BerlinTheofanis Eirini schläft schon seit einiger Zeit nicht mehr gut. Die Corona-Pandemie und deren Auswirkungen auf seinen Verein beschäftigen den Präsidenten des FC Nordost auch dann, wenn er eigentlich abschalten sollte. Gerade hatte der 41-Jährige, der nicht nur Präsident, sondern auch Datenschutzbeauftragter des Marzahn-Hellersdorfer Fußballvereins ist, noch alles dafür getan, das Problem mit den Kontaktlisten zu lösen. Aber die neue Infektionsschutzverordnung, der Lockdown light, hat ihm in dieser Woche schon wieder andere, schwerwiegendere Herausforderungen beschert: Spielbetrieb ausgesetzt, Training untersagt - für Kinder, die älter sind als 12 Jahre.

„Wir hatten gestern Trainerversammlung. Da herrscht bei allen ein sehr großes Unverständnis. Wir werden als Sportvereine dafür geopfert, dass Kindergärten und Schulen aufbleiben können. Bisher waren wir immer die Psycho- und Sozialtante für die Jugend. Jetzt wird uns die Kompetenz plötzlich abgesprochen. Wie soll ich das vor den Kleinen begründen, dass sie vielleicht, ganz vielleicht, erst im Dezember wiederkommen dürfen?“, fragt Eirini.

Es geht um die Existenz vieler Vereine

Auf der anderen Straßenseite des Marzahner Trainingsplatzes an der Walter-Felsenstein-Straße steht das Tagore-Gymnasium. In dem großen Gebäudekomplex reiht sich Fenster an Fenster. „In der Schule dürfen die gleichen Kinder in den Hallen zusammen Sport machen. Aber am Nachmittag wird es ihnen draußen verboten. Das ist schwer zu verdauen“, sagt Eirini.

Sollte über den November hinaus in den Berliner Amateursportvereinen kein Training stattfinden dürfen, „geht es an die Existenz“, beim FC Nordost wie bei vielen anderen Klubs. Wenn ihre Kinder nicht nur keine Punktspiele austragen, sondern auch nicht trainieren dürfen, seien viele Eltern nicht mehr bereit, die Vereinsbeiträge zu bezahlen, meint Eirini. Dabei falle der FC Nordost nun auch aus dem finanziellen Förderprogramm, weil er als eher kleiner Verein weder einen Finanzierungsplan noch Bilanzen habe: „In der ersten Welle haben wir Hilfen bekommen, damit sind wir in der zweiten Welle außen vor.“

Die Entscheidung der Ministerpräsidentenkonferenz lässt ihn immer wieder den Kopf schütteln: „Wir Vereine sind doch die Orte, an denen Kontrolle möglich ist, Orte, an denen Listen sind.“ Eirini geht es wie vielen Vorsitzenden oder Präsidenten der Amateurvereine, die in den vergangenen Monaten viel Kraft, Nerven, Zeit und Geld aufgebracht haben, um ihre Sportler und Mannschaften durch die Pandemie zu führen.

„Eine erneute Zwangspause für den Amateurfußball in Berlin bedauere ich sehr. Nichtsdestotrotz haben auch wir die rasant steigenden Infektionszahlen im Blick. Das Infektionsgeschehen sowie die Beschlüsse der Politik haben nun schließlich zur Folge, dass der Spielbetrieb voraussichtlich bis Ende November unterbrochen werden muss“, sagt Bernd Schultz, der Präsident des Berliner Fußball-Verbandes. Er plädiert im Namen der Vereine klar dafür, „dass der Senat weiterhin den Trainingsbetrieb in den Vereinen ermöglichen soll. Insbesondere die Kinder und Jugendlichen müssen unter Beachtung der strengen Hygienemaßnahmen in den kommenden Wochen gesondert betrachtet werden.“ Die vom Nordostdeutschen Fußballverband organisierten Regional- und Oberliga stellen ihren Betrieb am Montag ein.

Das Beispiel des FC Nordost zeigt, was Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) unter anderem meint, wenn er an diesem Mittwoch davon spricht, dass „sich die bereits sichtbaren und die für viele noch unsichtbaren Corona-Schäden in Sportdeutschland durch diese pauschale Maßnahme der Politik nochmals deutlich verstärken“.

Entscheidend sei laut Hörmann nun der angekündigte Rettungsschirm des Bundes, der den betroffenen Bereichen der Gesellschaft zehn Milliarden Euro zur Verfügung stellen wird. Der DOSB-Präsident fordert „im Bereich der angekündigten Nothilfen, dass der Sport in seiner ganzen Vielfalt unproblematisch daran teilhaben kann“. Ansonsten stehe der Sport vor einem Aderlass.

So bangen laut einer vom DOSB in Auftrag gegebenen Studie zwei Drittel der Spitzensportverbände in den kommenden 15 Monaten um ihre Existenz, sollte sich die Lage nicht grundlegend ändern. Den Vereinen droht ein Schwund von bis zu vier Millionen Vereinsmitgliedern. Der temporäre Lockdown, der ab Montag gilt, befeuert diese Ängste.

Dagmar Freitag, die Sportausschussvorsitzende im Bundestag, ärgert ganz besonders, dass es „hier vor allem diejenigen trifft, die in den letzten Wochen mit sehr großem Engagement und innovativen Konzepten das Vereinsleben aufrechtgehalten haben“. Unbestritten sei doch, dass „Sportveranstaltungen unter Einhaltung stringenter Hygienekonzepte weder im Profi- noch im Breitensport als Superspreader aufgefallen sind.“

Alba Berlin ist so ein Verein mit sehr großem Engagement und innovativen Konzepten. Die Basketballer betreiben Jugendarbeit mit einer stark ausgeprägten sozialen Komponente. Und sie waren zu Beginn des ersten Lockdowns Vorreiter mit einem digitalen Format: Sportstunden im Internet, angeleitet von Trainern für Schüler und Kitakinder. „60 Folgen gibt es davon inzwischen“, sagt Albas Vizepräsident Henning Harnisch. „Wir haben jetzt noch ein neues Format entwickelt: das digitale Klassenzimmer.“ Für den November sind sie gerüstet, „aber psychologisch ist das nicht ganz einfach“, meint Harnisch mit Blick auf die Kinder. „Klassischer Vereinssport ist doch etwas anderes.“

Auch Eirini hatte sich zuletzt mit den Vereinskollegen viele Gedanken gemacht, Geld für Desinfektionsmittel ausgegeben, die sanitären Anlagen und die Kabinen regelmäßig geschrubbt und desinfiziert, 300 Euro in eine Maschine investiert, die nach vier Wochen Aufbewahrungszeit die Kontaktlisten zur Covid-19-Nachverfolgung schreddert, auf denen Namen und Adressen der Spieler und Zuschauer vermerkt werden mussten.

In den vergangenen Wochen, als die neun Jugendfußball-Mannschaften des FC Nordost noch Punktspiele austragen durften, hatte Eirini beobachtet, dass es, nicht nur in Marzahn-Hellersdorf, sondern berlinweit Vereine gab, die diese Kontaktlisten von Eltern, Betreuern oder Trainern abfotografieren ließen, um später Kinder abzuwerben – in Charlottenburg-Wilmersdorf wurde sogar mit dem Versprechen der Beitragsfreiheit gelockt. Daher war Eirini dazu übergegangen, Adresskärtchen in Postkartenformat auszulegen, die gleich in ein Kuvert gesteckt werden konnten. Andere Vereine stellten Schuhkartons aus, um dem Datenmissbrauch kreativ zu begegnen. In den kommenden vier Wochen fallen nun jedoch Bewegung und Kreativität auf den Plätzen und Hallen der Berliner Sportvereine aus. (mit cs)