BerlinEs ist vielleicht ein weiter Bogen von der Duna Arena Budapest in ein schmuckloses Bürozimmer nach Freiburg im Breisgau. Aber man kann ihn spannen, nach diesem ereignisreichen Wochenende, warum nicht? Während in der amerikanische Sprinter Caeleb Dressel in Ungarn nicht mal 40 Minuten dazu gebraucht hat, um gleich zwei Weltrekorde auf der Kurzbahn aufzustellen, zeigte der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) bei der digitalen Mitgliederversammlung, dass es in diesem Sport auch auf Ausdauer ankommt. Nach neun Stunden Sitzungsmarathon hat der DSV, der sich zwei Jahre lang ohne Führungsspitze durchgewurstelt hat, seit Sonnabend wieder einen Präsidenten. Der Freiburger Marco Troll wurde mit knapp 76 Prozent der Stimmen gewählt.

Deutlich schneller war Dressel im Finale der International Swimming League im Ziel. Über 100 Meter Schmetterling blieb er als erster Mensch unter der 48-Sekunden-Marke und knallte in 47,78 Sekunden das erste Ausrufezeichen auf die Anzeigetafel. Etwa 40 Minuten später sprang er erneut vom Startblock, um seinen eigenen Weltrekord über 50 Meter Freistil um acht Hundertstel zu verbessern: Er schlug nach 20,16 Sekunden an. Erst vor wenigen Tagen hatte der 24-Jährige aus Florida über 100 Meter Lagen die 50-Sekunden-Marke unterboten und in 49,88 Sekunden einen Weltrekord aufgestellt.

Fabelweltrekord! Schallmauer durchbrochen! In neue Sphären vorgedrungen! So heißt es immer, wenn einer spektakuläre Bestzeiten ins Wasser zaubert. Seit Dressel bei der WM 2017 in Budapest sieben Titel gewann, gilt er als designierter Nachfolger von Michael Phelps. Bei den Sommerspielen, die 2021 in Tokio geplant sind, will sich der Schwimmer mit dem riesigen Adler-Bären-Tattoo über linkem Arm, Brust und Schulter, ins olympische Schaufenster stellen. 

Darum, dass die deutschen Schwimmer von globalen Großveranstaltungen nicht mehr medaillenlos mit hängenden Schultern und traurigen Gesichtern von Olympischen Spielen abreisen, hat sich der DSV zuletzt in London und Rio de Janeiro umsonst bemüht. Weder auf Funktionärs- noch auf Trainerebene war die Zusammenarbeit konstruktiv. Ende 2018 trat dann Gabi Dorries, die den vom Bundesrechnungshof gescholtenen DSV gerade konsolidiert hatte, als Präsidentin zurück. Sie war mit ihrer geplanten Beitragserhöhung bei der Mitgliederversammlung gescheitert.

Spannende Frage für die Spitzensportler

Der Polizeibeamte Troll, acht Jahre lang Vorsitzender des Badischen Schwimmverbandes, hatte sich damals zum Wortführer derjenigen aufgeschwungen, die eine Beitragserhöhung ablehnten. Jetzt will sich der 58-Jährige vor allem für den Breiten- und Seniorensport sowie die Schwimmausbildung einsetzen. Dafür braucht er Personal. Und Geld. „Da werden wir nicht drumherum kommen, auch mal eine Gebührenerhöhung durchzuführen“, ließ er wissen.

Während Troll zusammen mit den Landesverbandspräsidenten aus Bayern, und Brandenburg sowie einer Bankfachfrau aus Nordrhein-Westfalen ins DSV-Präsidium gewählt wurde, verbleibt Leistungssportdirektor Thomas Kurschilgen weiterhin als besonderer Vertreter im Vorstand. Ob er dort weiterhin wirken kann wie bisher, wird eine der spannenden Fragen für die Spitzensportler im DSV sein. Denn an mehreren Bundesstützpunkten rumort es gewaltig. Man hört harsche Kritik an Kurschilgens Stil und seinen Personalentscheidungen, auch der Bundestrainer-Auswahl.

Einen Hinweis an das neue DSV-Präsidium hat gerade der frühere Bundestrainer Hennig Lambertz im sozialen Netzwerk gegeben. Er postete ein Foto von Weltrekord-Sammler Dressel in Jubelpose. Darauf fällt vor allem der immense Bizeps des Amerikaners auf, der für extrem hartes Athletiktraining bekannt ist. Zum Foto schrieb Lambertz: „Aber Krafttraining in Deutschland? Warum denn?“ Sein Athletik-Konzept scheint zu den Akten gelegt worden zu sein. Hört sich so an, als habe das neue Präsidium um Marco Troll nicht nur bei der Stärkung der Breitensportsäule eine Menge Arbeit vor sich, sondern auch damit, die Leistungssportsparte effizient zu strukturieren.