New Englands Quarterback Tom Brady spielt in dieser Saison ungewohnt schlampig.
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BerlinEinen kleinen Karibikurlaub oder einen Trip nach Las Vegas hatten sie wohl eher nicht geplant, doch eine Aktivität schwebte den Angestellten der New England Patriots ganz bestimmt nicht vor an diesem Wochenende: Football spielen. Es ist das Wild-Card-Weekend in der National Football League (NFL), zwei Tage, an denen acht Mannschaften, von denen einige gerade noch so in die Play-offs gerutscht sind, vier Viertelfinalteilnehmer ermitteln, während das dafür bereits qualifizierte Quartett Pause hat. Ein Termin, der normalerweise eindeutig unter der Würde des Multichampions aus New England ist, zuletzt mussten die Patriots im Januar 2010 diese Runde bestreiten und verloren prompt zuhause gegen die Baltimore Ravens.

Das Freilos in der ersten Ausscheidungsrunde ist ein nicht zu unterschätzender Vorteil, bei allen neun Super-Bowl-Teilnahmen in der Ära von Trainer Bill Belichick und Quarterback Tom Brady seit 2001 profitierten die New England Patriots davon, sechsmal gewannen sie das große Finale, zuletzt im vergangenen Jahr.

Es ist eine Gelegenheit, sich auszuruhen, Verletzungen zu kurieren, in Ruhe die eigenen Spielabläufe zu perfektionieren. Stattdessen hatten die Patriots nur wenige Tage, um sich auf einen so unbequemen Gegner wie die Tennessee Titans einzustellen, den sie am Sonnabend im heimischen Stadion in Foxborough empfangen. Gewiss kein Titelfavorit, aber ein Team, das jedem Gegner empfindliches Ungemach bereiten kann, vor allem wenn er so spielt wie die Patriots im letzten Saisonmatch am vergangenen Sonntag gegen die Miami Dolphins.

New England offenbart zahlreiche Probleme

Diese reisten als eines der schlechtesten Teams der National Football League nach Foxborough, die Patriots mussten gegen den haushohen Underdog nur gewinnen, um sich ein freies Wochenende im Januar zu bescheren. Doch das Treffen offenbarte alle Probleme, welche New England zuletzt geplagt hatten. Schlampiges Spiel, krasse Fehler, mangelnde Präzision in Bradys Passspiel. Dennoch sah alles nach einem klassischen Patriots-Finish aus, als Brady seine Mannschaft rund vier Minuten vor Schluss mit einem Touchdown-Pass 24:20 in Führung brachte. Uncharakteristischerweise brachte New Englands sonst so zuverlässige Defense das Ergebnis aber nicht über die Zeit, 24 Sekunden vor Schluss gelang den Dolphins ihrerseits ein Touchdown zum 27:24-Sieg. Anstelle der Patriots bekamen die Kansas City Chiefs die ersehnte Pause und dürfen ebenso wie die Green Bay Packers, San Francisco 49ers und Baltimore Ravens gemütlich zuschauen, wie am Wochenende ihr Viertelfinalgegner ermittelt wird.

Für viele Beobachter war New Englands Missgeschick ein Beweis dafür, dass die Magie der Patriots und vor allem die vom 42-jährigen Tom Brady nun endgültig verflogen ist. Das allerdings wurde seit rund zehn Jahren immer wieder behauptet und immer wieder ad absurdum geführt, so wie vorige Saison, als Brady und sein Team vielfach abgeschrieben waren und sich doch am Ende im Super Bowl nicht glanzvoll, aber effizient mit 13:3 gegen die jungen Los Angeles Rams durchsetzten.

Entsprechend gelassen reagierten die Protagonisten auf die unerwartete Schlappe gegen Miami. „Wir hätten unseren besten Football gebraucht, den hatten wir heute nicht“, sagte lakonisch Coach Belichick, „hoffentlich gibt es ihn nächste Woche.“ Brady wurde konkreter und nahm brav die Schuld an der Misere auf sich. „Wir hatten Spielzüge, ich ganz bestimmt, die erfolgreich hätten sein müssen. Ich habe sie nicht gemacht, deshalb verliert man“, sagte er in seinem montäglichen Radio-Interview und erlaubte sich eine kleine Anleihe bei Pep Guardiola: „Diese Woche muss alles top, top, top sein.“

Quarterback Tom Brady verdrängt Zweifel

Keinen Gedanken wollte er daran verschwenden, dass die Partie gegen die Titans sein letztes Spiel in Foxborough sein könnte. Zwar hat er mehrfach angekündigt, mindestens bis 45 spielen zu wollen, doch sein Vertrag bei den Patriots läuft aus. Ausgeschlossen ist es nicht, dass er seine Karriere bei einem Scheitern lange vor dem Super Bowl am 2. Februar in Miami doch beendet oder sogar, undenkbar für die Patriots-Fans, noch einmal bei einem anderen Team angreift. NFL-Klubs, die einen Quarterback gebrauchen können, gibt es derzeit genug, und wenn der Mann Tom Brady heißt, darf er nächste Saison gern auch 43 Jahre alt sein. Was da so geredet werde, habe er nicht mitbekommen, sagte Brady am Donnerstag: „Ich habe den Fernseher diese Woche nicht eingeschaltet.“

Zweifel an seiner physischen Verfassung wischte er beiseite. „Ich habe keine Probleme, keine Verletzungen, ich fühle mich gut. Ich wünschte nur, ich hätte besser gespielt.“ Das gedenkt Brady am Sonnabend zu tun, um den verloren gegangenen Glauben an die Unfehlbarkeit der Patriots in den entscheidenden Momenten und an die eigenen Fähigkeiten als Heilsbringer wiederherzustellen. Die ungewohnte Präsenz am Wild-Card-Weekend störe ihn nicht: „Wenn wir gewinnen, wo ist der Unterschied? Wir müssen eben nur gewinnen.“