"Ich war nie ein Superwoman": Aber die Ergebnislisten im Rallyesport hat Michèle Mouton trotzdem durcheinandergewirbelt.
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BerlinDas exklusive Gefühl, einmal Co-Pilot der erfolgreichsten Motorsportlerin spielen zu dürfen, scheitert nicht an der Fahrerin, nur an den Umständen. „Sorry“, sagt Michèle Mouton, nachdem sie die verlockende Einladung für eine Mitfahrt ausgesprochen hatte, „ich habe gar nicht an den Kindersitz gedacht.“ Sie winkt aus dem offenen Fenster und verspricht ein nächstes Mal. Vermutlich verhält sie sich im Straßenverkehr auch etwas anders, als sie es auf den Rallye-Pisten der Welt getan hat. Das, was der Reporter als letztes Bild mitnimmt, ist eine Frau, die das Lenkrad fest in der Hand hält.

So ist es auch das ganze Gespräch über gewesen. Präzise Antworten, mutige Wendungen. Vor allem: immer offensiv. Es geht viel um die Achtzigerjahre, als die heute 68 Jahre alte Französin beginnt, den Rallyesport aufzumischen, von dem es ja heißt, dass dort die besten aller Autofahrer zu finden sind. Sie emanzipiert sich, in dem sie sich querstellt – mitsamt ihrem Auto.

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Die Geschichte(n)macher: Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen.

Der Finne Ari Vatanen, ein begnadeter Querfeldeinfahrer, prinzipiell auch ein Gentleman, ist in der Rallye-Saison 1981 Hauptkonkurrent von Michèle Mouton. Der etablierte Pilot spürt die Gefahr durch die neue Rivalin, deshalb verlegt er sich kurzerhand aufs Macho-Gen: Niemals könne und werde er gegen eine Frau verlieren! Hoffentlich hat er nicht auf die eigenen Worte gewettet. Denn dann kommt die Rallye San Remo, Mouton triumphiert mit ihrer italienischen Beifahrerin Fabrizia Pons und einem Audi Quattro. Im hügeligen Hinterland der Blumenriviera wird Motorsportgeschichte geschrieben: Zum ersten Mal gewinnt eine Frau einen WM-Lauf.

Gefürchtet von der Konkurrenz

Michèle Mouton, eine Frau, die sich um Nichts schert, ist zur Pionierin gewonnen, zu einer der wirklich großen Persönlichkeiten im Motorsport. Ein Sport, der so viele Champions kennt, aber nicht ganz so viele besondere Charaktere. Charmant ist sie, sobald die Fahrertür aufgeht; ein Vulkan, wenn sich diese Tür geschlossen hat, sie den Zündschlüssel umdreht. Amazone, vermutlich passt dieser etwas abgegriffene Beiname ganz gut, der ihr damals in jedem zweiten Artikel verpasst wurde. „Ich war nie eine Superwoman“, sagt sie, aber dennoch sorgt sie mit ihren Erfolgen dafür, dass Frauen im Motorsport nicht mehr bloß als Staffage wahrgenommen werden.

Es beginnt die Zeit, in der sie nicht nur ernst genommen wird von der männlichen Konkurrenz, sondern gefürchtet. Walter Röhrl, die deutsche Rallyelegende, setzt sich im Titelrennen 1982 nur knapp mit seinem Opel Ascona durch. Nach Siegen steht es am Ende der Saison 3:2 für Mouton, aber ihr fehlen zwölf Punkte, der Gegenwert für einen dritten Rang, zur Sensation. Nicht sie ist daran schuld, sondern die Unzuverlässigkeit ihres Audis. Trotzdem gewann sie gemeinsam mit Stig Blomqvist und Hannu Mikkola für die Ingolstädter in dieser Saison die Marken-Weltmeisterschaft. Schwerer als der Verlust des Titels wiegt für sie der Tod des Vaters, der Schicksalsschlag ereilt sie beim vorletzten WM-Lauf an der Elfenbeinküste.

Heute ist Michèle Mouton Funktionärin beim Welt-Motorsportverband (Fia).
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In dem guten Jahrzehnt ihrer aktiven Laufbahn gewinnt sie fünf Europameistertitel, ebenso das prestigeträchtige Pikes-Peak-Bergrennen in den USA, bei dem sie die Elite der US-Rennfahrer düpiert. Immer ist es dieses breite Lachen und dann diese absolute Verbissenheit. Am Berg der Berge für den Rallyesport stellt sie auf der gefährlich Schotterpiste gleich auch noch einen Streckenrekord auf. Die Unzufriedenheit der männlichen Mitbewerber kontert sie charmant: „Wenn ihr euch traut, könnt ihr es gern noch mal gegen mich probieren. Auf dem Weg nach unten …“ Solche Sprüche gefallen später auch dem französischen Staatspräsidenten, der sie zum Ritter der Ehrenlegion ernennt.

Mouton: "Ich hatte den gefährlichen Übermut"

Zu Kopf gestiegen ist der ebenso lebensfrohen wie resoluten Grande Dame des Motorsports der eigene Erfolg nie: „Ich hatte das richtige Auto, das beste Training, ein Super-Team und ich hatte auch den gefährlichen Übermut.“ Als sie in der Rallye-Weltmeisterschaft debütiert, geschieht das mal mit gebrochenem Bremssattel. Bei solchen Zwischenfällen, die Sonderprüfungen in diesem Sport sind, kommt es auf das richtige Gefühl an. Aber auch darauf, hart im Nehmen zu sein.

Das ist auf ihrem Weg in die Weltspitze immer so gewesen. Als die 14 Jahre junge Michèle erstmals in einem Auto hinter dem Steuer sitzt, muss der Freund sie anschieben. Geübt hat sie schon früher, heimlich mit einer alten 2CV Ente auf dem Grundstück der Eltern. In die Rallyeszene, eine eigene, kauzige Spezies des Motorsports, kommt sie zunächst als Beifahrerin. Dann wird sie zweimal französische Meisterin. Einen Karriereplan gibt es nicht, die Intuition bringt sie nach vorn.

So kommt sie nach Jahren in der Rallye-WM 1986 nach Deutschland. Mit einem Peugeot 205 holt sie den Titel, mit sechs Siegen bei acht Starts. Der ADAC macht sie zur „Motorsportlerin des Jahres“. Während der Korsika-Rallye gesteht sie ihrem Lebensgefährten Frederik Johnsson, einem schwedischen Journalisten, dann überraschend: „Ich spüre, dass ich an meinem Limit bin, ich mach’ jetzt Schluss. Punkt. Aus.“ Wieder so eine Wendung. Er weiß, dass es ihr Ernst ist, argumentiert nicht dagegen. Er weiß ja auch, dass es irgendwie trotzdem weiter gehen wird. Rallyefahren, das ist wie anfixen. Zum Spaß fährt sie noch Ausdauerprüfungen wie den Marathon London-Sydney. Da ist Spaß dabei, aber natürlich immer noch Ehrgeiz mit im Rennen: „Als Letzte will ich nicht unbedingt ins Ziel kommen …“

Eine eigene Frauen-Serie? Unsinn

Ihre Erfahrung bleibt gefragt, auch beim Automobilsportverband (Fia). Als Sicherheitsbeauftragte für Rallyes ist ihr Verantwortungsbewusstsein gefragt, da hilft die eigene Erfahrung am Limit. Motorsport im Fernsehen anzugucken, empfindet sie eher als langweilig. Als treibende Kraft hat sie das Winter-Spektakel „Race of Champions“ erfunden, bei dem Rennfahrer aus allen Disziplinen in einer Art Stadion-Rallye gegeneinander antreten. Ein Off-Road-Auto gehört immer noch zum ständigen Fuhrpark. Unterwegs ist sie viel – und gern: „Meine Lebensphilosophie ist die, dass das Gestern Geschichte ist und das Morgen noch ein Mysterium. Aber das Heute empfinde ich als Geschenk. Und deshalb will ich jeden dieser Tage auskosten.“

Für Fia-Präsident Jean Todt ist seine Landsfrau die ideale Besetzung für den Vorsitz der Kommission „Frauen und Motorsport“, Mouton sieht das Amt als Berufung: „Seit Jahren fragen mich die Menschen, warum niemand mehr in meine Fußstapfen getreten ist. Ich hoffe, dass wir die richtigen Antworten finden und das verändern können. Es geht nur darum, die gleichen Ausgangschancen zu bekommen, dann werden wir sehen. Wir Frauen haben doch bereits bewiesen, dass wir einen Platz im Motorsport haben.“

Sie sagt nonchalant „wir“, sie hätte sagen können „ich“. Aber tatsächlich geht es ihr um das Gemeinsame: „Für Männer wie für Frauen ist es in diesem Sport gleichermaßen schwer, Erfolg zu haben, wenn man nicht genügend Geld mitbringt.“ Von der W-Series, dem Versuch reiner Frauen-Formel-Rennen, hält sie nicht viel: „Wer wirklich etwas erreichen will, möchte doch nicht bloß die beste Frau werden – sondern die Beste überhaupt. Warum also diese Trennung?“ Bange war ihr im Rennen der Geschlechter nie. Denn sie ist überzeugt, dass Männer die besseren Sprinter seien, Frauen die besseren Langstreckenläufer: „Wir Frauen sind konstanter und haben mehr Ausdauer. Ja, das ist wahr. Ein Mann kommt leicht zum Höhepunkt und fällt dann schnell ab …“