzuweisen. Aronjan und der Chinese Ding Liren kamen als Beste des Schach-Weltpokals in die Herausforderer-Runde. Mamedjarow und Grischuk qualifizierten sich als Bestplatzierte des Fide Grand Prix. Karjakan hatte sich als Carlsen-Herausforderer 2016 automatisch für dieses Turnier qualifiziert und Kramnik erhielt die regelmäßig vom Organisator des Turniers vergebene Wildcard.

Wesley So und Sergej Karjakin sind  eher keine Siegeranwärter

„Die wurde eingeführt, um beispielsweise einen Spieler des Gastgeberlandes nominieren zu können“, sagt der Berliner Lars Thiede. Die Wildcard ist aber an eine Elo-Mindestzahl von 2725 gebunden. Die besten Deutschen liegen zwischen 2650 bis 2660 Punkten. „Damit hätten sie in diesem Turnier keine Chance“, weshalb es schon Sinn mache, mit Kramnik einem absolut konkurrenzfähigen Spieler den Start über die Wildcard ermöglicht zu haben.

Gespielt werden in Berlin 14 Runden, zwei Mal jeder gegen jeden, einmal mit Weiß und einmal mit Schwarz. Sollten am Ende mehrere Spieler die gleiche Punktzahl haben, gibt es Stichkämpfe. Auf einen Favoriten in diesem hochkarätigen Feld will sich Thiede nicht festlegen. Aus seiner Sicht haben Alexander Grischuk und Ding Liren die geringsten Chancen. Auch Wesley So und Sergej Karjakin kommen für Thiede eher nicht als Sieganwärter in Frage. „Dafür spielen sie viel zu solide“, erklärt der Schachexperte. „Beide verlieren zwar fast nie eine Partie, gewinnen dafür aber auch nur sehr selten.“ Und bei solch einem Turnier müsse man „schon ein bisschen Pace machen“.

Der Weltmeister ist bezwingbar

Die anderen vier Spieler hätten gewisse Vorzüge, die möglicherweise zum Sieg reichen könnten. Für Wladimir Kramnik etwa spreche seine Erfahrung und seine neue Spielweise: „Der Russe hat früher zwar sehr langweiliges Schach gespielt, rückte in den letzten Jahren aber mit einer ungewohnt kreativen und aggressiven Spielweise wieder weit nach oben“, sagt Thiede. Fabiano Caruana sei immer gut für einen Sieg, er gehöre seit vielen Jahren zur absoluten Weltspitze. Schachrijar Mamedjarow spiele zur Zeit so gut wie noch nie.

Dann wäre da auch noch Thiedes Wunsch-Kandidat: Lewon Aronjan, den er noch gut von dessen Gastspiel bei den Schachfreunden kennt. Er sei nicht nur ein intelligenter und freundlicher Typ. „Er ist jetzt mit 36 Jahren im besten Schach-Alter, erfahren, aber auch noch frisch und körperlich fit“, lautet Thiedes Einschätzung.

Wer auch immer am Ende das Rennen macht, habe gute Chancen, im November gegen Weltmeister Carlsen zu bestehen. „Früher stand die Konkurrenz vor Carlsen wie das Kaninchen vor der Schlange“, sagt Thiede. Das habe sich geändert. „Die Konkurrenz ist dicht dran und weiß, dass auch der Weltmeister bezwingbar ist.“